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Wermelskirchen: In schweren Zeiten die Kunst entdeckt

Kunst in Wermelskirchen in Corona-Zeiten : In schweren Zeiten die Kunst entdeckt

Drei Monate lang lag Joachim Pohl im Krankenhaus und kämpfte um sein Leben. Seine Frau Inge begann zu malen – gegen die Angst. Sie malt Muster und Strukturen, Blumen, und inzwischen findet die Farbe auch ihren Platz auf Steinen und Glas.

Die ersten Bilder sind dunkel. Schwarz, grau, dunkelblau: „So habe ich mich gefühlt“, erzählt Inge Pohl. Damals hatte sie sich zum ersten Mal Pinsel, Farben und Leinwände gekauft. Was bei ihren ersten Versuchen herauskam, ließ tief in ihre Seele blicken. Ihr Mann war mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus gebracht worden, weil er keine Luft mehr bekommen hatte. Auf der Intensivstation kämpften die Ärzte um sein Leben – das war Wochen, bevor in Deutschland die ersten Corona-Fälle bekannt wurden. Zweimal riefen die Ärzte Inge Pohl ins Krankenhaus, weil sie Abschied nehmen sollte. „Das war eine schwere Zeit“, sagt die 77-Jährige. Ihr Mann überlebte. Unkraut vergehe nicht, sagt er heute und lacht. Und dann deutet er auf die vielen Bilder seiner Frau, die inzwischen in der Wohnung hängen. „Für sie ist das Malen zur Therapie geworden“, sagt der 80-Jährige.

Damals, in den dunklen Stunden, entschied Inge Pohl, dass sie ein Mittel gegen Angst und Not suchen müsse. Sie fand es in Pinsel und Farbe. „Wenn ich vor der Leinwand sitze, dann werde ich ruhig und vergesse die Zeit“, sagt sie. Das war damals so, als ihr Mann im Krankenhaus lag. Das war während der schweren Corona-Wochen so, und auch heute schwört sie auf die Macht der Kunst. Inzwischen sind die Bilder bunt, sommerlich und heiter. Inge Pohl lacht: „Sie können sich vorstellen, wie ich mich jetzt fühle.“

Sie malt Muster und Strukturen, Blumen, und inzwischen findet die Farbe auch ihren Platz auf Steinen und Glas. „Ich denke nicht dabei, ich male“, sagt sie. Am Anfang habe sie die Farbe auf Leinwände geschüttet und vermischt. „Kriselkrasel“, sagt sie und lacht. Aber den Menschen um sie herum gefiel das Ergebnis. Also begann sie, die Leinwände zu verschenken. Jede Pflegerin und jeder Pfleger im Krankenhaus bekam ein Bild, manchmal sogar auf Bestellung, ein Werk hängt auf der Intensivstation, auch beim Hausarzt in der Praxis hat eines seinen Platz gefunden. „Als Corona dann dafür sorgte, dass wir zuhause bleiben sollten, da habe ich weitergemalt“, sagt sie. Wurde sie unruhig griff sie zu den Farben – ohne je einen Kursus belegt zu haben. „Ich habe ausprobiert, was funktioniert“, erzählt sie. Sie verziert inzwischen mit Lackfarben Kerzengläser und Vasen, sie hat die Küchenmöbel angestrichen.

Mit ihrem Mann ist sie ans Rheinufer in Monheim gefahren und hat Steine gesammelt, die sie kunstvoll bemalt hat. Auf manche schreibt sie Botschaften und legt sie Freunden auf die Fußmatte. „Ich habe gesehen, wie während Corona anderen die Decke auf den Kopf gefallen ist“, sagt sie, „und ich kann nur dazu motivieren, sich aufzuraffen und etwas zu suchen, was einem gut tut.“ Bei Inge Pohl ist das die Kunst.

Deswegen will sie auch nicht aufhören – auch jetzt nicht, wo die Kontaktbeschränkungen gelockert wurden und es ihrem Mann wieder gut geht. Abends, wenn er den Fernseher anmacht, dann holt sie sich die Farben dazu und malt. „Manchmal landet eine Leinwand auch im Papierkorb“, sagt sie. Einmal hat Joachim Pohl eines dieser verunglückten Kunstwerke wieder aus dem Eimer geholt, die Leinwand herausgetrennt und einen schmucken Holzrahmen daraus gemacht. Er rahmt nun ein anderes ihrer Bilder im Wohnzimmer ein – als wollte es sagen: Auch die Rückschläge im Leben können Schönheit hervorbringen.