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Wermelskirchen: „Ich sehe mich als Grenzgängerin“

Petra Creutz aus Wermelskirchen : „Ich sehe mich als Grenzgängerin“

Die Wermelskirchenerin Petra Creutz lebt seit vielen Jahren im französischen Forbach. Sie berichtet, warum sie ihre neue Heimat liebt und wo die Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen liegen.

Frau Creutz, seit wann leben Sie in Frankreich?

Petra Creutz Ich lebe dort seit knapp 14 Jahren, seit März 2007.

Was war der Grund für Sie auszuwandern?

Creutz Mich hat die Liebe aus Wermelskirchen nach Frankreich gelockt. Ich habe meinen Mann im März 2002 auf einer Fortbildung kennengelernt. Und er wohnte und arbeitete zu der Zeit im Saarland. Wie es das Schicksal so wollte, wurde ich im November 2002 beruflich ebenfalls dorthin versetzt. 2003 bin ich hingezogen. Irgendwann wollten wir uns ein kleines Häuschen kaufen, in dem auch seine beiden Kinder aus erster Ehe ihre Zimmer haben sollten. Und da ist mir bei der Suche im Internet ein Haus im grenznahen Frankreich aufgefallen, das einen unglaublichen Ausblick hatte. 2007 haben wir es gekauft und sind nach Frankreich gezogen.

Wie sind Sie in Ihrer neuen Heimat aufgenommen worden?

Creutz Mein erstes Erlebnis hatte ich, als ich die Hecke vor unserem Haus mit einer relativ kleinen Gartenschere geschnitten habe. Da kam der Nachbar von gegenüber und brachte mir seine elektrische Heckenschere mitsamt Kabel. Wir hatten einander zwar mal begrüßt, aber bis dahin sonst kein Wort gewechselt. Er fuhr dann einkaufen und überließ mir einfach sein Werkzeug. Ich war baff über so viel Freundlichkeit und Vertrauen. Aber auch auf den Ämtern, in den Geschäften bin ich mit meinen wenigen Französischkenntnissen immer freundlich aufgenommen worden.

Was ist für Sie das Besondere an Frankreich?

Creutz Das Besondere für mich ist hier im Grenzgebiet zum Saarland die Vermischung von Deutsch und Französisch: Kartoffelpuffer heißen im Saarland „Grumbeer-Kiechelche“ und hier in Frankreich ebenfalls. Niemand hier sagt „crêpes de pommes de terre“. Im Baumarkt hört man „Ou sont les Tapeten, s’il vous plaît?“, weil die Franzosen das kürzere oder einfacher auszusprechende Wort aus den jeweiligen Sprachen benutzen. Aber auch die deutschen Nachbarn übernehmen französische Worte und Grammatik. So sagt der Saarländer „Ich habe kalt“ („Isch han kalt“), was dem französischen „J’ai froid“ entspricht.

Hatten Sie schon als Jugendliche eine besondere Affinität zu unserem Nachbarland?

Creutz Ja, ich habe die französische Sprache geliebt und gerne gelernt. Und ich war auch schon einige Male in Paris. Aber Paris selber ist ein anderes, besonderes Frankreich. Die Pariser fühlen sich wie die Elite Frankreichs. Das hat mich damals enttäuscht.

Mussten Sie sich zu Beginn wegen eventueller Mentalitätsunterschiede sehr umstellen?

Creutz Oh ja! Sehr gewöhnungsbedürftig ist für mich, dass es hier in Frankreich zwar klare Regeln gibt, sich aber niemand daran hält. Und derjenige, der die Einhaltung der Regeln einfordert, ist derjenige, der unbeliebt ist. Man macht den Anderen auf keinen Fall auf Regelverstöße aufmerksam, geschweige denn man fordert sie ein. Ob es dabei um die Sonntagsruhe geht, um die parkenden Autos auf dem Bürgersteig oder gar auf der eigenen Einfahrt – letztlich ist das alles hier in Frankreich nicht so wild.

Hatten Sie vor Ihrem Umzug Bedenken, vielleicht auch wegen der Sprachunterschiede?

Creutz Eher nicht. Hier im Grenzgebiet sprechen so gut wie alle Menschen Deutsch und Französisch. Und unser Makler hat uns in den Anfängen unterstützt. Außerhalb des Grenzgebietes hätte ich aber schon Bedenken gehabt. Gesetze, Regeln, Verträge oder Nachrichten auf Französisch – das ist schon echt sehr schwer zu verstehen.

Gibt es heute auch noch Situationen, in denen es zu Missverständnissen kommt?

Creutz Sprachliche Missverständnisse gibt es schon hin und wieder, aber da sind dann beide Seiten sehr bemüht, sie aus dem Weg zu räumen. Bei verhaltensbedingten Missverständnissen ist das schwer zu sagen, da die Franzosen einen ja nicht darauf hinweisen. Sie ziehen sich dann eher zurück. Nachbarn würden etwa den näheren Kontakt meiden und nur noch höflich grüßen – aber nicht mehr stehenbleiben und ein Schwätzchen halten.

Was ist Ihrer Meinung nach „typisch französisch“?

Creutz Typisch französisch – ist die Art der Frauen und Männer miteinander. Die Männer sind da, um die Frauen glücklich zu machen. Das bringt eine ganz andere Art Frau und eine ganz andere Art Verhältnis zwischen Mann und Frau hervor. Ich würde fast sagen, jeder Franzose flirtet – egal wie hübsch die Frau ist. Und die Französin bewegt sich, als wäre sie die Schönste. Französinnen sind durchweg gut gekleidet und geschminkt, wenn sie das Haus verlassen. In Birkenstock das Kind von der Schule abholen – das wird man hier nicht sehen.

Und was sehen die Franzosen als „typisch deutsch“ an?

Creutz Hier im Grenzgebiet ist das ganz klar die Disziplin. Das Einhalten von Regeln. Die gute Organisation. Mich hat man das Kuchenbuffet für unser jährliches „Brokelfest“ (eine Art Sommerfest) im Ort organisieren lassen, und ich wurde sehr oft auf meine „deutsche Organisation“ angesprochen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das ein Lob war oder eher ein gewisses „sich lustig machen“. Wahrscheinlich von beidem etwas, denn diese deutsche Art wird schon auch mit Respekt betrachtet.

Was können beide Nationen voneinander lernen?

Creutz Offenheit auf beiden Seiten und respektvolles Miteinander sind wichtig. Aus meiner Sicht verkörpert das Grenzgebiet Moselle und Saarland, wie Deutschland und Frankreich voneinander gelernt haben und noch lernen. Die Saarländer leben viel das „Leben und leben lassen“ der Franzosen. Die Franzosen wiederum nutzen die deutsche Organisation. Das Schöne ist der Mix aus beidem, ohne dass sich dafür eine Nation verliert. Ob es das Essen ist, die Kultur – etwa im deutsch-französischen Theater – die Sprache oder die Bewohner der Orte: Hier an der Grenze verschwimmt es ein wenig und beide Seiten profitieren davon.

Sehen Sie sich heute als eher Französin oder als Deutsche – oder als beides?

Creutz Ich sehe mich als Grenzgängerin. Ich bin Deutsche – das sind einfach meine Wurzeln. Ich habe aber auch etwas Französisches in mir. Ich mag meinen Wohnort, die Menschen hier und auch die französische „Bürokratie“. Das verbindet mich mit Frankreich.

Und wie viel Wermelskirchen steckt heute noch in Ihnen?

Creutz Wermelskirchen ist ein Stück Heimat für mich. Ich bin dort aufgewachsen und habe so viele Erinnerungen daran. Meine ganze Jugend, meine Schulzeit, Ausbildung, meine erste Arbeitsstelle, meine erste Wohnung, meine erste Beziehung – all das verbindet mich mit Wermelskirchen. Ich denke gerne an die Zeit zurück. Und da meine Familie noch in Wermelskirchen wohnt, ist es auch immer präsent für mich.

Haben Sie eine Lieblingsgegend in Frankreich?

Creutz Ich bin hier nicht viel herumgereist. Ich kenne also nur Moselle und Straßburg. Ich mag meinen Ort, und ich liebe es, hier über die Dörfer zu fahren. Meine Lieblingsgegend ist, wo ich wohne.