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Wermelskirchen: Nicht nur den Tätern hinterherlaufen

Opferschutz bei der Polizei : Nicht nur den Tätern hinterherlaufen

Die Opferschützer der Polizei bleiben, wenn Wachdienst oder Kriminalbeamte wieder gehen. Sie übernehmen den sozialen Teil der Polizeiarbeit, für den es lange keinen Raum gab. Susanne Krämer ist eine von ihnen.

Es begann mit einer Vermisstenmeldung. Eine Familie hatte der Polizei gemeldet, dass ihre Tochter nicht Nachhause gekommen sei. Die Polizei begann zu ermitteln und machte sich auf die Suche nach der Jugendlichen. „Das Mädchen nahm dann Kontakt zu uns auf“, erzählt Susanne Krämer, Opferschützerin bei der Polizei im Rheinisch-Bergischen Kreis. Und die Jugendliche erzählte ihren Teil der Geschichte: Sie habe sich verliebt, ihre Eltern würden den neuen Freund jedoch nicht akzeptieren und hätten sie stattdessen daran erinnert, dass ihre Verlobung bereits vereinbart sei. „Das Mädchen war unter Druck geraten“, sagt Susanne Krämer, „und dann war sie geflüchtet.“

Ihr Glück: Mit dem Kontakt zur Polizei hatte die Jugendliche die Opferschützerin auf den Plan geholt. Susanne Krämer suchte den Kontakt zu den Eltern, vereinbarte ein Treffen und lieh der Tochter ihre Stimme. „Ich habe versucht, den Eltern die Sicht des Mädchens zu erklären“, erzählt Susanne Krämer, „und tatsächlich haben unsere Gespräche in diesem Fall zum Umdenken der Eltern geführt.“ Das habe zwar eine Weile gedauert, aber die Verlobung wurde gelöst, das Mädchen kehrte zurück. „Von einem Happy End können wir leider trotzdem nicht sprechen“, sagt die Opferschützerin, „die Familie wurde dann von dem verschmähten Verlobten bedroht.“ Und trotzdem: Susanne Krämer hatte Brücken gebaut und polizeilicher Arbeit ein zweites Gesicht gegeben.

 Susanne Krämer
Susanne Krämer Foto: Polizei
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Seit den 1990er Jahren kümmert sich die Polizei auch um den Opferschutz – nicht als psychologisches, sondern als soziales Angebot. „Damals gab es einen gesellschaftlichen Prozess, der auch die Polizei erfasst hatte“, erzählt die Opferschützerin, „wir wollten nicht mehr ausschließlich den Tätern hinterherlaufen.“ Es entstand die Erkenntnis: Es bleiben Opfer zurück und mit ihnen häufig Sekundärtraumata. Der Behörde wurde klar: Es spielte eine große Rolle, wie sie mit Opfern umgeht. In der Vergangenheit waren Menschen oft alleine gelassen worden. „Wohl auch mangels Wissen“, sagt Susanne Krämer. Sie selbst erinnert sich an die Jahre im Wachdienst, als sie Einsatzstellen häufig mit einem mulmigen Gefühl verließ. „Eigentlich wollte ich mehr Zeit für die Menschen nehmen“, sagt sie, „aber dafür war einfach keine Gelegenheit.“ Der Wachdienst könne den Opfern etwa bei Unfällen, Überfällen oder Gewalttaten in der Familie gar nicht gerecht werden. „Ich wollte mich aber kümmern“, sagt Susanne Krämer. Und deswegen ergriff sie 2007 die Chance einer Neustrukturierung unter dem Dach der Polizei und wurde Opferschützerin. „Das war für mich ein großer Glücksfall“, sagt sie, „jetzt habe ich die Zeit für die Menschen“.

Wie für das Mädchen auf der Flucht. Oder für Menschen, die sich bedroht fühlen und die Nummer der Opferschützer in Bergisch Gladbach wählen. Oder für Opfer nach sexuellen Übergriffen, die Fragen haben und dringend Antworten suchen. „Unser Angebot gilt dabei unabhängig davon, ob Anzeige erstattet wurde“, sagt Susanne Krämer. Viel mehr verstehe sich der Opferschutz auch als Gefahrenabwehr und als Prävention. „Dann bemühen wir uns darum, deeskalierend zu wirken“, sagt die Opferschützerin, „auch mal als Mittlerin einzutreten, wenn Menschen unter Druck geraten.“ Oft sind es aber auch ganz praktische Fragen, mit denen sich Menschen im Rheinisch-Bergischen Kreis an den Opferschutz wenden: Welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es in einer Situation? Wann kann eine Anzeige erstattet werden? Wie sieht der Ablauf bei einer Strafverfolgung aus? Und welche Beratungsmöglichkeiten oder finanzielle Unterstützung gibt es in der Nähe? „Es gibt unendlich viele verschiedene Fragen in unserem Beratungsbereich“, sagt die Kriminalhauptkommissarin. Manchmal erklärt sie Opfern den Unterschied zwischen Straf- und Zivilverfahren. Manchmal eröffnet sie ihnen den Weg zum „Weißen Ring“, der sich um die Opferhilfe kümmert oder an eine Beratungsstelle, die auch psychologische Unterstützung anbieten kann. „Es gibt einen Unterschied zwischen Opferschutz und Opferhilfe“, erinnert Susanne Krämer, „wir sind für den Schutz zuständig.“

Die Beratungszahlen steigen stetig: „Wir sind mit den Anfragen ausgelastet“, erzählt die Opferschützerin. Allerdings sei das nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass auch die Zahlen der Opfer oder Straftaten steige. „Es gibt heute ein anderes Bewusstsein“, hat Susanne Krämer beobachtet, „die Menschen fragen nach Hilfe.“ Und die sollen sie beim Opferschutz bekommen.