Wermelskirchen: Sozialpädagoge stärkt Vereine gegen Mitgliederschwund

Vortrag zu Mitgliederschwund in Wermelskirchen : „Vereine müssen schneller werden“

Zu lange Entscheidungswege und festgefahrene Strukturen: Vereine haben Nachwuchssorgen. In einem Vortrag in Wermelskirchen erklärt der Monheimer Sozialpädagoge Alexander Bülles, was Vereine besser machen können.

Vielen Vereinen mangelt es an Nachwuchs – und das liegt häufig an den Vereinen selbst, sagt der Sozialpädagoge Alexander Bülles. Um dem Mitgliederschwund vorzubeugen, müssten Vereine und Verbände mit der Zeit gehen und sich für Kinder und Jugendliche attraktiver aufstellen. In einem Vortrag im Bürgerzentrum Wermelskirchen zeigt der Sozialpädagoge Wege auf und erklärt vorab im Interview, wie sich junge Menschen für Vereine und Ehrenämter begeistern lassen.

Wenn ein Jugendlicher heute sagt, sein Hobby sei der Schützenverein, wird er von seinen Freunden vermutlich schräg angeguckt. Warum ist Vereinsarbeit so unmodern?

Alexander Bülles Ich würde nicht sagen, dass Vereinsarbeit unmodern ist. Aber es gibt leider die Entwicklung, dass immer mehr Vereine über Mitgliederschwund klagen. Junge Menschen nutzen zwar gerne die Angebote der Vereine, machen zum Beispiel aktiv Sport, wollen sich aber nicht selbst ehrenamtlich engagieren und zum Beispiel einen Übungsleiterschein machen oder sich für die Vorstandswahl aufstellen lassen.

Ohne Mitglieder wird es Ehrenämter und Vereine nicht mehr lange geben. Wie können sich Vereine moderner aufstellen?

BÜLLES Die Vereine müssen schneller werden. Der Nachwuchs ist es gewohnt, dass er zum Beispiel am Abend etwas im Internet bestellt und es dann am nächsten Tag bekommt. anders ausgedrückt: Auf eine Entscheidung folgt auch sehr schnell ein Ergebnis. In der Vereinsarbeit sind die Entscheidungsprozesse meist aber sehr lang. Es dauert, bis eine Idee tatsächlich umgesetzt wird, weil man auf die nächste Sitzung warten muss. Das macht die Vereinsarbeit für junge Menschen sehr unattraktiv und frustrierend. Bis ihre Idee zu einem Projekt wird, dauert es zu lang.

Vereinsarbeit ist also nicht per se langweilig, sondern nur nicht mehr zeitgemäß aufgestellt?

BÜLLES Genau. Ein Verein braucht lebhafte Strukturen, um dauerhaft bestehen zu können. Auch junge Mitglieder müssen sich einbringen können und ernst genommen fühlen, Viele Traditionsvereine sind aber noch durch alte Strukturen geprägt, bei denen man sich hocharbeiten muss. Das ist nicht zeitgemäß, auch die Berufswelt funktioniert inzwischen ja ganz anders. Wichtiger ist, dass ein verein erkennt, wer welches Potenzial hat und dieses dann bestmöglich einsetzt. Wenn ein neues Mitglied gerne Flyer gestaltet und das gut kann – warum sollte es dann jahrelang erstmal Plakate kleben müssen?

Trauen Vereine jungen Menschen zu wenig zu?

BÜLLES Sicherlich ist eine der größten Herausforderungen die Digitalisierung. Junge Menschen erreicht man heute auf anderen Kanälen als noch vor 15 Jahren. Optimal ist es, wenn man die Erfahrung der Älteren mit dem Know-How der Jungen zusammenbringt und ihnen auch vertraut.

Wie funktioniert das?

BÜLLES Man kann junge Menschen zum Beispiel die Social-Media-Kanäle betreuen lassen – und ihnen dabei auch etwas freiere Hand geben. Sie sollten nicht bis zur nächsten Vorstandssitzung auf den nächsten Post warten müssen, aber auch nicht die Erfahrung der Älteren ignorieren. Das ist eine Sache des gegenseitigen Vertrauens, dass sie die Veröffentlichungen auch im Sinne des Vereins umsetzen. Es hilft, sie am Anfang etwas zu begleiten. Generell gilt aber: Wer etwas Neues erreichen möchte, der muss sich auch wagen, etwas Neues zu tun.

Jetzt werden sich einige Vereine erst einmal bei Facebook und Instagram anmelden...

BÜLLES Es ist wichtig, individuell zu schauen, wen man überhaupt erreichen möchte. Die ganz Jungen sind nicht mehr bei Facebook, da sind etwa 30- bis 60-Jährige unterwegs. Das heißt aber auch: Wer einen Verein für Kinder hat. tritt dort in Kontakt mit deren Eltern. Jugendliche sind hingegen eher auf Instagram zu finden.

Wie können Vereine dort aus der gesamten Fotomasse herausstechen?

BÜLLES Es ist auch da tatsächlich schwierig, Menschen zu erreichen, Ein wesentlicher Punkt ist Corporate Identity, ein Wiedererkennungswert. Das kann immer dasselbe Vereinslogo sein, das sich auf Flyern oder auch online wiederfindet. Oder eine einheitliche, zum verein passende Bildsprache mit entsprechenden Hashtags. Das ist für jeden Verein unterschiedlich und muss individuell betrachtet werden. Ein Verein muss seinen eigenen Stil haben und darf sich nicht verstellen.

Mehr von RP ONLINE