Wermelskirchen: Im Kino Film-Eck wird Geschichte lebendig

Besuch im Film-Eck Wermelskirchen : Im Kino weht der Geist vergangener Zeiten

Wenn Klaus Schiffler über sein Film-Eck spricht, dann klingen Kindheitserinnerungen mit – an die Reichshallen-Lichtspiele, an hunderte Besucher und an einen Ort, der für ihn und seine Frau zu einem Zuhause wurde.

Es war einer dieser kalten Kriegsabende. Die Menschen strömten in die Reichshallen-Lichtspiele. Zehn Jahre zuvor hatte Ewald Schiffler dafür gesorgt, dass auch Tonfilme auf der großen Leinwand liefen. Inzwischen hatten seine Töchter Ada und Luise das Kino übernommen. Hunderte Zuschauer kamen und fanden Platz in der alten Tanzhalle. An diesem Abend hatte Klaus Schiffler seiner Tante Ada ein Versprechen abgerungen: Zum ersten Mal würde er vom Vorführraum aus einen Film sehen dürfen. Münchhausen. „Kinder hatten damals im Kino nichts zu suchen“, erzählt der heute 80-Jährige. Aber während seine Tante die Filmrollen vorbereitete, legte er sich auf den alten Gitterkasten über dem Verstärker und blickte durch das Kontrollfenster im Vorführraum direkt auf die Leinwand. „Bei jedem Aktwechsel musste ich Platz machen“, erzählt er. Und dann kam jene berühmte Szene, in der Münchhausen auf die Kanonenkugel steigt. „Genau in dem Moment scheuchte mich meine Tante von meinem Platz“, erzählt Schiffler. Den Ritt auf der Kanonenkugel verpasste der Junge.

Seit jenem ersten Film sind ungezählte Abende verstrichen, in denen Klaus Schiffler die Leinwand im Blick hatte. Das Heimatgefühl, das ihn in dem alten Gemäuer an der Telegrafenstraße beschleicht, ist geblieben. „Wir haben hier Fahrradfahren gelernt, haben Verstecken gespielt und mit unseren Tanten Kuchen gegessen“, erzählt Klaus Schiffler und denkt an die Jahre, in denen seine Eltern ein Haus weiter den Lebensmittelladen führten, während sich die Tanten um das Kino kümmerten. „Heiligabend wurde gebadet und dann haben wir im Kino die Bescherung gefeiert“, erzählt er. Die Tanten hatten eine Schnitzeljagd durch das ganze Haus vorbereitet – für den einzigen Tag im ganzen Jahr, an dem das Lichtspielhaus geschlossen blieb. „Die Tradition haben wir übernommen“, berichtet er.

Während Klaus Schiffler erzählt, sitzt er in einem der urigen Sessel im Foyer. Er deutet auf den alten Filmapparat und berichtet von technischen Veränderungen und Umbauten. Und: Er erinnert sich an den Tod der Tanten und die einmütige Entscheidung, die er 1972 mit seiner Frau traf. „Für uns stand fest: Wir würden dieses alte Gebälk nicht aufgeben.“ Am Tag arbeitete er bei der Bundeswehr, am Abend öffneten sie die Kinotüren. „Nur donnerstags hatten wir geschlossen“, erzählt er, „das war unser Kegelabend.“ Die Kinder wuchsen in der Wohnung über dem Kino auf, das Gebäude behielt seinen Charme. „Wir haben so viele Menschen begleitet, die wir damals bei der ersten Verabredung mit feuchten Händen an der Kinokasse erlebten, die später Hand in Hand wiederkamen, dann mit Babybauch und schließlich als die Kinder groß waren“, erzählt er. Auch das macht diesen Ort aus: Die Menschen, die sich ein Leben lang damit verbunden fühlen.

Dann steht er auf und geht ein paar Schritte über die alten Dielen in den Kinosaal, streicht über die Theke. „Das ist mein Reich“, sagt er und erzählt, wie sie damals in den 1980er Jahren durch die Kinos der Region tingelten und die Idee mitbrachten, eine Bar zu eröffnen. Damals verkleinerten sie den Kinoraum von rund 300 auf 92 Plätze. „Mehr als zwei Jahre haben wir dann über die Bar geflucht, bevor die Wermelskirchener sie annahmen“, erzählt er. Inzwischen gehört sie zum Charme dieses Ortes. Von dort aus sieht Klaus Schiffler jeden Film, der über die Leinwand flimmert. „Das ist meine elektrische Eisenbahn“, sagt er lachend.

Weder er noch seine Ehefrau Christel seien große Filmfreaks, aber das Kino, das ist ihr Leben. „Bei Titanic habe ich sieben Wochen lang jede Vorstellung gesehen“, erzählt er. „Und spätestens wenn sie am Ende wieder zum Wrack getaucht sind, war ich dabei.“ Seit Christel und Klaus Schiffler die Reichshallen-Lichtspiele 1986 offiziell schlossen und das Film-Eck eröffneten, entscheiden sie selber über die Filme. „Irgendwas muss rüberkommen“, formuliert Klaus Schiffler den selbst gesteckten Anspruch. Aber manchmal springen die beiden auch über ihren Schatten – bei „Fack ju Göhte“ zum Beispiel. „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir den nicht gezeigt“, sagt Schiffler. Aber die Bude sei rammelvoll gewesen, jede Vorstellung ausverkauft.

Seit die großen amerikanischen Filmverleihe aufwendige und teure Technik von den Kinos verlangen, um ihre Filmen zeigen zu können, verzichten Schifflers auf diese Streifen. „Investitionen von 100.000 Euro konnten wir uns nicht leisten“, sagt er. Manchmal fallen dadurch gute Filme durchs Raster. Aber unterm Strich haben sich die Zuschauerzahlen verbessert. Dann blickt er sich in dem Saal um und sagt: „Wir konnten uns aufwendige Modernisierungsarbeiten nie leisten. Gott sei Dank, sagen wir heute.“ Das Film-Eck hat sich zum Nischenkino gemausert – während rund um Wermelskirchen viele kleine Kinos ihre Türen schlossen.

Filmeck Kino Wermelskirchen. Foto: Schiffler
Foto: Peter Meuter / Wermelskirchen , Filmeck, Heimat Geschichte Film-Eck, 03.04.2019. im Bild: alter Filmprojektor 19. Jahrhundert und Betreiber Klaus Schiffler. Foto: Meuter, Peter (pm)
Foto: Peter Meuter / Wermelskirchen , Filmeck, Heimat Geschichte Film-Eck, 03.04.2019. im Bild: Film Eck innenraum Eingang. Foto: Meuter, Peter (pm)
Foto: Peter Meuter / Wermelskirchen , Filmeck, Heimat Geschichte Film-Eck, 03.04.2019. im Bild: Film Eck innenraum alter Diaprojektor. Foto: Meuter, Peter (pm)
Foto: Peter Meuter / Wermelskirchen , Filmeck, Heimat Geschichte Film-Eck, 03.04.2019. im Bild: Film Eck innenraum. Foto: Meuter, Peter (pm)

Und wie geht es weiter? „Wir denken einfach nicht an ein Ende“, sagt Schiffler. Kurz vor ihrem Tod habe seine Tante Luise zu ihm gesagt: „Junge, lass die Finger von dem Kino.“ Als er sie dann fragend und etwas verwundet ansah, ergänzte sie: „Du kommst sonst nicht mehr davon los.“ Tante Luise sollte Recht behalten.

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