Wermelskirchen: Karfreitag ist für Hartmut Demski eine kollektive Schweigeminute

Superintendent Hartmut Demski im Interview : „Karfreitag – eine kollektive Schweigeminute“

Superintendent Hartmut Demski steht dem Kirchenkreis Lennep vor, zu dem auch Wermelskirchen gehört. Er spricht über die Bedeutung des Karfreitags – und über den Bedeutungsverlust des Glaubens.

Herr Demski, warum ist Karfreitag der wichtigste Feiertag für evangelische Christen?

Hartmut Demski Eigentlich ist es ja der Zusammenhang zwischen Karfreitag und Ostern, der diese hohe Bedeutung hat. Er ist für uns Christen nämlich das sichtbarste Zeichen dafür und die massivste Erinnerung daran, dass Gott uns seine Liebe schenkt. Im Leiden und Sterben Christi erfahren wir, wie Gott sich an unsere Seite stellt, wie nahe er uns ist. Ostern ist die Überwindung des Todes, dadurch gibt Gott uns die Hoffnung, dass auch unser Leiden und unser Tod überwunden werden kann.

Der Tod Jesu ist also nicht wichtiger als seine Auferstehung?

Demski Karfreitag und Ostern würde ich in diesem Zusammenhang tatsächlich als eine Einheit sehen, ja.

Wie wichtig ist da der Status als „stiller Feiertag“?

Demski Ich persönlich finde das sehr wichtig. Der Karfreitag ist für uns ja sehr stark mit dem Leiden und Sterben Christi verbunden – und das steht für uns auch in Erinnerung für das Leiden und Sterben vieler Menschen. Denn auch wenn wir Freude empfinden, feiern und Party machen, wird in der Welt individuell aber auch gesellschaftlich viel gelitten. Viele Menschen müssen durch Schweres hindurch. Karfreitag ist eine kollektive Schweigeminute. Wir bitten die Menschen darum, am Tag des Todes Jesu auch an das Leiden und Sterben der vielen Menschen weltweit zu denken und auf dessen Überwindung zu hoffen.

Was bedeutet das eigentlich konkret, „stiller Feiertag“?

Demski Nun, er ist gesetzlich geschützt. Es gibt in den Bundesländern unterschiedliche Regelungen, was man am Karfreitag machen darf und was nicht. So finden etwa keine öffentlichen Tanzveranstaltungen statt, keine Fußballspiele, es gibt auch bestimmte Filme, die nicht gezeigt werden dürfen, auch öffentliche Musik ist nicht erlaubt.

Bekommen Sie in Wermelskirchen mit, dass hier eine Auflockerung gefordert wird?

Demski In Wermelskirchen ist mir das nicht begegnet. Ich erlebe das eher in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion. Da gibt es etwa Stimmen aus dem Bereich der humanistischen Bewegung oder von bekennenden Atheisten, die Begrenzungen der Feiertagsruhe zu lockern.

Was würden Sie diesen Menschen entgegnen?

Demski Ich würde ihnen vielleicht diesen Vergleich an die Hand geben: Wenn wir auf einem Friedhof sind, dann sind wir an einem stillen Ort. Das bringen wir schon unseren Kindern bei. Auf dem Friedhof wird nicht gespielt, da finden keine Tanzveranstaltungen statt. Friedhöfe sind ein Ort der Erinnerung an verstorbene Menschen. Und der Respekt davor gebietet, da auch in stiller Haltung anwesend zu sein. So würde ich auch den Karfreitag verstehen. Er ist im Grunde genommen eine Unterbrechung unserer lauten, manchmal auch überlauten Gesellschaft. Der Tag unterbricht uns und erinnert uns daran, dass zum Leben auch immer noch eine andere Seite gehört, als die laute und fröhliche.

Ist diese Diskussion auch
ein Zeichen von zunehmendem
Bedeutungsverlust des Glaubens?

Demski Ja, denn dadurch wird die Bedeutung der christlichen Tradition in unserer Gesellschaft deutlich in Frage gestellt. Und das hängt sicherlich damit zusammen, dass immer weniger Menschen diesen Glauben leben und die dazugehörigen Traditionen auch wirklich hochhalten.

Wie könnte man dem entgegenwirken?

Demski Wir müssen sicherlich als Kirche unserem Auftrag nachkommen – und das so gut wie wir können. Wir müssen die Nähe zu Menschen suchen, Formen der Vermittlung finden, verdeutlichen, was Karfreitag und Ostern bedeuten. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, dieses Gesprächsthema in der Öffentlichkeit zu behalten und die Diskussion öffentlich zu führen. Wir sollten dabei übrigens auch klarmachen, was es bedeutet, wenn solche Traditionen wegbrechen. Denn dann entstehen Leerstellen, die in der Regel von irgendwelchen anderen Inhalten gefüllt werden. Durch eine Differenzierung dieser Inhalte, glaube ich, dass die Gesellschaft ein Stück inneren Zusammenhalts verlieren wird, dass sie sich auch noch weiter aufteilen wird. Dann besteht auch die Gefahr, dass es extremere Traditionsbildungen geben wird, die zwar nicht von vielen Menschen befolgt werden, dafür aber umso vehementer. Darin sehe ich schon eine Gefahr für die Gesellschaft. Wir müssen uns daran erinnern lassen, dass wir unsere Traditionen nicht einfach so abwerfen sollten. Die Kirchen laden die Menschen zum Glauben ein. Aber auch dort, wo kein Bezug zum Glauben mehr ist, ist es sinnvoll zu hinterfragen, was die Aufgabe von Tradition auch im Blick auf die jeweilige Identität und den Zusammenhalt der Gesellschaft bedeutet.

Steigert ein trauriger und stiller Karfreitag die Vorfreude auf Ostern zusätzlich?

Demski Das klingt ein wenig künstlich. Ich finde aber schon, dass es einen gewissen Reiz hat, diese Situation stimmungsmäßig auf sich wirken zu lassen und wirklich am Karfreitag ein wenig die Trauer und das, was an diesem Tag auf Golgatha geschehen ist, bewusst werden zu lassen. Vielfach wird ja der Karfreitag auch mit Passionsmusiken gestaltet. Das finde ich einen sehr schönen Brauch. Zum Weg auf Ostern hin gibt es zudem noch weitere gefühlvolle Feierlichkeiten wie die Osternacht mit ihrer großen Lichtsymbolik. Diesen Weg zu Ostern mitzugehen, hat einen großen Gewinn für die Menschen, die sich darauf einlassen.

Wie werden Sie selbst den Karfreitag verbringen?

Demski Ich habe am Karfreitag einen Abendmahlsgottesdienst, den nächsten dann am Ostersonntag. Ich werde versuchen, noch an einer Passionsmusik in einer der Kirchen im Kirchenkreis teilzunehmen. Ich glaube, dass es bei manchen Gemeindepfarrern noch anders aussieht, die ja doch viel stärker in bestimmte Gottesdienste ihrer Gemeinden eingebunden sind.

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