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Wermelskirchen: Interview mit Manfred Bartos

Montagsinterview : „Familie ist nicht gleich Familie“

Der Leiter der Beratungsstelle in Wermelskirchen spricht im Interview über die Herausforderungen für Familien in der heutigen Zeit.

Herr Bartos, wie würden Sie das System Familie allgemein beschreiben?

Manfred Bartos Der Begriff Familie ist schwer zu fassen, da er keine universelle Gültigkeit hat und auch über die Zeit betrachtet nicht feststehend ist. Wenn man sich etwa anguckt, was vor 100 Jahren als Familie galt, dann gab es damals noch eine ganz andere Funktion als heute – weg vom materiellen Zusammenhalt, hin zu einer Emotionalität und einem Bindungscharakter. Auch kulturell ist sie völlig unterschiedlich aufgestellt. Wenn dann noch der Begriff des „Systems“ dazukommt, wird es noch komplexer, da Familie in diesem Zusammenhang immer in Veränderung begriffen ist. Familie wird hier als etwas verstanden, wo es in Phasen des Übergangs etwas zu regulieren gibt.

Welchen Herausforderungen muss es sich im Normalfall stellen?

Bartos Die größte Herausforderung ist das Entwicklungsphänomen – Familien sind im Wandel begriffen. Das geht mit der Familiengründung, der Gründung der Partnerschaft, los. Mit der Geburt des ersten Kindes ist die erste Entwicklungsaufgabe da – ein Schritt, für den man von Vornherein nicht unbedingt Antworten hat. Experten nennen das auch „kritisches Lebensereignis“, weil es mit einer enormen Anpassungsleistung verbunden ist. Dieser ersten Herausforderung folgen im weiteren Verlauf des Familienlebens viele weitere. Es gibt Übergänge zwischen unterschiedlichen Phasen dieses Familienlebens – und genau da kriselt es oft.

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Wie sehr werden diese durch die Corona-Pandemie verstärkt?

Bartos Schon die normalen Herausforderungen erfordern eine Anpassungsleistung. In der Regel wird das aber gemeistert. Man kann es sich wie ein Mobile vorstellen, das durch die Herausforderung in Bewegung gebracht wurde und sich wieder beruhigen muss. Durch Corona werden diese Entwicklungsschritte ein wenig auf Eis gelegt. Corona ist eine nicht vorhersehbare Krise – und für diese nicht vorhersehbaren Krisen haben wir keine Antworten in unserem Repertoire. Das fordert eine Menge Energie, der Rest bleibt dann erst einmal liegen. Besonders deutlich werden diese Dinge, etwa im Home-Office und Home-Schooling, bei Familien, denen es materiell schon nicht so gut geht oder bei Alleinerziehenden. Familie ist nicht gleich Familie. Es spielt eine große Rolle, ob man mit diesen Herausforderungen alleine ist oder eben nicht.

Steigt die Zahl der Familien, die durch Corona Probleme bekommen?

Bartos Eindeutig ja. Absolut sicherlich nicht, aber gemessen am Corona-Thema kommen sehr viel mehr Nachfragen bei uns an. Und diese kommen verstärkt seit etwa November des Vorjahres. Nach dem ersten Lockdown, vor etwa einem Jahr, waren die Reaktionen noch eher positiv – mehr Zeit, Entschleunigung, mehr Ruhe. Das hat sich komplett geändert.

Wie äußern sich diese Probleme in der Regel?

Bartos Eltern sehen sich mittlerweile völlig überfordert, wenn es um das Thema Home-Schooling geht. Sie fühlen sich mit den Anforderungen, einerseits der Eltern-Rolle gerecht zu werden, auf der anderen Seite aber auch der Lehrkraft überfordert. Das ist im Moment beinahe so etwas wie der Klassiker auf der Eltern-Ebene. Dazu kommen dann symptomatische Auswirkungen bei den Kindern, die sich etwa einsam fühlen, manchmal sogar Zwangsvorstellungen entwickeln und etwa aus Angst vor der Ansteckung nicht mehr zu Kindergeburtstagen wollen. Noch drastischer ist es teils bei Jugendlichen, die von Zukunftsängsten reden, die schlechte Stimmung bis hin zur Depression erleben. Es wird also auch brenzliger, wenn man von den Zahlen weg zu den Symptomen geht. Schlimm wird es dadurch, dass es zumindest bis vor kurzem auch keine Aussicht auf Verbesserung gab. Nichtvorhersehbarkeit schafft Nicht-Kontrolle. Junge Leute brauchen aber genau das.

Gibt es frühe Warnsignale, die man in der Familie bemerken kann?

Bartos Ein Klassiker, der für Kinder wie Jugendliche gleichermaßen gilt, ist der Umgang mit elektronischen Medien. Eine Richtschnur ist hierbei, zu sehen, wie viel das Kind im Virtuellen ist und inwieweit da ein Gleichgewicht zur realen Welt ist. Wenn das nicht mehr gegeben ist, dann ist das ein klassisches Warnsignal für Eltern. Ein anderes Warnsignal ist es etwa, wenn das Thema Schule zu viel Raum einnimmt und auf Kosten der Beziehung zu dem Kind geht.

Wie sieht Ihre klassische Beratungssituation aus?

Bartos Die allermeisten Anmeldungen kommen von den Eltern – oftmals empfohlen von Kindergarten, Schule oder Jugendamt. Zeitnah gibt es dann einen ersten Termin, bei dem dann die Problematik besprochen wird. In einer zweiten Phase, in der auch die Kinder beteiligt sein können, werden dann die Weichen gestellt, wie es weiter geht. Es gibt verschiedene Settings, wie wir mit den Familien in Kontakt treten. Übrigens haben auch Kinder und Jugendliche schon das Recht auf Beratung – wir versuchen diesen Anmeldungen dann auch sofort gerecht zu werden, so dass die jungen Menschen direkt einen Termin bei uns bekommen. Da gibt es keine Wartelisten.

Mit welchen Problemen wenden sich Familien denn konkret an Sie?

Bartos Grundsätzlich gilt: Wir sind so etwas wie die Erstanlaufstelle für alle Wermelskirchener. Von daher kommen die Menschen mit allen möglichen Problemen zu uns. Es gibt nichts, was bei uns nicht richtig aufgehoben wäre. Manchmal sind es einfach nur Fragen zur Entwicklung der Kinder. Es geht aber auch bis hin zu Fragen zu Verhaltensauffälligkeiten der Kinder und wie damit am besten umzugehen ist. Da ist dann alles dabei – vom Kleinkind, das nicht trocken wird, bis zum jungen Erwachsenen, der keinerlei Anstalten macht, sich zu verselbstständigen. In der Regel versuchen wir, die Familien bei uns zu betreuen. Sollte es allerdings klaren Bedarf für psychotherapeutische Behandlung geben, verweisen wir die Familien auch weiter.

Wie ist die Familienberatungsstelle strukturell aufgebaut?

Bartos Familienberatung ist als kommunale Pflichtleistung gesetzlich geregelt. Wir sind ein multiprofessionelles Team aus einem Heilpädagogen, zwei Sozialarbeiterinnen und einem Psychologen – jeweils mit diversen Zusatzqualifikationen. Die Struktur ist zudem niedrigschwellig – man kann immer und ohne Antragsstellung beim Jugendamt zu uns kommen, die Hilfesuchenden kommen freiwillig zu uns und das Angebot ist kostenfrei. Das sind die drei Säulen unserer Struktur.

Welche Rolle spielen die Kindergärten und Schulen im Frühwarnsystem?

Bartos Wir warten nicht alleine darauf, dass Eltern den Weg zu uns finden. Wir gehen raus und suchen das Gespräch – in Form von Sprechstunden, darunter auch in Kindergärten und Schulen. Es gibt auch eine gesetzlich geregelte, ganz enge Vernetzung mit den Einrichtungen, wenn es um das Thema Kinderschutz geht.

Müsste insgesamt mehr in Bildung investiert werden?

Bartos Vor noch einigen Jahren hätte ich hier ganz klar mit Ja geantwortet – der Eindruck ist durch die Ergebnisse der Pisa-Studie aufgekommen. In den skandinavischen Ländern wird viel mehr Geld in die Hand genommen. Aber ich glaube mittlerweile, dass das zu einfach wäre. Es wird derzeit viel investiert, etwa durch die Bundesinitiative „Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche“. Hier sollten allerdings nicht nur Bildungslücken geschlossen werden – man muss auch die emotionalen Beziehungslücken im Blick behalten.