Wermelskirchen: Montagsinterview zum Karneval mit Harry Tiede

Montagsinterview mit Harry Tiede: „Politik und Karneval sollte man trennen“

Harry Tiede hat vor 22 Jahren den Festausschuss des Dabringhauser Karnevals mit ins Leben gerufen. Im Interview erklärt er, was die fünfte Jahreszeit für ihn bedeutet

Herr Tiede, können Sie sich noch an Ihren allerersten Karneval erinnern?

Harry Tiede Ja, da kann ich mich sogar noch gut dran erinnern. Als Kinder haben wir immer Cowboy und Indianer gespielt. Meine Eltern waren auch schon im Karneval aktiv und so hatten wir Kinder diesen Virus schon mit in die Wiege gelegt bekommen.

Was macht für Sie den besonderen Reiz aus?

Tiede Der ganze besondere Reiz ist, dass die Menschen einfach fröhlich sind. Sie lachen, singen, tanzen – es herrscht ein ganz allumfassender Frohsinn. Das finde ich besonders schön.

Ist der Karneval für Ihre restliche Familie auch ein so großes Thema?

Tiede Das ist in der jetzigen Generation sogar noch mehr, wir sind alle jeck und im Karneval aktiv. Kinder und Kindeskinder sind alle mit dabei.

Haben Sie ein Lieblingskostüm?

Tiede Natürlich ist das in erster Linie mein Gardekostüm. Wenn ich das dann aber doch mal nicht anhaben sollte, dann steht für mich das Clownskostüm ganz weit oben.

So bunt wie im Vorjahr soll es auch 2019 beim Dabringhauser Rosenmontagszug zugehen (Archivfoto). Foto: Meuter, Peter (pm)

Was ist Ihnen persönlich lieber: Straßen- oder Sitzungskarneval?

Tiede Auf jeden Fall grundsätzlich erst mal der Straßenkarneval. Dafür schlägt mein Herz. Aber wir gehen auch sehr gerne und häufig zu Sitzungen. Das ist natürlich auch durch unser Dabringhauser Dreigestirn bedingt. Dazu gehört der Karneval in der Mehrzweckhalle, der von unseren Vereinen getragen und organisiert wird – auch wenn das kein reiner Sitzungskarneval ist.

Haben Sie einen Lieblingsbüttenredner?

Tiede Ja, den habe ich tatsächlich. Es ist Hans Hachenberg, der bekannt ist als Doof Noß. Er hatte so einen herrlich trockenen Humor. Hachenberg stammte aus Bergisch Gladbach und hat mit seinen Reden immer absolut meinen Humor getroffen – kurze Witze, witzig, ich mag ihn einfach unheimlich gerne. Er ist ja leider 2013 verstorben, aber ich sehe mir auch heute noch im Internet immer wieder etwas von ihm an.

Wie politisch und sozialkritisch sollte der Karneval sein?

Tiede Meiner Meinung nach sollte man das absolut trennen. Politik hat für mich im Karneval nichts verloren. Ich bin zwar ein politisch interessierter Mensch, aber das möchte ich nich in den Karneval hineinnehmen. Da kommen wir wieder zum Sitzungskarneval: Wenn die Büttenredner ihre Pointen mit politischen Spitzen krönen – da bin ich absolut gegen.

Was ist das Reizvolle am Karneval „im Dorf“ – im Vergleich zu den Hochburgen?

Tiede Der große Unterschied ist, dass es im Dorf kleiner und familiärer ist. Der Kommerz ist hier nicht ganz so präsent wie in den Hochburgen. Dadurch kommt das Familiäre eben entsprechend mehr durch. Speziell hier in Dabringhausen können wir uns diesbezüglich ohnehin auf die Schultern klopfen, gerade wenn man sich in der Umgebung umsieht. Wir bekommen das wirklich noch sehr gut geschaukelt, wo andere Städte durchaus zu kämpfen haben.

Wie sieht der Karneval in Dabringhausen aus?

Tiede Zunächst einmal haben wir vor rund 20 Jahren einen ganz großen Schritt nach vorne gemacht, als wir den Festausschuss gegründet haben. Damals haben sich die Vereine und Gruppierungen zusammengeschlossen und arbeiten seitdem gemeinsam auf ein Ziel hin. Es kocht nicht mehr jeder sein eigenes Süppchen. Das hebt uns auch von der Umgebung ab, wir ziehen hier alle an einem Strang. Los geht die Session jedes Jahr im Oktober mit einem Herbstfest, das gefolgt wird von der Proklamation des Dreigestirns. Dann gibt es den Kinderkarneval, den Altweiberball, unsere Sitzung „Wir unter uns“ und den Rosenmontagszug. Alle diese Veranstaltungen laufen unter der Schirmherrschaft des Festausschusses.

Ist das nur etwas für die Einheimischen – oder kommen da auch Gäste von außerhalb?

Tiede Mittlerweile bekommen wir Anfragen für Karten auch weiter aus der Umgebung – aus Wipperfürth, Remscheid und was weiß ich auch noch alles. Gerade die Sitzungsparty „Wir unter uns“ am Karnevalssamstag ist eine echte Kultveranstaltung geworden, für die wir Anfragen aus der ganzen Umgebung bekommen. Auch jetzt gibt es nur noch Restkarten, ebenso für den Kinderkarneval. Zur Proklamation kommen auch immer 600 bis 800 Leute.

Wie muss man sich die Organisation vorstellen – gibt es viele Helfer?

Tiede Im Festausschuss sind wir acht Personen, die kümmern sich um die Organisation. Die Arbeit beim Auf- und Abbau und bei allem was sonst rund um den Karneval so anfällt wird dann von den Vereinen und Gruppierungen gestemmt. Ich würde sagen, dass zu Karneval drei Viertel des Dorfes auf den Beinen sind und mithelfen.

Wann starten die Planungen für die jeweilige Session?

Tiede Die laufen praktisch das ganze Jahr über, nach der Session ist vor der Session. Wir haben schon jetzt Anmeldungen für die Proklamation des nächsten Dreigestirns. Und auch das haben wir übrigens schon.

Haben Sie manchmal auch die (Papp-)Nase voll vom Karneval?

Tiede Es ist schon stressig und man kommt an seine Grenzen. Aber sobald die Musik wieder angeht, vergisst man das alles wieder. Die Nase voll habe ich grundsätzlich aber nie – sonst würde ich das Ganze ja auch nicht machen.

Was geht am Aschermittwoch in Ihnen vor?

Tiede In dem Moment, wenn sich das Dreigestirn am Veilchendienstag entkleidet und der Nubbel verbrannt wird, sieht man die ersten kleinen Tränchen, dass es vorbei ist. Da ist aber auch Dankbarkeit dabei, weil es ja eine wunderschöne Zeit ist. Am Aschermittwoch, nach dem Fischessen, atme ich dann aber schon tief durch – und brauche erst einmal eine Woche Urlaub. Und damit bin ich, glaube ich, nicht alleine.

Sie sind seit über 20 Jahren als Prinzenführer bei der Organisation des Dabringhauser Karnevals ganz vorne mit dabei. Denkt man dann schon mal ans Aufhören?

Tiede Nein, ans Aufhören denke ich noch nicht. Es macht mir einfach viel zu viel Spaß! Aber wenn ich natürlich in die Zukunft gucke, dann ist klar, dass man für die Nachfolge sorgen muss. Und das mache ich, ich bin in der Organisation keinesfalls ganz alleine. Die Zukunft ist also gesichert.

(wow)
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