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Wermelskirchen: Vertreter aus Politik, Kultur und Gesellschaft zum Reformationstag

Reformationstag in Wermelskirchen : Angezettelt

Vor 503 Jahren hat Martin Luther mit dem Thesenanschlag in Wittenberg die Reformation ausgelöst. Was müsste heute dringend mal gesagt werden?

Es könnte eine stürmische Oktobernacht 1517 gewesen sein – der Vorabend des hohen Feiertags Allerheiligen. Vielleicht griff Martin Luther damals zu Hammer und Nagel, schnappte sich die Papierbögen, auf denen er insgesamt 95 Thesen notiert hatte, stürmte zur Schlosskirche in Wittenberg und nagelte seine Zettel an die Türe.

Der Mönch und Theologieprofessor hatte Redebedarf: Er hatte den Ablasshandel seiner Kirche beobachtet. Wer Sündenvergebung wollte, legte Geld in die Kirchenkassen und unterstützte so den Neubau des Petersdoms in Rom. Martin Luther war bei seinem Bibelstudium aber zu einer Einsicht gekommen: Aus Gnade vergebe Gott die Sünde der Menschen, keinerlei Leistung könne dieses Geschenk erzwingen – schon gar nicht eine Spende an die Kirche. Sind sich bis heute auch nicht alle Historiker über das Geschehen im Herbst 1517 einig, steht doch fest: Die Thesen machten in den nächsten Wochen und Monaten die Runde, sie wurden gedruckt, vervielfältigt und lösten schließlich die Reformation aus.

503 Jahre später haben sich die katholische und die evangelische Kirche längst weiterentwickelt, sie pflegen vielerorts eine enge ökumenische Zusammenarbeit. Über viele Fragen sind sie sich inzwischen einig, über andere streiten sie noch.

Was müsste heute dringend mal gesagt werden? Welche Thesen sollten mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen an Kirchentüren, Rathaustüren oder Landtagstüren einen Platz finden? Welche Thesen sind den Menschen heute wichtig? Unsere Redaktion hat heimische Vertreter aus Politik, Kultur und Gesellschaft nach ihren persönlichen Thesen gefragt – pünktlich zum Reformationstag 2020.

André Frowein, Vorsitzender des Marketingvereins WiW
Kirche gehört dahin, wo sie herkommt: auf die Straße zu den Menschen und weg von Gebäuden und Institutionen. So hat der Chef es selbst gemacht, so sollten wir es machen. Die aktuelle Lage hat uns einmal mehr gezeigt: Sozialdiakonie ist wichtig. In Wort und Tat sollte Kirche sich zu den Menschen bewegen, zu ihren Nöten und ihrer Freude.

Benjamin Floer, Pastoralrefernt St. Michael
Meine Thesen für ein glückliches Leben: 1. Schalte dein Handy aus und sei im Hier und Jetzt. Social, ganz ohne Media. 2. Du bist nicht wichtig, weil du gestresst bist. Mach es dir regelmäßig gemütlich. 3. Sag regelmäßig: „Gott sei Dank!“ 4. Gönn dir: Kaffee und heiße Schokolade, Kekse und Kuchen. Her damit!

Almuth Conrad, Evangelische Pfarrerin im Hünger
Schluss mit der einseitig männlichen Rede von Gott und her mit göttlicher Gerechtigkeit auch in der Sprache! Gott ist kein Mann! Auch keine Frau! Gott ist Gott! In unserem Reden aber tun wir viel zu oft so, als wäre Gott männlich! Dabei hat Gott alles Leben männlich und weiblich geschaffen. Gott in weiblichen Kategorien beschreiben zu wollen, ist also nicht meinem Emanzenwahn geschuldet, sondern Gott selbst! Die Bibel kennt vielfältige Namen Gottes, die jede Einseitigkeit ausschließen. Siehe auch im 1. Buch Mose. Da sprach Gott: „Wir wollen Menschen machen – als unser Bild, etwa in unserer Gestalt. Da schuf Gott die Menschen als göttliches Bild, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.“ Gott ist weiblich und männlich. Wir sind es auch. Ich denke, die Zeit ist reif: Wir müssen gerecht von und mit Gott reden.

Marie-Louise Lichtenberg, Pädagogin, Autorin und Künstlerin
Mein Thesenanschlag würde heute lauten: „Halte inne und sei achtsam. Schau Dir die Menschen, die Dir begegnen, genau an und öffne Dein Herz. Benötigt ein Mensch Hilfe, gewähre sie ihm so gut Du kannst. Denke daran, dass erst die bösen Gedanken kommen, dann die bösen Wörter und dann die bösen Taten. Liebe erzeugt Liebe und Hass erzeugt Hass. Behandle Deine Mitmenschen so, wie Du selbst behandelt werden möchtest: respektvoll und wertschätzen. Mit Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung sind mir auch als Katholikin drei Thesen von Martin Luther besonders wichtig: These 1: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“. These 44: „Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe, und der Mensch wird besser.“ Und These 45: „Wer einen Bedürftigen sieht, sich nicht um ihn kümmert..., der erwirbt ... Gottes Verachtung.“

Viola Willinghöfer, Ratsmitglied der Grünen
Das mit den 95 Thesen ist nun schon 503 Jahre her. Jeder sollte damals die modernen kirchlichen Änderungen sehen und so hat Luther sie in Wittenberg an die Schlosskirche gehängt. Es sollte sich etwas ändern! In Luthers Augen konnte und durfte es nicht so weiter gehen. Diese Revolutionsgedanken hat mir Luther in mein Leben mitgegeben. Machen, auch wenn es nicht einfach oder sogar unbequem ist. Da ich evangelische Christin bin, hat der Reformationstag etwas Besonderes für mich auch wenn Luthers damalige Themen nicht mehr alle so meine sind. Meine aktuelle und zugleich zeitlose These ist: Gemeinsam die Schöpfung bewahren und auf das ökologische Gleichgewicht für die kommenden Generationen achten! Ich würde meine These an die Türen aller Regierungsspitzen hängen. Für jeden einzelnen Menschen würde ich mir wünschen, dass sie sich jeder zu Herzen nimmt und soweit als möglich im Alltag lebt.

Rainer Deppe, Landtagsabgeordneter der CDU
Meine These mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen würde lauten: Achte jeden Menschen, so wie er ist. Bleib bei der Wahrheit und widerspreche jedem, der Falsches in Umlauf bringt. Wenn ich heute einen Aushang an die Landtagstüre hängen würde, würde ich schreiben: Anerkennung für die eigene Meinung erreicht man nur durch respektvolle Auseinandersetzung mit den Ansichten des Anderen. Würde ich heute nach der wichtigsten These Martin Luthers gefragt, würde ich sagen: These 14. „Je geringer der Glaube an Gott ist, umso größer ist die Angst vor dem Tod“. Denn sie gibt zeitlos die Kernbotschaft unseres christlichen Glaubens wieder. Fürchtet Euch nicht! Weil wir die Gewissheit haben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Auch deshalb macht es Sinn, in der Gegenwart so zu leben, dass man auch nach dem Tod noch guten Gewissens dazu stehen kann.