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Wermelskirchen: Ines Neumann erinnert sich an den Mauerfall

Ines Neumann erinnert sich an den Mauerfall : „Es war eine sehr spannende Zeit“

Am 9. November 1989 hat Ines Neumann ihrem Freund in Wermelskirchen geschrieben, wie sie zusammenziehen könnten. Dann ist die Mauer gefallen.

Frau Neumann, können Sie sich daran erinnern, wo Sie am 9. November 1989 waren?

Neumann Das weiß ich noch genau. Ich war damals 23 Jahre alt und bin an dem Abend mit Freundinnen zusammengesessen. Ich hatte an diesem Tag gerade einen Brief an meinen Freund geschrieben, der in Wermelskirchen wohnte. Darin ging es darum, wie wir es schaffen könnten, zusammenzuziehen, ob ich auch über die Prager Botschaft auszureisen versuchen sollte. Und dann haben wir im Fernsehen die berühmten Worte von Günter Schabowski gesehen, und dass die Mauer gefallen war.

Wie war die allgemeine Stimmung in Ihrer Umgebung damals?

Neumann Es gingen ja schon viele Wochen voraus, in denen Unruhe herrschten und Demonstrationen waren. Wir waren im Sommer zuvor noch am Plattensee in Ungarn im Urlaub – und auch da haben wir viele Ostdeutsche gesehen, die ihre Zelte stehengelassen haben und über Prag oder auch die österreichische Grenze in den Westen sind. Es lag auf jeden Fall etwas in der Luft, das war ganz eindeutig so.

Hätten Sie zu dieser Zeit gedacht: Jetzt kommt die Wiedervereinigung?

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Neumann Ich glaube, das haben wir damals nicht so gesehen. Es war für uns viel wichtiger, endlich die Reisefreiheit zu bekommen, überall dorthin zu dürfen, wo die anderen Menschen auch hin durften. Zu dem Zeitpunkt haben wir nicht von der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten gesprochen oder darüber nachgedacht, das ging alles viel zu schnell – zumindest dann, wenn man nicht in der Politik war.

Gab es an Ihrem Wohnort auch Montagsdemonstrationen oder andere Formen des Widerstands?

Neumann Ich komme ja aus Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Dort ging es Mitte August etwa los, dass man montagsabends auf die Straße ging. Da kamen von Mal zu Mal mehr Menschen und es wurde immer größer. Wir waren auch dabei – und das Bezeichnende war in meiner Wahrnehmung, dass es immer friedlich zuging. Das waren keine Krawall-Demos, man freute sich darauf und jeder hat gedacht, dass es jetzt doch endlich losgehen müsste. Es war eine komische Stimmung, irgendwie angespannt. Aber auch positiv.

Waren Sie in der Folge auch in Berlin an der Mauer?

Neumann Ja, das war direkt am Wochenende nach dem 9. November. Wir sind mit dem Wartburg unserer Eltern nach Berlin gefahren, um endlich unsere Verwandten in Berlin-Steglitz persönlich besuchen zu dürfen und um das Begrüßungsgeld abzuholen. Das war wirklich ganz eigenartig, als wir nach Berlin kamen und über die Grenze nach West-Berlin sind. Es waren wirklich Massen unterwegs gewesen, wie man es auch im Fernsehen gesehen hat.

Wie und wann kamen Sie dann nach Wermelskirchen?

Neumann Das war dann zwei Wochen später. Damals war ich zum ersten Mal überhaupt in Wermelskirchen. Ich war damals von allem vollkommen überwältigt. Ich hatte die 100 Mark Begrüßungsgeld mit dabei, aber ich habe gar nicht gewusst, was ich davon hätte kaufen sollen, weil mich das Angebot so überwältig hat. Ein Dreivierteljahr später, also im Sommer 1990, bin ich hierher gezogen. Damals war klar, dass ich mit meinem Freund zusammenziehen will.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Neumann Ja, so eine richtige, romantische Ost-West-Liebesgeschichte… Ganz klassisch am Ballaton in Ungarn. Er war mit ein paar Freunde dort, ich mit ein paar Freundinnen. Es war ein wunderschöner Urlaub – und er hat mir relativ bald einen langen Brief geschrieben. Ich war mir dann nicht sicher, ob ich antworten sollte, weil wir uns ja vermutlich ohnehin nicht wiedersehen würden können. Aber dann hat er noch einen zweiten Brief geschrieben – und auf den habe ich dann geantwortet. Das war 1988. Wir haben dann irgendwann ein Visum für ihn beantragt, und er hat mich relativ bald besucht, das war dann der Anfang unserer Beziehung.

Wenn Sie heute zurückblicken, glauben Sie, dass die Wiedervereinigung gelungen ist?

Neumann Insgesamt würde ich persönlich sagen, auf jeden Fall. Der Schritt war sehr nötig, das hätte schon viel früher passieren müssen. Es gibt allerdings auch heute noch – vor allem ältere – Menschen in Mecklenburg, die mir sagen, dass es früher doch schöner und besser gewesen wäre. Aber das sind meistens wirklich die Älteren – die jüngere Generation hat das schon viel besser hinbekommen, glaube ich. Unsere Oma mütterlicherseits war hingegen sehr glücklich über die Grenzöffnung.

Sind die beiden Teile Deutschlands mittlerweile zusammengewachsen?

Neumann Vielleicht müsste man hierzu auch mit älteren Menschen sprechen, wie die das sehen. Ich glaube aber schon, dass sich vieles recht gut angeglichen hat und die beiden Teile recht gut zusammengewachsen sind.

Haben Sie noch Verbindungen in Ihre alte Heimat?

Neumann Ja, ich habe noch eine Zwillingsschwester und einen älteren Bruder, die leben noch in Neubrandenburg. Das ist für mich auch nach wie vor die Heimat, hier bin ich groß geworden und habe noch gute Kontakte zu vielen Freunden. Auch wenn ich hier in Wermelskirchen wirklich sehr gut und sehr herzlich aufgenommen worden bin. Ich habe hier über die Jahre auch einen großen Freundes- und Bekanntenkreis aufbauen können. Selbst bin ich immer wieder in Mecklenburg-Vorpommern.

Was vermissen Sie am meisten davon im Bergischen Land?

Neumann Am meisten vermisse ich die Ostsee. Überhaupt das ganze Wasser an der Mecklenburger Seenplatte. Man ist von Neubrandenburg aus auch sehr schnell an der Ostsee. Auf der anderen Seite habe ich hier in Wermelskirchen auch sehr die hügelige Landschaft schätzen gelernt. Ich bin ja ein großer Radfahrer, mache überhaupt viel Sport – und hier kann man ganz toll und viel unterwegs sein. Man hat im Bergischen sehr gute Trainingsmöglichkeiten – Richtung Düsseldorf für die ebenen Strecken, und ins Oberbergische, wenn man es bergiger haben will.

Gibt es auch kulinarische Unterschiede?

Neumann Ach, auch hier gleicht man sich ja an. Ich habe in Wermelskirchen, glaube ich, das Nudelessen gelernt. Bei uns in Mecklenburg werden ja viele Kartoffeln angebaut – deswegen gab es zu Hause sehr viele Kartoffelgerichte. Das ist sicherlich ein kulinarischer Unterschied.

Den Brief, den Sie eingangs erwähnten – haben Sie den eigentlich abgeschickt?

Neumann Tatsächlich weiß ich das gar nicht mehr… Ich glaube aber schon, weil ich einen sehr langen Brief geschrieben habe, in dem es eben darum ging, wie wir bestmöglich zusammenkommen könnten. Ob ich über Tschechien ausreisen sollte, ob er nach Mecklenburg kommen könnte. Es war eine sehr spannende Zeit. Wir haben uns 1988 kennengelernt – und da war eben noch überhaupt keine Rede davon, dass wir problemlos zusammenkommen könnten.