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Wermelskirchen: „Ich fühle mich nicht behindert“

Beirat für Menschen mit Behinderung : „Ich fühle mich nicht behindert“

Petra Sprenger ist Vorsitzende des Behindertenbeirats. Neue Netzwerke, große Projekte, kleine Erfolge und gelegentlicher Frust prägen die Arbeit.

Petra Sprenger lacht viel. „Ich bin ein positiver Mensch“, sagt sie. Und dann: Wieder dieses offene Lachen, bevor sie sich die Handschuhe anzieht und beherzt zu den Rädern ihres Rollstuhls greift. „Ich fühle mich nicht behindert“, sagt sie dann noch, „auch wenn ich nicht mehr so gehen kann, wie früher.“ Was sie behindere, das seien Stufen, Steigungen oder schlechtes Pflaster. Wieder lacht Petra Sprenger: „Aber ich bin doch immer noch ich.“

Allerdings kennt die 50-Jährige auch jene Momente, in denen sie vor unüberwindbaren Treppenstufen steht und sie die Wut oder Traurigkeit packt. „Diese Momente können einen ziemlich runterziehen“, sagt sie, „denn auch wir Menschen mit Behinderung wollen doch eigenständig bleiben, die Dinge selbst erledigen und nicht immer andere darum bitten müssen.“ Und weil Petra Sprenger nicht tatenlos bleiben wollte, reagierte sie auf den Aufruf des Beirats für Menschen mit Behinderung, die auf der Suche nach Unterstützung waren. „Ich wollte etwas bewegen“, sagt sie. Im Beirat traf sie Menschen, denen es ähnlich ging wie ihr. Menschen mit kognitiven Einschränkungen, mit Sehbehinderungen oder psychischen Belastungen hatten den Entschluss getroffen, nicht länger andere über Rahmenbedingungen und Alltagssituationen entscheiden zu lassen. „Die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Menschen, die ganz unterschiedliche Einschränkungen mitbringen, hat meine Perspektive erweitert und verändert“, sagt Petra Sprenger. Und weil sie sich wohl fühlte in der Runde der Ehrenamtlichen, weil sie das Gefühl hatte, Projekte und Ideen auf den Weg bringen zu können, ließ sie sich 2019 bei der Vorstandswahl als Kandidatin aufstellen. Mit Erfolg. Seit dem führt sie mit ihrem Stellvertreter Rainer Blom die Geschicke im Beirat.

„Am Anfang ging es vor allem darum, uns den Menschen vorzustellen“, erzählt sie. Das sei arbeitsaufwändig, aber auch ungeheuer interessant gewesen. Der Beirat wolle künftig noch stärker auf Kooperationen mit anderen Vereinen, mit Schulen und Verbänden setzen. Deswegen sei es so wichtig gewesen, diese Kontakte zu knüpfen und sie nun zu pflegen. Und dann beschäftigte das kleine beratende Gremium vor allem ein Fall: das Ordnungsamt. Im März waren Arne Feldmann und sein Team über den Euro-Grill gezogen – seit dem führt eine steile Treppe zum Ordnungsamt im zweiten Stock. „Für Menschen mit Behinderung eine unüberwindbare Hürde“, sagt Petra Sprenger. Seit diesem Tag können Menschen mit Behinderung nicht mehr ohne Termin und ohne Hilfe ihre Parksondererlaubnis für Schwerbehinderte beantragen. Hundemarken, Wohngeld oder Wohnberechtigungsscheine liegen hinter der Hürde. „Das geht einfach nicht“, sagt Petra Sprenger. Und deswegen suchte sie als Beiratsvorsitzende erst das Gespräch mit Stefan Görnert und dann mit dem Bürgermeister. „Eine Lösung gibt es auch nach fast einem Jahr immer noch nicht“, sagt sie, „da hätten wir mehr Einsatz von Politik und Verwaltung gebraucht.“

Andere Ideen, die der Beirat im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht hat, nehmen aber inzwischen Gestalt an: „Unser größtes Projekt ist eine App für das Handy, die Menschen mit Behinderung über Barrieren und Barrierefreiheit in Restaurants, Geschäften und an Straßen informiert“, sagt sie. Beim Kennenlerngespräch beim Kreis habe sie erfahren, dass es dort ähnliche Pläne gebe. Also habe man sich zusammengetan. Noch in diesem Jahr soll die App an den Start gehen, auf der Basis des bestehenden Systems Wheelmap.org – aber dann mit Blick über den Rollstuhl hinaus.

Das zweite große Projekt, das der neue Beiratsvorstand in diesem Jahr realisieren will, läuft unter dem Stichwort „Sensibilisierung“. „Wir wollen den Menschen in Wermelskirchen die Möglichkeit geben, die Welt aus unserer Perspektive zu sehen“, kündigt Petra Sprenger an. Wer nicht an das Thema Behinderung und Barrieren herangeführt werde, der habe gar keine Chance, die Probleme im Alltag zu erkennen. Und deswegen will sich der Beirat mit Infoständen an Veranstaltungen beteiligen. Beim Fest bringen die Ehrenamtlichen einen Rollstuhlparcours mit und laden die Besucher ein, einmal selbst im Rollstuhl Platz zu nehmen. „Es ist schon viel erreicht“, sagt Petra Sprenger. Und dann lacht sie wieder. „Aber es gibt auch noch viel zu tun.“