Wermelskirchen: Ohne Quereinsteiger bald kein Unterricht

Grundschulen in Wermelskirchen : Ohne Quereinsteiger bald kein Unterricht

Seiteneinsteiger können im Kampf gegen den Lehrermangel an Grundschulen weiterhelfen, sagen hiesige Rektorinnen.

Tomasz Kaliszweski hat nicht schon als Junge davon geträumt, ein Lehrer zu werden. Dass er seit nunmehr anderthalb Jahren in der Waldschule als Grundschullehrer arbeitet, verdankt er einem Zufall: „Ich hatte nach meinem Studium an der Sporthochschule Köln schon einige Berufsstationen hinter mir, als sich mir in Solingen vor drei Jahren erstmals die Chance bot, als Quereinsteiger in der Primarstufe Sport zu unterrichten.“ Damals sei er „einer der ersten Lehrer gewesen, die unterrichten durften, ohne auf Lehramt studiert zu haben“. Kaliszweski, der weiter in Köln wohnt, musste sich pädagogisch weiterbilden – parallel zu seiner Tätigkeit in der Schule. Eine anstrengende Phase sei das gewesen, die er indes gut gemeistert habe: „Das lag auch an meiner jahrelangen Erfahrung als Personal Trainer und Fußball-Coach. Zudem kann ich sagen, dass mir die Arbeit mit Kindern liegt“. Eine Einschätzung, die seine jetzige Chefin, die langjährige Schulleiterin Dagmar Strehlow-Toussaint, teilt: „Herr Kaliszweski hat einen fantastischen Blick dafür, was Kinder brauchen.“

Voll des Lobs ist auch Marion Klein, Leiterin der Städtischen Gemeinschaftsgrundschule Am Haiderbach, die Kaliszweskis Begabung als Lehrer ebenfalls erfahren durfte. Denn der Quereinsteiger aus Köln war vorübergehend auch an der Verbundschule der Standorte Hünger und Tente tätig. Dann sei er nach einigen Monaten an die Waldschule gewechselt, sagt Klein. Seither gebe es in ihrem Kollegium nur noch einen Quereinsteiger, der Musik unterrichte.

Klein räumt ein, dass sie „Herrn Kaliszweski unter dem Eindruck seines pädagogischen Talents gerne weiter in den Reihen gehabt hätte“. Obwohl die Zusammenarbeit mit Quer- und Seiteneinsteigern wegen der begrenzten Einsatzmöglichkeiten auch Schwierigkeiten berge: „Im Gegensatz zu studierten Grundschullehrkräften eignen sich Quer- und Seiteneinsteiger, die auch Gymnasiallehrer sein können, in der Regel nicht für den Unterricht der Kernfächer.“ Denn wer Sport oder Musik studiert habe, „kann fundiert auch nur Sport oder Musik lehren“. Anders diejenigen Kräfte, die ein Studium mit der Lehramtsoption Grundschule hinter sich haben: „Für diese Lehrer sind Deutsch oder Mathematik Pflichtbereiche gewesen. Daneben haben sie ein weiteres frei wählbares Fach wie Sachunterricht, Kunst, Musik, Englisch oder Religion studiert.“ Auch Sport zähle zu diesen Fächern, die im Berufsalltag von studierten Grundschullehrern beliebt seien und gerne unterrichtet würden.

Ferner seien diese Fächer „nicht regelmäßig mit einem Berg an Hausaufgaben verbunden, den die Lehrkraft daheim durchackern muss“. Zudem gebe es in den sogenannten weichen Fächern „seltener Probleme, die zu schwierigen Elterngesprächen führen können“. Viele Gründe, die „beim Nebeneinander von Grundschullehrern und Quereinsteigern für Frustrationen unter den regulären Kräfte sorgen können“.

Klein findet den Einsatz von Seiteneinsteigern in der Primarstufe somit „gut, um kurzfristig etwas gegen akuten Lehrermangel zu tun“. Eine dauerhafte Lösung sei es nicht. Dauerhaft hilfreich wäre „eine Bezahlung, die die Arbeit an der Grundschule aufwertet“. Damit sei jedoch nicht gemeint, „Gymnasiallehrer, die vom ersten Arbeitstag an mehr verdienen, als ein langjähriger Grundschullehrer ohne Personalverantwortung je verdienen kann, als Seiteneinsteiger an die Grundschulen zu locken, wo sie dann nach aktuellen Überlegungen über Zuschläge künftig noch mehr verdienen sollen“. Dieses Konzept wäre heikel, „weil es in der Praxis zu Unfrieden im Kollegium der studierten Grundschullehrer führen kann“.

Marion Klein, Schulleiterin der Grundschule Haiderbach, Standort Tente. Foto: Melanie Aprin

Der Unmut sei vielerorts ohnehin schon groß. Was daran liege, „dass die wichtige Basisarbeit von Grundschullehrern nach wie vor nicht so angemessen vergütet wird wie etwa die Arbeit von Gymnasiallehrern“. Und das, obwohl Grundschullehrer „erhebliche Erziehungsarbeit leisten und einen Bildungsauftrag erfüllen, für den häufig mehr pädagogisches Know-how erforderlich ist als bei der Arbeit mit Schülern, die als beste ihres Jahrgangs von der Grundschule an die weiterführenden Schulen wechseln“. Doch anstelle mit einer besseren Bezahlung „ein Signal zur Aufwertung der Arbeit von Grundschullehrer auszusenden“, entstehe nun durch die Tendenz zur vermehrten Kooperation mit Quereinsteigern teilweise der Eindruck, „dass sich jeder zum Grundschullehrer weiterbilden lassen kann, der die Arbeit mit Kindern mag und ein gefragtes Fachwissen hat“. Ein Eindruck, der auch Friederike Kelzenberg-Gerloff, der langjährigen Leiterin der Dhünntalschule, missfällt. Sie fordert angesichts der kursierenden Vorschläge zur Bekämpfung des Lehrer-Mangels in der Primarstufe eine Grundsatz-Diskussion: „Die Grundschule ist ein Ort grundlegender Bildung. Eine Gesellschaft muss sich fragen, wie viel ihr das wert ist und welche Art von Lehrkräften mit welcher Qualifikation diese Grundlagen legen soll.“

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