Montagsinterview Patricia Skirde Pausen in den Ernährungsalltag integrieren

Wermelskirchen · Patricia Skirde ist Diätassistentin im Krankenhaus. Die Ernährungsexpertin spricht über gesunde Ernährung und den Genuss.

 Patricia Skirde arbeitet als Diätassistentin im Krankenhaus Wermelskirchen.

Patricia Skirde arbeitet als Diätassistentin im Krankenhaus Wermelskirchen.

Foto: Krankenhaus Wermelskirchen

Frau Skirde, was gab es denn bei Ihnen zu den Festtagen?

Patricia Skirde Eigentlich ganz klassisch: Sauerbraten, Rotkohl und Semmelknödel – also gar nichts Außergewöhnliches.

Wie kann man es schaffen, es mit dem Essen nicht zu übertreiben, gerade jetzt, wenn die nächsten Feiertage anstehen?

Skirde Wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen beim Essen, damit das Sättigungsgefühl auch nach 15 bis 20 Minuten einsetzen kann. Man kann sich natürlich auch ein bisschen Zeit zwischen den Gängen lassen, das dürfte an den weihnachtlichen Festtagen in gemütlicher Runde ja kein Problem gewesen sein. Vor einem Menü kann man auch ein großes Glas Wasser trinken, bevor die Völlerei dann richtig losgeht. Beilagen und fette Soßen sollte man ein wenig reduzieren, ganz weglassen muss aber auch nicht sein. Aber vielleicht lieber einmal etwas mehr Gemüse nehmen.

Was kann man tun, wenn es dennoch zu viel war, zum Beispiel an Silvester oder zu Neujahr?

Skirde Man sollte jedenfalls nicht zum Verdauungsschnaps greifen.

Ist das also ein Mythos?

Skirde Wenn der Magen schon gedehnt ist und man das Völlegefühl hat – und man dann einen Schnaps trinkt, wird einem vorgegaukelt, dass der Druck auf den Magen abnimmt. Durch den Alkohol entspannt sich die Magenmuskulatur. Dazu kommt, dass Alkohol Sodbrennen fördert sowie die Verdauung und die Fettverbrennung hemmt. Der Trick ist, dass Alkohol ein Zellgift ist, dessen Entsorgung im Körper Vorrang vor allem anderen hat. Der Rest bleibt solange liegen, bis der Alkohol entsorgt ist. Der Verdauungsschnaps ist also ein Placebo.

Was sollte man stattdessen machen?

Skirde Ein Verdauungsspaziergang kann helfen. Etwas Bewegung und frische Luft können nämlich gut helfen, den Verdauungsprozess in Gang zu bringen.

Welche Alternativen gibt es zum Festtagsbraten?

Skirde Eine Möglichkeit ist etwa ein magerer Putenbraten oder auch Fisch. Dazu kann man das Essen im Ofen garen, denn dann braucht man kein zusätzliches Fett. Außerdem könnte man beim Gänse- oder Entenbraten die Haut abmachen. Aber die schmeckt natürlich am besten. Vorspeisen könnten etwa Salate oder magere Suppen sein – und statt fettigem Käsegratin als Beilage lieber einfache Salz- oder Pellkartoffeln verwenden.

Wie stellt man den Körper nach den Festtagen wieder um?

Skirde Eigentlich am besten mit einer ganz klassischen, normalen Ernährung. Wichtig ist, eine geregelte Mahlzeitenstruktur einzuhalten. Ich empfehle da drei Hauptmahlzeiten – und die Zwischenmahlzeiten einfach wegzulassen.

Was genau läuft denn im Organismus ab?

Skirde Im Prinzip läuft es so: Bekommt der Körper Kohlenhydrate zugeführt, etwa durch Reis, Kartoffeln, Nudeln oder auch Süßigkeiten, dann wird Insulin ausgeschüttet, um den Zucker aus dem Blut in die Zellen zu transportieren. Und solange das Insulin im Blut ist, ist der Fettabbau gehemmt, während der Fettaufbau gefördert wird. Das bedeutet, wenn man zwischen den Hauptmahlzeiten ständig Zwischenmahlzeiten zu sich nimmt, wird auch ständig Insulin ausgeschüttet, da der Körper die Kohlenhydrate abbauen muss. Und solange das der Fall ist, werden die Fettreserven nicht angegangen. Daher – lieber keine Zwischenmahlzeit, oder aber etwa Obst und Gemüse.

Was sollte man sonst noch beachten?

Skirde Ausreichend Bewegung ist wichtig, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen – 30 bis 35 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht wird empfohlen – und Zucker und Alkohol zu vermeiden. Man muss einfach wieder Pausen in den Nahrungsalltag integrieren. Das kann man ja auch evolutionär betrachtet erklären. Wenn man ganz früher etwas Essbares gejagt hatte, wurde es verzehrt und bis zum nächsten Mal verging dann wieder Zeit. Dass wir heute praktisch pausenlos essen können, stellt unsere Bauchspeicheldrüse, die das Insulin ja produziert, auf eine harte Belastungsprobe. Daher der Tipp: Öfter eine Essenspause machen!

Gibt es einen Tipp, wie man länger satt bleibt?

Skirde Ja, eine ballaststoffreiche Mischkost – Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Die werden nicht so schnell abgebaut wie niedermolekulare Nahrung, etwa Weißmehlprodukte. Lieber eine Schnitte Vollkornbrot, als zwei helle Brötchen. Dann schafft man das Intervall bis zur nächsten Hauptmahlzeit auch besser.

Wie sieht es mit Diäten aus?

Skirde Für einen gesunden Menschen ist das absoluter Quatsch. Diät wird landläufig immer mit Kost zum Abnehmen gleichgesetzt. Das geht einher mit Verzicht, und dann ist man schnell an dem Punkt, an dem einem bestimmte Lebensmittel fehlen und damit auch Nährstoffe. Im medizinischen Sinne ist eine Diät eigentlich dann nötig, wenn in einem Organismus eine Einschränkung vorhanden ist – etwa bei Zöliakie, bei der der Patient Gluten aus Weizenprodukten nicht verträgt. Dem gesunden Menschen würde ich statt einer Diät viel eher eine langfristige Ernährungsumstellung empfehlen.

Keine Diät ist die richtige Diät?

Skirde Genau, es muss etwas Langfristiges sein, das sich auch in den Alltag einfügt. Abgesehen davon: Wer sich das ganze Jahr über vernünftig ernährt, dem wird an den paar Festtagen zu Weihnachten oder Neujahr nichts passieren. Weder wird man von einem Tag, an dem man supergesund ist, schlank, noch von drei Völlereitagen zu Weihnachten kugelrund und ungesund. Ernährung hat immer etwas mit einer langfristigen Strategie zu tun.

Wie kann man trotzdem effektiv Pfunde loswerden?

Skirde Wichtig ist, sich realistische Ziele zu setzen – nicht 25 Kilo auf einmal, sondern lieber ein bis zwei Kilo pro Woche, wobei es auch mal stagnieren kann. Dann sollte man sowohl gesund als auch bewusst essen, ausreichend trinken und sich drei Dinge bewusst machen: Wann esse ich, was esse ich und warum esse ich? Und sich die bereits erwähnte geregelte Ernährungsstrategie aneignen.

Welche Risiken werden durch Übergewicht befördert?

Skirde Das sind vor allem Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, das Schlaganfallrisiko steigt, Feststoffwechselstörungen wie zu hohe Cholesterin- oder Triglyceridwerte, Bluthochdruck, Fettleber, Gicht oder Sodbrennen.

Das möchte man alles nicht haben...

Skirde Nein, natürlich nicht, aber es lässt sich ja auch alles vermeiden, wenn man ein bisschen auf sich achtet und sich im BMI-Rahmen bis 25 bewegt.

Was ist denn Ihre persönliche Lieblingsernährungssünde?

Skirde Schokolade. Aber zu einer gesunden Ernährung gehören eben auch solche Genussmittel. Die Menge macht das Gift. Und Ernährung hat nicht nur etwas mit Schlank-Bleiben zu tun, sondern eben auch mit Genuss, Gesellschaft, Familie oder dem Zusammensein an den Feiertagen. Also – auch der Glühwein oder die Marzipankartoffel gehört dazu. Alles in Maßen, vom Gesunden ein bisschen mehr, damit fährt man dann sehr gut.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort