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Wermelskirchen: Jürgen Scholz verlässt das Rathaus

Mensch und Stadt: Jürgen Scholz : Der „Innenminister“ verlässt das Rathaus

Nach 44 Jahren im Rathaus geht Jürgen Scholz Anfang Oktober in den Ruhestand. Wäre es nach ihm gegangen, wäre er Schreiner geworden – statt Haupt- und Personalamtsleiter. Bereut hat er es nie.

Wenn Jürgen Scholz an seinem Schreibtisch im Rathaus sitzt, dann fällt sein Blick auf ein Foto der Waldschule. Gleich neben der Tür hat das Bild seinen Platz. „Eines meiner Lieblingsprojekte“, sagt Jürgen Scholz. Und dann schwärmt er ein wenig: „Dort haben wir einen Ort geschaffen, an dem sich Schüler und Lehrer wohl fühlen.“ Seine Liebe zu Schulthemen habe er schon als Leiter im Amt für Schulverwaltung, Sport und Kultur entdeckt, erzählt er. Und dann beginnt sich Jürgen Scholz zu erinnern – an Schulbesuche morgens um 7 Uhr, wenn es auf den Fluren noch leise war, an vertrauensvolle Beziehungen mit Schulleitern, an Pläne und Ideen, an Projekte und Umzüge. „Das war damals ein Riesenglück, als ich 1988 diese Stelle bekam“, erzählt er, „wir hatten uns gesucht und gefunden.“

Wenn Jürgen Scholz aus seinem Arbeitsleben erzählt und auf 44 Jahre im Rathaus zurückblickt, dann kommt er immer mal wieder zu dem Schluss: „Was für ein Glück.“ Denn alles hätte ganz anders kommen können: „Ich wollte Schreiner werden“, erzählt der heute 62-Jährige. In den Ferien hatte er schon bei Hessenbruchs in Buchholzen ausgeholfen. In jeder freien Minute half er den Eltern in der Landwirtschaft und in der Gaststätte. Was ihn geprägt habe? „Mein Vater“, sagt Scholz ohne Zögern, „alles, was ich bin und habe, bin ich durch meinen Vater.“ Mit ihm habe er auf dem Feld und mit den Tieren gearbeitet. Von ihm habe er Werte wie Pflichtgefühl und Verlässlichkeit gelernt. Die meiste Zeit seiner Jugend habe er draußen verbracht, aber dann wechselte er zum Gymnasium, schaffte sein Abitur und statt sich beim Schreiner nebenan zu bewerben, rief seine Mutter bei der Stadtverwaltung an – für eine Ausbildung zum gehobenen, nichttechnischen Verwaltungsdienst.

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„Ich dachte nur: Hoffentlich wird das nicht zu trocken“, erzählt Jürgen Scholz heute. Seine erste Station machte er im Hauptamt der Verwaltung: „Grauenhaft“, sagt er und lacht. Alle seine Vorurteile schienen sich zu bestätigen. Bis Eduard Otter ihn in die Kämmerei holte. Plötzlich bekam der junge Jürgen Scholz Spielraum, um sich einzubringen, eigene Ideen zu entwerfen. „Das war wie früher in der Landwirtschaft: Es gab Probleme, die gelöst werden mussten“, erzählt Scholz. Als Otter ihm nach der Ausbildung eine Stelle in der Kämmerei anbot, griff Scholz zu. Seine Vorurteile gegen die Verwaltung hatten sich da längst in Luft aufgelöst. Als ihm die Leitung des Standesamtes angeboten wurde, griff er zu – aber er vermisste die Zusammenarbeit mit den Ausschüssen und dem Rat.

 Als „Tramp vom Amt“ stand Jürgen Scholz in der Bütt.
Als „Tramp vom Amt“ stand Jürgen Scholz in der Bütt. Foto: Scholz

Keine Sekunde zögerte er 1988 – und zog ins Amt für Schulverwaltung, Sport und Kultur um. Scholz erarbeitete sich ein Vertrauensverhältnis zu den politischen Vertretern in den Ausschüssen, wurde als Fachmann akzeptiert, wenn es um Pläne und Abläufe ging. Sein Motto: Bei Sachthemen muss die Verwaltung eine ordentliche Vorarbeit leisten. Darauf konnte die Politik bauen. „Die meiste Zeit habe ich ein tolles Miteinander erlebt“, sagt Scholz.

Als dann Erik Weik die Wahl zum Bürgermeister gewann, landete kurze Zeit später eine Anfrage auf dem Tisch des Amtsleiters: Ob er nicht das Hauptamt übernehmen wolle? Scholz erinnerte sich an seine ersten Erfahrungen im Hauptamt. „So was Trockenes konnte ich mir nicht vorstellen.“ Aber Weik stimmte ihn um, versprach, neu zu strukturieren und den Hauptamtsleiter in alle Projekte und Aufgaben einzubeziehen. Zwei Jahre später gesellte sich die Leitung des Personalamts dazu. Scholz wurde „Innenminister“ und engster Berater. „Das war die schönste Zeit“, sagt Scholz heute, „als mehrere Projekte gleichzeitig auf meinem Schreibtisch lagen.“ Schulen, Geflüchtete, Musikschule. Wann immer der Bürgermeister eine Herausforderung als „Querschnittsaufgabe“ definierte, kam Jürgen Scholz ins Spiel. Der besann sich auf die Tugenden seiner Kindheit – und engagierte sich.

Und wenn es schwierig wurde? „Dann besann ich mich auf meine Rüchzugsstrategie: Die Buche“, sagt er. Dann schmiedete er mit Nichte Inke Pläne, Küche und Gastraum in Buchholzen wieder zu öffnen. „Kneipe kann ich“, sagt er lachend. Eigentlich sei er ein stiller und eher zurückhaltender Typ. Aber „Die Buche“ hatte ihm schon Jahre zuvor auch eine andere Seite entlockt – und ihm Selbstverwirklichung angeboten. Damals hatte er mit Nachbar Karl-Walter Hessenbruch zum ersten Mal im Karneval auf der Bühne gestanden – 36 Jahre lang kehrten die beiden als Gespann Jahr für Jahr zurück und begeisterten ihr Publikum. Als Hessenbruch starb, ging Scholz alleine auf die Bühne – auch im Rathaus an Altweiber. Je bissiger er in der Bütt wurde, desto mehr jubelte das Publikum. „Ich bin beides“, sagt er. Im Ruhestand will er Gitarrespielen lernen, um sich in der Bütt selbst zu begleiten.

Scholz weiß, dass ihm der Abschied aus dem Rathaus nach 44 Jahren und etlichen Bürgermeistern schwer fallen wird. „Was danach kommt? Wir werden sehen“, sagt er und denkt an seine Opa-Rolle, an die Trecker in der Garage und den neuen Schneepflug, den er sich gerade gekauft hat. „Vielleicht übernehme ich den Winterdienst in Buchholzen“, sagt er lachend. Und vielleicht kehrt er 2022 nochmal zurück ins Rathaus – in die Bütt an Altweiber.