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Wermelskirchen: Schulalltag am Esszimmertisch

Corona-Krise in Wermelskirchen : Schulalltag am Esszimmertisch

Malte (7) und Jan-Philip (12) lernen während der Corona-Krise zu Hause – einmal in der Woche kommt Post von der Schule. Neue Herausforderungen für die ganze Familie, aber auch neue Chancen eröffnen sich in diesen Tagen.

Beim Frühstück lässt sich Familie Robl heute ein bisschen mehr Zeit. Die Sonne scheint auf den Esszimmertisch, der Kaffee dampft. „Und wir nehmen den Druck raus“, sagt Kirsten Robl. Es ist ein gemütlicher Vormittag. Als die letzten Krümel dann aufgesammelt, Tassen und Teller leer sind, beginnen Jan-Philip und Malte den Tisch abzuräumen. „Lernzeit“, sagt Malte, „das machen wir jeden Tag direkt nach dem Frühstück.“ Und das habe seinen Grund: Einmal sei er vorher noch zum Spielen in seine Zimmer gegangen. „Da mussten wir ihn mit viel Überzeugungskraft zum Lernen locken“, erzählt Kirsten Robl. Und deswegen hat auch Malte für sich beschlossen: Gleich nach dem Frühstück werden Hefte und Bücher aufgeschlagen.

Dann sitzt der Siebenjährige mit seinem großen Bruder am Esszimmertisch und beide widmen sich ihren Lernaufgaben. Für Malte schickt seine Klassenlehrerin jede Woche eine Mail mit neuen Aufgaben. „Wir haben alle Bücher und Hefte mit nachhause genommen“, erzählt er. Und weil der Siebenjährige gerne Pläne macht, hat er sich einen Stundenplan gemalt: Deutsch, Mathe, Reli, Musik – und am Donnerstag Flöten-AG, genau wie zu Schulzeiten. Währenddessen arbeitet sein großer Bruder mit dem Online-Programm des Gymnasiums. Jan-Philip meldet sich an und bekommt dort jeden Tag seine Aufgaben. „Am Anfang war das System ein bisschen überlastet“, erzählt Kirsten Robl, „aber inzwischen funktioniert alles.“ Die fertigen Aufgaben schickt der Zwölfjährige dann an die Lehrer – und wartet auf die Rückmeldung.

„Ich habe das Gefühl, dass ich viel mehr mache als in der Schule“, sagt Jan-Philip. Und irgendwie sei das Lernen Zuhause auch anstrengender. Da sei niemand, der einem die neuen Dinge erkläre. „Wir müssen sie uns oft zusammen erarbeiten“, sagt seine Mutter, „das ist natürlich was anderes, als in der Schule.“ Sie sitzt dann mit ihren Söhnen am Tisch, strickt und gönnt sich eine Tasse Kaffee – bis die erste Frage kommt. Sie habe nicht auf alles eine Antwort, aber sie nehme sich mit den Kindern die Zeit, Antworten zu finden – auch mal mit Hilfe von google. Das bedeutet dann eben auch, noch mal in höhere Mathematik einzusteigen, sich mit dem Jüngsten auf die Suche nach den höchsten Bergen der Welt zu begeben und die Ruhe zu bewahren. Ihr Rezept: „Geduld“, sagt Kirsten Robl, „wir müssen unsere Kinder in diesen Wochen nicht fit machen fürs Studium.“ Und deswegen nimmt sie sich Zeit, erinnert sich zuweilen daran, die Ruhe zu bewahren und bringt Verständnis für ihre Kinder und die besondere Situation mit. „Noch klappt das wirklich ganz gut“, sagt sie.

Das bestätigen auch die beiden Jungs. Jan-Philip hat etwa drei Stunden Lernzeit, Malte arbeitet zwei Stunden am Tag. Und dafür haben sie Regeln aufgestellt. „Wir flüstern nur, damit wir den anderen nicht stören“, sagt Malte, „bei uns ist es viel leiser als in der Klasse und ich bin auch schneller.“ Seit dieser Woche darf der Zweitklässler nun mit dem Füller schreiben – ein großer Motivationsschub. Wenn alle Aufgaben erledigt sind, gibt es noch eine Extraaufgabe von der Mama: eine halbe Stunde lesen. Wenn die Kinder die Extraaufgabe meistern, verdienen sie sich Zeit mit Tablet und Handy. „Ich mache aus der halben Stunde immer den Religionsunterricht“, sagt Malte, „ich habe die Bibel im Bücherregal gefunden. Die lese ich dann.“ Danach kommen die Bücher weg – bis zum nächsten Morgen.

Am liebsten würde Malte nach den Aufgaben runter an die Odder gehen und mit seinen Freunden den Tunnel weiterbauen. Aber das ist erstmal tabu. „Es ist manchmal echt langweilig, dass alles geschlossen hat und wir unsere Freunde nicht treffen dürfen“, sagt er. Aber stattdessen gehen Robls nun nachmittags in den Wald. „Das ist dann schon etwas anstrengender, als die Kinder Schwimmen zu schicken“, sagt Kirsten Robl lachend. Währenddessen hat Jan-Philip eine neue App gefunden. „Jetzt kann ich mit allen meinen Freunden gleichzeitig telefonieren“, sagt er. Und manchmal freut er sich darauf schon, während er noch über den Matheaufgaben brütet.