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Wermelskirchen: Jugendstrafrecht schützt Angeklagten vor Haftstrafe

Amtsgericht in Wermelskirchen : Jugendstrafrecht schützt Angeklagten vor Haftstrafe

Konkret ging es um einen 21-Jährigen aus Gelsenkirchen, der mit zwei anderen jungen Männern in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2020 auf einem umfangreichen Raubzug durch Wermelskirchen und Odenthal gewesen sein soll.

Die Anwendung von Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht in einer Gerichtsverhandlung entscheidet über die Höhe und Schwere der Strafe. Dabei spielt es keine so große Rolle, dass die Straftat natürlich begangen und nachgewiesen wurde. Konkret ging es um einen 21-Jährigen aus Gelsenkirchen, der mit zwei anderen jungen Männern in der Nacht vom 2. auf 3. Mai 2020 auf einem umfangreichen Raubzug durch Wermelskirchen und Odenthal gewesen sein soll. Dabei wurden aus dem Gemeindezentrum der Evangelischen Freikirchlichen Gemeinde Wermelskirchen mehrere technische Geräte – Laptop, Beamer, Mischpulte, Keyboard – gestohlen sowie in der Nachbarschaft vier Winterreifen, aus dem Imbiss am Obi-Markt eine Geldkassette mit 90 Euro Inhalt und aus dem Kiosk am Märchenwald in Odenthal ein Laubbläser und ebenfalls ein Laptop.

Der 21-Jährige, der von einem Rechtsanwalt vertreten wurde, räumte die Vorwürfe grundsätzlich ein. Er habe sich „da reinreiten lassen“, wie er es ausdrückte. Er habe aber mitgemacht, auch wenn er nicht mehr genaue Erinnerungen habe. Von der Beute habe er nur seinen Anteil an den 90 Euro bekommen. „Den Rest wollte mein Kollege, der auch die Idee zu dem Raubzug hatte, verkaufen“, sagte der Angeklagte. Der Staatsanwalt wollte wissen, wie man denn in das Gemeindezentrum gekommen sei. „Die Tür war offen“, sagte der Angeklagte. Warum das so gewesen sei, wisse er nicht. Am Imbiss habe man die Scheibe eingeschlagen.

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Als Zeuge war der bereits verurteilte Mittäter – und laut Angeklagtem auch Ideengeber – gehört. Der 27-jährige Gerüstbauer konnte – oder wollte – sich an kaum etwas mehr erinnern. Er habe ein krankes Kind zu Hause, habe daher andere Dinge im Kopf, als sich an die Geschehnisse vor gut einem Jahr zu erinnern. Beispielhaft dafür war die Antwort des Zeugen auf die Frage der Richterin, wer den Raubzug geplant habe. „Ich glaube, ich“, sagte er. Er sei doch deswegen verurteilt worden, sagte irgendwann die Richterin, da müsse er sich doch daran erinnern, weswegen das gewesen sei. „Meine Anwältin hat mir damals geraten, einfach alles zuzugeben. Aber ich weiß das nicht mehr. Ich habe damals Drogen und Alkohol konsumiert“, sagte der 27-Jährige.

Die Jugendgerichtshilfe zeichnete das Bild einer schwierigen Kindheit des Angeklagten, die geprägt war von Aufenthalten bei Vater, Mutter und in Kinderheimen. Er habe eine Ausbildung angefangen, sie aber wieder abgebrochen. Derzeit lebe er wieder bei der Mutter in Gelsenkirchen und kümmere sich um den alkoholkranken Vater, der derzeit im Krankenhaus sei. „Ich halte die Anwendung des Jugendstrafrechts hier für angemessen, da der Angeklagte über keine voll entwickelte Persönlichkeit verfügt“, sagte sie.

Der Rechtsanwalt wollte von seinem Mandanten wissen, wie er sich seine Zukunft vorstelle. „Ich will wieder arbeiten, aber im Moment möchte ich mich um meinen Vater kümmern“, sagte er. Der Staatsanwalt wollte vom Jugendstrafrecht nichts wissen. „Ich sehe hier einen jungen Mann, der auf eigenen Füßen steht. Er zeigt sich geständig, allerdings handelt es sich bei zwei Fällen um besonders schwere Diebstähle“, sagte der Staatsanwalt. Daher fordere er ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung. Der Verteidiger plädierte auf die Anwendung des Jugendstrafrechts. „Wenn hier keine nicht gefestigte Persönlichkeit vorliegt, dann weiß ich nicht, wo das sonst der Fall sein soll?“, fragte er rhetorisch. Er halte eine Verwarnung mit einer Geldbuße im freien Ermessen des Gerichts für angemessen. Die Richterin schloss sich der Verteidigung an. „Das ist der allerletzte Warnschuss“, fügte sie an ihr Urteil – Verwarnung mit 800 Euro Geldbuße – an.