1. NRW
  2. Städte
  3. Wermelskirchen

Wermelskirchen: So reagieren die Menschen in den sozialen Netzwerken

Wermelskirchener zur Virus-Pandemie in Internet-Netzwerken : Appelle, Aufreger und eine „Corona-Church“

Die Virus-Pandemie lässt Internet-Netzwerke noch verstärkter zum Spiegel von Meinungen und Reaktionen werden.

Wo persönliche Kontakte vermieden oder auf ein Minimum reduziert werden sollen, bieten soziale Netzwerke eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme, zur Äußerung persönlicher Meinungen, zum „Luft-Machen“ – Facebook und Co. ersetzen Stammtische oder Gespräche im Freundeskreis. Dort, wo auch Fake-News die Runde machen, bietet sich genauso eine Plattform zur schnellen Hilfe. Unter den Wermelskirchener Internet-Nutzern reicht die Bandbreite von Hilfe-Angeboten und der Gründung der Facebook-Gruppe „Wermelskirchen gemeinsam gegen Corona – Hilfe für Betroffene“ über humorige oder ironische Eingaben bis hin zu Pragmatismus, Appellen, Aufregern und betroffenen Äußerungen.

Die Erschrockenen
Dankmar Stolz postet: „Die Ausgangssperre wird kommen.“ Damit bezieht er sich auf Beobachtungen, dass sich nach wie vor viele Menschen im öffentlichen Raum zusammenfinden. Mike Galow stellt beim Blick aus dem Fenster fest: „Bei mir gegenüber in der Bäckerei brummt das Leben. Da sitzen Alte, Junge und Kinder fröhlich beisammen, als wäre nichts gewesen. Ich kann es nicht verstehen, warum die Leute so verantwortungslos sind.“ Der Kommunalpolitiker der Linken lässt den Beobachtungen eine drastische Forderung folgen: Die Wermelskirchener Linken fordern Bürgermeister Rainer Bleek zur Verhängung einer Ausgangssperre auf. Vanessa Krägenbrink sieht das ähnlich: „Heute noch 15 Kinder mit Eltern auf dem Spielplatz gesehen. Gruppen von Jugendlichen treffen sich an der Katt. Wo ist dann bitte der Sinn dabei?“

Die Appellierer
Täglich-Läufer (Streak-Runner) Lutz Balschuweit ist im Internet mit gleichgesinnten Ausdauer-Sportlern gut vernetzt: „Heute sehe ich auf Facebook wieder viele Fotos von Laufgruppen. Fünf Läufer können schnell 15 Leute infizieren. Balschuweit läuft weiter, aber alleine: „Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es nach so einer langen Zeit von über acht Jahren sicher eine tolle Läufer-Party und einen super gemeinsamen Lauf gegeben hätte. Ich bin mir voll und ganz bewusst, dass alleine laufen Leben rettet.“ Harald Heidbüchel, vielen Wermelskirchener Bürgern als Verkäufer von Aachener Printen auf dem Weihnachtsmarkt bekannt, schreibt: „Ich bin Rentner und gehöre der Fraktion Ü60 an. Leute, nehmt die Warnung ernst und seid Vorbild. An die Regeln halten.“

Die Helfer
Neben den sich in der Facebook-Gruppe „Wermelskirchen gegen Corona – Hilfe für Betroffene“ versammelnden Menschen, bieten auch andere direkt Hilfe an. So fordert Stefan Wiersbin in der Faceboook-Gruppe „Wonderful Wermelskirchen“ seine Nachbarn aus dem Wielviertel dazu auf, sich beim ihm zu melden, wenn Hilfe zum Beispiel zur Erledigung des Einkaufs benötigt wird. Ähnlich macht es die Tenter Gruppe des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM), die auf Instagram kundtut: „Aufgrund der aktuellen Lage möchten wir den gefährdeten Menschen und denen, die bereits in Quarantäne sind, gerne helfen.“ Das könnten Einkäufe, Apotheken-Gänge oder Gassi-Gehen sein.

Die „Aufreger“ Kerstin Schnabel postet auf Facebook bittere Ironie: „Es schleichen Leute über Not-Eingänge in Krankenhäuser, um das Besuchsverbot zu umgehen. Es scheint Familien zu geben, die bis 2023 kein Klopapier mehr kaufen müssen.“ Thomas Behle fordert zur Rücksichtnahme auf: „Wir haben keine Vorhersage für einen Atomkrieg. Sie müssen nicht einkaufen, als wären sie ein halbes Jahr im Keller. Vielleicht beim Einkaufen auch mal an die anderen Menschen denken, die dann nicht mal für den täglichen Gebrauch einkaufen können.“ Ähnlich beschreibt Katharina Hoffmann leergekaufte Regale in einem Wermelskirchener Groß-Supermarkt: „Liebe Hamsterkäufer, ich habe eine wirklich ernst gemeinte Frage: Was macht ihr mit den 500 Kilogramm Mehl und acht Tonnen Klopapier bei euch zu Hause? Wenn das irgendeine Geheimwaffe ist, lasst es uns wissen.“ Und weiter: „Es ist ok für mich, dass ihr nur an euch denkt. Mir tun einfach die Menschen leid, die sich die ‚teureren‘ Lebensmittel nicht leisten können oder eben gar nichts mehr bekommen, weil nichts mehr da ist.“

Die Humorigen
Nach dem Motto „Lachen ist die beste Medizin“ kursieren auch witzelnde Beiträge, die die Lage augenzwinkernd betrachten, durch die sozialen Netzwerke. So postet Hardy Schwanke Fotos von großen Geldschein-Bündeln auf WC-Papier-Haltern: „So, jetzt ist es passiert. Toilettenpapier ist alle. Nun muss ich improvisieren.“

Die Pragmatischen
Im „Krämerladen“ von Jochen Schmees an der Kölner Straße ist die bei Kindern beliebte „Spiel-Ecke“ derzeit abgebaut. Werbefachmann Tim Tiede setzt auf Homeoffice-Arbeit und stellt auf Instagram fest: „Workshop im Homeoffice mit den verbleibenden Teilnehmern: zwei Kinder. Thema: Aufarbeitung der letzten Tage im Ausnahmezustand. Dringende (und etwas straff moderierte Erkenntnis): Wir brauchen Regeln, sonst lüppt hier nix!“ Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde „Treffpunkt Hoffnung“ mit Pfarrer Arne Clemm will den Zusammenhalt der „Schäfchen“ unter dem Schlagwort „Corona-Church“ via Internet aufrecht erhalten: „Ab sofort gibt es im Treffpunkt Hoffnung eine 24-Stunden-Videokonferenz-Möglichkeit für Gebetstreffen, Besprechungen, gemeinsames Abendmahl. Sängerin Jeanne Altfeld, die ihre „Brötchen“ auch mit Gesangsunterricht verdient, gibt ihren Schülern weiterhin Lektionen: vom heimischen Klavier aus, verbunden mit ihren Schülern mittels Tablet-PC und Internet-Telefonie, die Bild sowie Ton überträgt.

Die Betroffenen
Künstler und Musiker trifft die Corona-Pandemie hart. Jede Absage eines Auftritts ist für die Akteure eine emotionale Enttäuschung – diejenigen, die vom Musizieren leben, trifft der finanzielle Verlust umso härter. So wurden die Auftritte der Beatles-Tribute-Band „Rubber Soul“ genauso abgesagt, wie die Support-Auftritte von Wermelskirchens Nummer-Eins-Export-Gruppe „Skin of tears“ mit den Hamburger Ska-Punk-Größen „Rantanplan“. Nach einer Schaffenspause und dann monatelanger Arbeit, die in der CD „Gloria“ mündete, müssen auch die Punk-Rock-Musiker von „Ni Ju San“ vorerst den „Pause“-Knopf drücken: Sie wollten die Veröffentlichung ihrer neuen CD am Samstag, 4. April, im Bahndamm mit einem Konzert feiern. Sihna Maagé, deren Crowdfunding für ihre neuen CD läuft, trifft die Corona-Pandemie doppelt: Als Sängerin und als freiberufliche Gesangslehrerin der geschlossenen Musikschule: „In dieser Zeit müssen wir uns gegenseitig unterstützen so gut wir können und positiv denken.“ Sie stellt fest: „Vor allem Selbstständige und Freiberufler haben es gerade schwer. Jobs, Konzerte, ganze Touren werden abgesagt. Ratlosigkeit macht sich breit. Vielleicht auch Panik. Existenz-Angst. Und doch muss es irgendwie weitergehen.“