Wermelskirchen: „Kinderarmut ist leise“

Rabea Kapik : „Kinderarmut ist leise“

Ganztagskoordinatorin Rabea Kapik spricht über Kinderarmut und das neue Hilfsprojekt „Materialzone“.

Frau Kapik, wie sieht Kinderarmut in Deutschland aus?

Rabea Kapik Das ist nicht die Armut, die man plakativ auf Bildern sieht: Es ist nicht das Kind, das im Müll wühlt oder verhungernd an der Straßenecke sitzt. Kinderarmut in Deutschland ist meistens verdeckt. Kinder haben eine Wohnung, sie haben auch genug zu essen. Die Armut äußert sich in anderen Bereichen, etwa der Teilhabe: Die Turnschuhe für den Sportunterricht sind zu klein geworden, am Ende des Monats reicht das Geld nicht mehr für das Pausenbrot, das Geodreieck ist verschwunden. Und die Eltern haben dann nicht das Geld, um die Sachen zu ersetzen. Kinderarmut in Deutschland ist leise. Und diese leise Armut versuchen wir zu bekämpfen.

Wie viele Kinder sind davon betroffen?

Kapik Die jüngste Statistik spricht deutschlandweit von 19 Prozent, in Nordrhein-Westfalen liegt der Schnitt bei 25 Prozent. Zahlen für Wermelskirchen habe ich nicht vorliegen, aber wenn man den Landesschnitt als Grundlage nimmt, finde ich, dass jedes vierte Kind für eine Industrienation ein enorm hoher Prozentsatz ist.

Was sind die Ursachen?

Kapik Die Ursachen sind vielfältig. Oft sind es nicht faire Löhne bei den Eltern. Aber auch Hartz IV, denn das sieht keinen Sparbetrag vor. Wenn die Turnschuhe im Schuljahr zu klein werden, heißt es als Hartz-IV-Bezieher: Pech gehabt. Es sind auch viele Alleinerziehende betroffen, da sie meist nicht die volle Stundenzahl arbeiten können, auch weil die Ganztagsbetreuung nicht optimal ist. In Deutschland ist Armut immer relativ, es ist eben nicht die absolute Armut, die wir etwa aus Afrika kennen.

Können Sie die „Materialzone“ kurz skizzieren?

Kapik Es ist eine Anlaufstelle im Ganztag der Haupt- und Sekundarschule, der von der Katholischen Jugendagentur Leverkusen Rhein-Berg Oberberg gGmbH organisiert ist. Neben der Betreuung sind auch soziale Angebote dort verankert. Im vergangenen Jahr gab es etwa einen „Tausch dich glücklich-Schrank“. Da konnten Kinder Bücher, die sie nicht mehr lesen wollten, gegen andere austauschen. Auf Anregung aus dem Lehrerkollegium haben wir uns nun dafür entschieden, die „Materialzone“ ins Leben zu rufen. In der „Materialzone“ können Kinder die Materialien bekommen, die sie in der Schule brauchen, aber von zu Hause aus nicht ersetzt bekommen können, weil eben das Geld fehlt. Meistens haben sie die Materialien am Anfang des Schuljahres gehabt, aber im Laufe eines Schuljahres sind sie kaputt- oder verlorengegangen. Dann können sie zur „Materialzone“ kommen, um etwa ein neues Geodreieck oder einen neuen Füller zu bekommen.

Woher kommt die Idee dazu?

Kapik Die Caritas im Rheinisch-Bergischen Kreis hat das Angebot des „Schulsachenbüdchens“ erfolgreich lanciert, daran haben wir uns orientiert. Wir haben unser Projekt „Materialzone“ genannt.

Wie wird das Projekt angenommen?

Kapik Wir sind Mitte März gestartet, bis jetzt waren mehr als 100 Kinder bei uns. Viele waren mehrfach da. Einfach weil im Laufe eines Schuljahres eben zuerst einmal das Geodreieck verloren geht, dann ist der Zirkel kaputt – das kennt man ja aus der eigenen Schulzeit noch.

Auf welchen Zeitraum ist das Projekt ausgelegt?

Kapik Generell steigt ja die Kinderarmut, wenn es also nach mir geht, dann sollte das Projekt sich etablieren und dauerhaft laufen. Wir haben es im Moment so geplant, dass die „Materialzone“ ab dem kommenden Schuljahr von den Schülern mitbetreut werden soll, damit eine Kontinuität geschaffen wird.

An wen richtet sich die „Materialzone“?

Kapik An alle Kinder, die materielle Hilfe benötigen. Das Besondere ist, dass sie dafür keinen Antrag stellen brauchen, sie müssen auch den Eltern nichts davon erzählen, weder die Eltern noch die Schulleitung bekommen mitgeteilt, dass das Kind bei uns war. Die Kinder müssen einfach nur mit ihrem Schulausweis zu uns kommen und sagen, was sie brauchen.

Gibt es einen Vorrat an Materialien?

Kapik Wir bekommen von der Schule eine Liste, auf der vermerkt ist, was als Schulbedarf gilt – was also die Eltern zum Schuljahresbeginn besorgen müssen. Mit diesem Bedarf haben wir angefangen und arbeiten wir. Anfangs war ich etwas zu optimistisch und habe je zehn Füller, Kugelschreiber und Geodreiecke besorgt. Das hat nicht lange vorgehalten...

Wie kann man gewährleisten, dass tatsächlich nur bedürftige Kinder kommen?

Kapik Wir kontrollieren, dass sich die Kinder die Sachen nicht doppelt holen. Wenn ein Kind bei uns war, wird vermerkt, was es sich geholt hat. Und wir haben keine Markenartikel. Und dadurch ist es natürlich für die Kinder, die nicht darauf angewiesen wären, eher unattraktiv. Grundsätzlich gilt aber jedes Kind, das zu uns kommt, als bedürftig.

Sind Sie auch Ansprechpartnerin für die Schüler, die zu Ihnen kommen?

Kapik Die Kinder erzählen uns viel, das ist aber im Ganztag ganz normal. Wir sind oft die ersten an einem Tag, die den Kindern zuhören. Wir sind dann oft auch eine Art „Wegweiser“, verweisen das Kind dann gegebenenfalls etwa zur Schulsozialarbeit oder dem Vertrauenslehrer. Aber wir sind auf jeden Fall immer Ansprechpartner für die Kinder und ihre Sorgen.

Wie finanziert sich das Projekt?

Kapik Die Erstfinanzierung haben wir aus dem Projektetat der Katholischen Jugendagentur bekommen. Langfristig ist aber ab dem kommenden Jahr geplant, dass die Schüler die Finanzierung im Rahmen einer Schülerfirma übernehmen und sich die „Materialzone“ dann durch Aktionen wie eine Spenden-Rallye oder Waffelverkauf selbst finanziert. Die Jugendagentur steht aber natürlich im Hintergrund bereit und kann notfalls einspringen. Aber das Ziel ist, dass die Schüler selbstständig etwas für sich und die Mitschüler machen.