Einzelhandel in der Krise Modehändler in Wermelskirchen verkauft Nudeln und Erdnüsse – aus Protest

Wermelskirchen · Der Inhaber des Modegeschäfts „Sweetex“ in Wermelskirchen hat zu einer ungewöhnlichen Aktion eingeladen, um auf Schlupflöcher in der geltenden Corona-Schutzverordnung aufmerksam zu machen. Er fühlt sich im Vergleich zu den Lebensmittelgeschäften benachteiligt.

 Das ntv-Team interviewt Anke Janke, die an dem Morgen „Sweetex“-Inhaber Jörg Michels unterstützen will.

Das ntv-Team interviewt Anke Janke, die an dem Morgen „Sweetex“-Inhaber Jörg Michels unterstützen will.

Foto: Kathrin Kellermann

Es ist ein ungewöhnliches Bild, das Passanten am Mittwochmorgen in der Carl-Leverkus-Straße bestaunen können: Vor dem Modeladen „Sweetex“ haben sich Kamerateams von ntv und WDR aufgebaut, Reporter interviewen Kunden, die neugierig den Laden betreten. Zwischen Kaschmir-Pullovern, Mänteln, Anzügen und festlichen Brautkleidern hat Inhaber Jörg Michels, der seit 17 Jahren die „Hochzeitsstraße“ in Wermelskirchen betreibt, Nudeln, Chips, Kekse, Popcorn, Erdnüsse und Schokoküsse aufgebaut, die er drei Stunden lang verkaufen will. Nicht etwa, weil er sich damit erhofft, den Umsatz, den er bisher im Lockdown verloren hat, wieder reinzuholen, sondern weil ihm langsam die Hutschnur platzt, wie er selbst sagt: „Immer mehr Supermärkte fangen an, vermehrt Kleidung anzubieten. Die sehen die Nische, weil wir geschlossen sind und produzieren mehr Klamotten, weil sie auch das Geld haben, um Frühjahrsmode zu bestellen. Modische Einzelhändler haben aber kein Geld mehr, weil wir noch auf der Wintermode sitzen, die wir bezahlt haben und die keiner mehr will.“ Für drei Stunden will er den Spieß nun umdrehen, um die Aufmerksamkeit auf Einzelhändler zu lenken, „denen das Wasser bis zur Oberlippe steht und die keine Unterstützung vom Staat bekommen“, sagt er wütend.

Dirk Stöcker, der an dem Morgen Chips und Schokoküsse für 3.40 Euro kauft, unterstützt ihn gerne: „Ich finde die Aktion mega, weil es an der Zeit ist, dass jemand darauf aufmerksam macht, was hier verkehrt läuft“, sagt er. „Lebensmittelketten erweitern ihr Portfolio, während kleinere Geschäfte zumachen müssen.“ Der lokale Einzelhandel müsse mehr unterstützt werden. Er selbst habe aus dem Grund auch noch nie bei einem Internet-Giganten bestellt. Die Angst, dass kleinere Geschäfte und Betriebe die Corona-Krise nicht überstehen, treibt auch Anke Janke an diesem Morgen zu „Sweetex“, um den außergewöhnlichen Hilfeschrei des Modehändlers zu unterstützen. „Wir haben wirklich schöne, inhabergeführte Geschäfte in Wermelskirchen und ich habe Angst, dass das alles kaputt geht“, sagt die Inhaberin einer Veranstaltungs-Agentur, die wie Jörg Michels unter der Pandemie leidet. „Wir haben keine Planungssicherheit und keine Unterstützung“, beschwert sie sich. „Die Maßnahmen sind wichtig, um die Pandemie einzudämmen, aber wir brauchen Perspektiven. Und momentan haben wir das Gefühl, dass wir vergessen werden.“ Die Wut und Verzweiflung der Modehändler und Friseure könne sie nur zu gut verstehen: „Wenn man kein Geld bekommt, ist das ein hartes Los.“ Dass große Unternehmen vom Staat unterstützt werden, findet sie in Ordnung, „weil ich froh bin um jeden Arbeitsplatz, der gerettet wird, aber wir Kleinen fallen hinten runter, weil die ganz oben scheinbar nicht wirklich wissen, was hier passiert. Deshalb finde ich es sehr mutig von Jörg Michels, dass er mit der Aktion wachrütteln will.“

 Dirk Stöcker bezahlt bei Dina Michels seine Chips und Schokoküsse,die er mit seinen Kindern vernaschen will.

Dirk Stöcker bezahlt bei Dina Michels seine Chips und Schokoküsse,die er mit seinen Kindern vernaschen will.

Foto: Kathrin Kellermann

Nicht nur sie, auch Tobis Opitz vom Eventhaus Giebel, das seit Monaten verwaist ist, hätten zahlreiche Briefe an Politiker geschrieben. „Von Peter Altmeiers Büro habe ich auch Antwort bekommen“, verrät Opitz, der nebenbei als Software-Entwickler arbeitet. Die Antwort sei „nettes Blabla“ gewesen, sagt er. Auf die „unbürokratischen Hilfen“, die ihnen allen zugesichert worden seien, würden sie noch immer warten. Begründung, dass die November-Hilfen noch nicht ausgezahlt werden konnten, seien immer Software-Probleme, sagt Tobias Opitz. „Das ist lachhaft. So eine Software-Entwicklung ist eine Übung für einen Studenten im ersten Semester“, sagt er. „Da arbeiten also entweder nur Muppets oder es gibt ein anderes Problem.“

 Kekse gibt es einmalig bei „Sweetex“, verspricht Inhaber Jörg Michels.

Kekse gibt es einmalig bei „Sweetex“, verspricht Inhaber Jörg Michels.

Foto: Kathrin Kellermann

Was sie alle, und auch „Sweetex“-Inhaber Jörg Michels, antreibt: „Die Motivation ist, dass man 20 Jahre harter Arbeit nicht einfach wegschmeißt“, gibt Anke Janke zu, „Ich hoffe einfach, dass es weitergeht.“ Und sie hofft, dass mit der ungewöhnlichen Aktion bei „Sweetex“ etwas in Gang kommt. „Ich habe keine andere Möglichkeit mehr gesehen, um mich zu wehren, dass mein ‚Baby’, wie ich meine Hochzeitsstraße nennen, mit Füßen getreten wird“, gibt ein verzweifelter Jörg Michels zu. Mit seiner einmaligen Aktion, Lebensmittel im Modegeschäft zu verkaufen, „will ich darauf aufmerksam machen, wie leicht es ist, die Gesetzeslage zu umgehen. Ich könnte ja auch einen Kiosk oder Nudelshop einrichten“, sagt der Einzelhändler. „Das will ich aber gar nicht, sondern ich will einen harten Lockdown für alle, damit wir die Pandemie in den Griff bekommen. Denn das ist Solidarität.“ Dass er seinen Hilfeschrei so populär in den Medien unterbringt, habe nichts mit PR zu tun, sondern mit einem Wunsch: „Ich möchte einmal in eine TV-Sendung mit Markus Söder, Jens Spahn und Peter Altmaier, damit ich denen klare Fragen stellen kann, auf die ich endlich Antworten für Normalsterbliche und kein Wischiwaschi mehr haben will.“

 Tobias Opitz unterstützt die Aktion, damit „endlich was passiert“.

Tobias Opitz unterstützt die Aktion, damit „endlich was passiert“.

Foto: Kathrin Kellermann

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier würde er fragen: „Was wäre, wenn ich Ihnen ein Berufsverbot geben würde. Und ich bin der Politiker und würde aus Ihrer Sicht eine komplett falsche Politik forcieren. Was sagen Sie dann, wenn ich Ihnen Haus und Hof wegnehmen würde, Sie nichts mehr bezahlen können und Sie müssten sich jeden Tag angucken, wie ich Politik mache.“

Das seien die Gedanken, die ihn umtreiben würden, wenn er Peter Altmaier im TV sieht „und ich dann lese, dass sich Jens Spahn eine Villa in Berlin gekauft hat. Die gönne ich ihm von Herzen, aber es ist etwas unklug, das in Zeiten zu machen, in denen viele am Hungertuch nagen. Da finde ich keine Worte für“, sagt Einzelhändler Jörg Michels sauer, der um das Fortbestehen seines Unternehmens kämpft. 17 Jahre lang hat er die Hochzeitsstraße, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist, aufgebaut, „jeden Cent in das Unternehmen gesteckt. Ohne fremde Mittel halten wir nicht durch. Und das ist bitter. Man hat ein Unternehmen aufgebaut und bekommt keine Unterstützung. Da muss man sich wehren.“

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