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Wermelskirchen Ist die Sekundarschule gescheitert?

Schulen in Wermelskirchen : Ist die Sekundarschule gescheitert?

Der Neubau der Sekundarschule würde 47 Millionen kosten. Doch die aktuellen Anmeldezahlen zeigen, dass immer mehr Schüler aus Wermelskirchen abwandern. Jetzt muss diskutiert werden, wie es in Zukunft weitergeht.

Die nackten Zahlen, die jetzt im Schulausschuss genannt wurden, sind ernüchternd: Der geplante Neubau der Sekundarschule wird insgesamt 47 Millionen Euro kosten. Für eine Schule, die mit Beginn des neuen Schuljahres nur noch dreizügig ist: 58 Schüler werden im Sommer von den Grundschulen an die Sekundarschule wechseln. Die Abwanderungsquote der Schüler, die sich für eine Schule außerhalb Wermelskirchens entschieden hat, liegt bei 32 Prozent.

Dass es zu einem betretenen Schweigen in der Sitzung des Schulausschusses kommen würde, war nach der Ansage von Vorsitzendem Jochen Bilstein (SPD) fast schon zu erwarten: „Es ist noch nicht erschlossen, wie es weitergehen soll. Wir müssen uns die Zahlen in Ruhe anschauen und vermeiden, dass es zerredet wird. Das ist bei der Fülle an Infos und Zahlen nicht erträglich, jetzt in die Diskussion zu gehen“, kündigte er an, nachdem die Kosten für den Neubau der geplanten Sekundarschule vorgestellt worden sind und bevor Andreas Voß, Amtsleiter für Jugend, Bildung und Sport, einen Überblick über die aktuellen Schülerzahlen gab. „Mein Vorschlag ist, dass wir die Infos in den Fraktionen sortieren.“

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Und da dürfte es jetzt viel zu sortieren geben. Denn: Anders als 2017 im Rat abgesegnet, wird der Neubau der Sekundarschule nicht 32,5 Millionen Euro kosten. Durch die Baukostensteigerung ist die Summe für die fünfzügige Schule auf 47 Millionen Euro gestiegen. Erste Entwurfsplanungen stellte Lukas Schürger vom Projektmanagement „Hitzler Ingenieure“ vor.

Was allerdings fast nebensächlich wurde, als die aktuellen Schülerzahlen für das kommende Schuljahr genannt wurden. Denn: Von allen Kindern, die im Sommer auf die weiterführenden Schulen in Wermelskirchen wechseln, bleiben nur 68 Prozent in der Stadt. 32 Prozent der Schüler haben eine Schule in einer anderen Kommune gewählt. Das Ziel von 2016, die damalige Abwanderungsquote der Schüler von 17 Prozent zu reduzieren, ist somit nicht erreicht worden. Die Zahlen dürften ein echter Schock für die Ausschussmitglieder gewesen sein. Denn insgesamt sind die Schülerzahlen, die in Wermelskirchen nach der Grundschule in der Stadt gehalten werden können, gesunken. Besuchten 2016 noch 289 Grundschüler (83 Prozent) eine weiterführende Schule am Ort, sind es jetzt nur 191 (68 Prozent). Auf externe Schulen wechselten 2016 nur 58 Schüler (17 Prozent), aktuell sind es 90 Schüler (32 Prozent).

Insgesamt sind es 281 Schüler, die zum kommenden Schuljahr die Grundschulen der Stadt verlassen. 191 Schüler wechseln auf weiterführende Schulen in Wermelskirchen: 131 von ihnen gehen aufs Gymnasium, 58 Schüler auf die Sekundarschule, die damit in diesem Jahr nur dreizügig sein wird. 90 Schüler besuchen ab dem Sommer weiterführende Schulen in anderen Kommunen. „Vier Klassen pro Jahrgang bleiben nicht in Wermelskirchen“, sagte Andreas Voß.

Von der Abwanderungsquote profitiert in erster Linie die Realschule in Hückeswagen. Allein in diesem Jahr wechseln 46 Kinder aus den Grundschulen auf Realschulen im Umfeld. 33 Kinder gehen künftig in Hückeswagen zur Schule, elf in Odenthal, jeweils ein Schüler wechselt an die Realschulen in Burscheid und Solingen.

Die Abwanderungsquote zu den beiden im Umkreis liegenden Realschulen in Hückeswagen und Odenthal ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Während im Schuljahr 2017/18 nur acht Schüler nach Hückeswagen wechselten, waren es im folgenden Jahr bereits 20, danach 23 und aktuell 33 Schüler, die von Wermelskirchen in die Schloss-Stadt fahren. „Die Nachfrage nach der Realschule ist stark gestiegen“, so Voß. „Aktuell sind es zwei Klassen je Einschulungsjahrgang.“

Weitere 24 Schüler aus Wermelskirchen wechseln auf die Gesamtschule, „wobei die Sophie-Scholl Gesamtschule in Remscheid den Bedarf aus Wermelskirchen nicht decken kann und jährlich ablehnt“, sagte Andreas Voß, der auch Zahlen des ersten Abschluss-Jahrgangs der Sekundarschule 2020 parat hatte: Von den 127 Schülern sind 80 ans Berufskolleg gewechselt. 45 von ihnen wollen dort das Fachabitur machen, „was schon die Oberstufe einer Gesamtschule wäre“, so der Amtsleiter in der Sitzung. 13 absolvieren derzeit eine Ausbildung und elf Schüler sind von der Sekundarschule ans Gymnasium gewechselt, um dort ihr Abitur zu machen.

Ist nun die Idee, mit der Sekundarschule eine gute Alternative zu Haupt- und Realschule zu schaffen gescheitert? In erster Linie sollte damit die Abwanderungsquote reduziert werden. „Haben wir unser Ziel bisher erreicht? Die Antwort ist nein“, stellte Andreas Voß klar.

Eine Enttäuschung, die Dietmar Paulig, Leiter der Sekundarschule, ins Gesicht geschrieben stand. „Meine Erwartungen an die neue Schule sind nicht erfüllt worden und die der Eltern auch nicht“, sagte er im Ausschuss. „Jetzt ist die Zeit zum Nachdenken, wie es weitergehen soll.“ Er stehe jederzeit bereit, mit den Politikern über mögliche Gründe zu diskutieren. „Ich denke, wir haben erfolgreich Schule gemacht und bilden genau das ab, was eine Sekundarschule leisten soll“, so Paulig, der auf den schweren Start der Schule hinwies: „Als ich die Leitung der Schule vor sieben Jahren übernommen habe, war immer die Rede von dem neuen Gebäude, das 2019 fertig sein sollte. Mit Blick auf den Neubau wurde in den naturwisschaftlichen Räumen zum Beispiel nichts mehr investiert.“

Jetzt muss diskutiert werden, wie es mit dem geplanten Neubau weitergeht. Fakt ist, dass die alte Realschule, an deren Standort gebaut werden sollte, wie geplant im Mai abgerissen wird. Die Stadt muss jetzt auch nicht 47 Millionen Euro für den Bau der Sekundarschule bereitstellen. „Grundsätzlich vergeben wir Projekte erstmal nur bis zur Entwurfsplanung“, sagt Thomas Marner, Technischer Beigeordneter, auf Nachfrage dieser Redaktion. „Erst nach dem politischen Entschluss werden weitere Aufträge vergeben.“ Für ein Ausstiegsszenario sei die Stadt also vorbereitet. Der Abriss der Realschule sei hingegen kein verschwendetes Geld, „der ist notwendig. Die Gesamtfläche ist dann frei.“ Abwarten, was dann dort entsteht.