Wermelskirchen: Kein Platz für das Gedankenkarussell

Fit mit Vereinen : Kein Platz für das Gedankenkarussell

Dreimal in der Woche öffnet „Alpha“ sein Bogensportgelände in Halzenberg – für Anfänger und Fortgeschrittene.

Leonie (13) blickt konzentriert zur Zielscheibe. Dann nimmt sie die Arme hoch und beginnt langsam zu atmen. „In dem Moment merkt man richtig, wie viel Kraft in einem steckt“, wird sie später sagen. Aber jetzt konzentriert sie sich erst mal auf Pfeil, Bogen und Zielscheibe. „Nur nicht ans Loslassen denken, sondern einfach loslassen“, hat Hans-Jürgen Brehm ihre gerade erklärt. Aber an etwas nicht zu denken, entpuppt sich als echte Herausforderung. Also atmet Leonie nochmal tief durch, korrigiert noch mal ihre Haltung, und dann lässt sie los. Der Pfeil saust Richtung Zielscheibe – und trifft. Die 13-Jährige strahlt und lässt dann langsam den Bogen sinken.

Sie hat sich heute mit ihrer kleinen Schwester Emily und ihrer Mutter zum ersten Mal auf den Weg nach Halzenberg gemacht. „Wir haben Zuhause eine Zielscheibe und einen Bogen“, erzählt sie, „und jetzt wollten wir mal wissen, wie Bogenschießen wirklich geht.“ Deswegen haben sie bei Brehm angerufen und sich über die Öffnungszeiten der Bogenanlage in Halzenberg informiert. Und der Besuch lohnt sich: Brehm nimmt sich viel Zeit für Leonie und Emily – erst hat er mit ihnen den richtigen Pfeil und die Schutzausrüstung ausgesucht, dann die Anlage erklärt und ihnen den richtigen Stand und die beste Haltung gezeigt. Leonie hat jedes Wort aufgesogen, die Bewegungen imitiert, und schnell wird sie für ihre Aufmerksamkeit belohnt. Ihre Pfeile treffen sicher die Zielscheibe.

 Brehm vom Verein Alpha hat das auf dem Bogengelände schon oft erlebt. Seit der Verein das Projekt vor zehn Jahren aus der Taufe gehoben hat, steigen die Zahlen der Bogenschützen stetig. Dreimal in der Woche sind alle Interessierten willkommen. Und meist wird es voll: Immer wieder kommen Anfänger, die das Schnupperangebot nutzen. Aber auch Mitglieder, die schon vor zehn Jahren ihre Begeisterung für den Bogensport entdeckt haben, nehmen Aufstellung in der kleinen Halle, auf der Wiese oder im Parcours. 1800 Gäste waren 2018 in Halzenberg, um im Wald auf die 3D-Tiere zu zielen, die sich teilweise per Zugschnur bewegen. Dazu gehörten Sportler weit über die Region hinaus.

Wie sich Brehm den Erfolg des Projekts erklärt? „Zwischen dem Bogen und der Zielscheibe haben Gedanken keinen Platz“, sagt er. Und deswegen ermögliche der Bogensport den Menschen ein Abschalten und ein Aussteigen aus dem Gedankenkarussell. Viele Menschen würden im Alltag gar nicht mehr spüren, wie angespannt sie seien, sagt Brehm. Und wenn sie dann mit dem Bogen in der Hand jede Faser ihres Körpers anspannen und wieder entspannen, bekämen sie das Gefühl für sich selbst zurück. Nicht umsonst arbeitet das Bogenprojekt des Vereins inklusiv. Etwa ein Drittel der Mitglieder leiden unter psychischen oder körperlichen Einschränkungen. „Wenn dann Menschen zu uns kommen, die kein Ziel mehr in ihrem Leben haben, dann entdecken wir, wie sie die Zielscheibe für sich entdecken“, sagt Brehm, „und nicht selten kommen sie auch an den Punkt, wieder eigene Ziele zu formulieren.“

Leonie entdeckt diese Kraft des Bogenschießens schon in der ersten Schnupperstunde. „Man kommt hier echt zur Ruhe“, sagt sie. Das mag mit Hans-Jürgen Brehm und Ehefrau Ulrike Böhm zu tun haben, die sich viel Zeit und Mühe mit den Erklärungen geben oder mit Nanuk, dem großen, weißen Hund, der hier Zuhause ist. Vielleicht liegt es auch an der Atmosphäre, die jeden willkommen heißt. „Bei uns darf man sein, wie man ist“, sagt Brehm, „und auch deswegen haben hier viele eine Art Zuhause gefunden.“

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