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Wermelskirchen: „Grippe ist keine harmlose Erkrankung“

Interview Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser : „Grippe ist keine harmlose Erkrankung“

Arzt und TV-Liebling „Doc“ Esser spricht über den Erkältungsmonat Januar – und gibt wertvolle Tipps zur Vorbeugung.

Herr Dr. Esser, der Januar ist der Erkältungsmonat. Warum eigentlich?

Heinz-Wilhelm Esser Weil er die optimalen Witterungsbedingungen für Keime liefert: In der kalten Zeit trocknen unsere Schleimhäute aus. Das finden Viren und Bakterien super: Sie können sich dann an die Schleimhäute dranheften und sich munter vermehren. Die Folge: Wir werden krank.

Was unterscheidet eine Erkältung von einer Grippe?

Esser Das ist eine ganz wichtige Frage. Denn viele sagen immer: ,Ich habe eine Grippe.’ Das trifft in den meisten Fällen aber nicht zu. Meist handelt es sich um einen grippalen Infekt. Die Symptome: eine erhöhte Temperatur zwischen 37 und
38 Grad, man fühlt sich angeschlagen, die Nase läuft, man hat vielleicht auch noch leichten Husten. Wenn man sich nun ausruht, ist man eigentlich nach drei bis vier Tagen wieder fit. Bei der Influenza, also der Grippe, hat man hohes Fieber, einen trockenen, unproduktiven Husten, massive Gliederschmerzen. Die meisten fühlen sich richtig krank. Daher ist es auch wichtig, dass sich Risikogruppen impfen lassen.

Wer sollte sich impfen lassen?

Esser Vor allem Ältere und Schwangere im zweiten Trimenon (zweites Drittel der Schwangerschaft, Anm. d. Red.). Warum nicht im ersten Trimenon? Weil es dort ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftsabbrüche gibt und man den Impfgegnern keine Pseudoargumente gegen eine Influenza-Impfung liefern will. Und es sollten sich diejenigen impfen lassen, die viel Patientenkontakt haben, also zum Beispiel Pfleger und Ärzte. Dabei geht es weniger um einen selbst: Denn wer gesund ist, wird es wegstecken. Aber man ist potenzieller Überträger. Wenn ein ohnehin schon immungeschwächter Mensch die Grippe kriegt, ist das lebensbedrohlich. Die Grippe ist keine harmlose Bagatellerkrankung. Wir haben tausende Grippetote pro Jahr in Deutschland.

Kann ich denn mit einer Erkältung arbeiten gehen?

Esser Das ist immer eine subjektive Herangehensweise. Man sollte sich jedoch frei machen von dem Gedanken, dass man unersetzbar ist. Wenn man hohes Fieber ab 38,5 Grad oder einen gefärbten Auswurf hat – denn der deutet auf einen bakteriellen Infekt hin – und zu Hause kaum den Gang zum Bad schafft, muss man sich auch nicht zur Arbeit schleppen. Es bringt auch nichts. Denn meist steckt man dann noch Kollegen an. Man sollte sich stattdessen die Ruhe auch mal gönnen. Wer nur eine laufende Nase ohne Fieber hat, darf auch zur Arbeit gehen.

Ab wann sollte ich mit einer Erkältung zum Arzt gehen?

Esser Wenn nach drei bis fünf Tagen keine Besserung eingetreten ist, wenn ich mich sehr krank fühle und hohes Fieber habe, dann ab zum Arzt.

Was hilft denn gegen die Erkältung?

Esser Die Medikamente, die man frei in der Apotheke kaufen kann, behandeln rein die Symptome. Aber Achtung: Bitte keine Kombipräparate kaufen. Diese setzen sich aus mehreren Wirkstoffen zusammen. Die Nebenwirkungsrate ist hier deutlich höher. Außerdem kann es oft und schnell zur Überdosierung kommen. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass in einem Kombipräparat bereits das Schmerzmittel Paracetamol enthalten ist und schlucken zum einen das Kombipräparat und zusätzlich Paracetamol. Das kann toxisch auf die Leber wirken. Wer erkältet ist und das Gefühl hat, er braucht es, sollte die Symptome einzeln behandeln. Ist die Nase zu, nehmen Sie abschwellende Nasentropfen. Wer Husten hat, nimmt einen Hustenstiller. Ansonsten empfiehlt sich der Griff zu Omas Hausmittelchen.

Helfen Hühnersuppe und Ingwertee denn tatsächlich?

Esser Hühnersuppe nachgewiesenermaßen ja, denn sie hat nicht nur einen hohen Zinkanteil, sondern auch einen Stoff, der dafür sorgt, dass sich die Entzündung nicht so stark ausbreitet. Ingwer wirkt reinigend und antibakteriell. Bei Tees muss man vorsichtig sein. Wer Reizhusten hat, dem empfehle ich Thymian, Eibisch und Eukalyptus. Das entspannt, lockert den Husten und beruhigt den Rachen. Was man nicht trinken sollte, ist Kamillentee. Dieser trocknet den Rachen aus. Wer an Heiserkeit leidet, sollte keineswegs still sein. Man sollte sogar reden. Es gibt Studien, die belegen, dass sich der Krankheitsverlauf verlängert, wenn bei Heiserkeit das Sprechen vermieden wird. Was man lassen sollte, ist das Räuspern.

Warum?

Esser Beim Räuspern schlagen die Stimmlippen gegeneinander. Heiserkeit entsteht durch gerötete geschwollenen Stimmbänder, das ganze Gewebe ist in dem Fall gereizt. Die sollten dann nicht auch noch gegeneinanderschlagen. Schreien und Flüstern sollte man ebenfalls nicht, denn das belastet die Stimmlippen ebenfalls zu stark. Auch hier ist Kamillentee schlecht, weil er den Kehlkopf austrocknet.

Was also tun bei Heiserkeit?

Esser Viel trinken. Bei Heiserkeit kann man wunderbar mit Meersalz inhalieren: Auf einen halben Liter heißes Wasser fünf Gramm Salz geben und verdunsten lassen. Dann setzt man sich über Brühe hin und inhaliert sie. Tees erreichen nie die Stimmlippen, sie beruhigen nur den Rachenraum. Aber durch die Inhalation erreicht man die tieferliegenden Stimmlippen am besten.

Was hilft gut gegen Halsschmerzen?

Esser Auch hier: viel trinken und zuckerfreie Bonbons lutschen. Ein Löffel Honig. Dieser bildet viel Schleim und legt sich so schützend über die entzündeten Wege. Übrigens hat ein Stück dunkle Schokolade denselben Effekt. Ich möchte aber betonen, nur wenig davon zu verzehren, da zu viel Zucker drin ist. Das in Schokolade enthaltene Theobromin sorgt dafür, dass man zusätzlich besser abhusten kann.

Wie kann ich einer Erkältung vorbeugen?

Esser Gesund leben. Wichtig ist die ganzjährige körperliche Bewegung. Vor allem draußen in der Natur, etwas Besseres gibt es nicht für das Immunsystem. Außerdem ist eine ausgewogene, gesunde Ernährung wichtig. Dabei sollte man darauf achten, nicht zu viele Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Denn diese sorgen von sich aus schon für eine chronische Entzündung im Körper. Wichtig ist, viel Gemüse und viele Vitamine aufzunehmen. Es sollte kein Mangel entstehen.