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Wermelskirchen: Futtervorrat aufgebraucht – Tiere müssen raus

Landwirtschaft in Wermelskirchen : Futtervorrat aufgebraucht – Tiere müssen raus

Ortslandwird Torsten Mühlinghaus spricht darüber, ob die Landwirtschaft einen weiteren trockenen Sommer verkraften kann.

Herr Mühlinghaus, gerade der Februar war sehr regenreich. War das für die Natur denn ausreichend?

Torsten Mühlinghaus Zu 90 Prozent ja. Man darf nicht nur einen Monat betrachten. Wir hatten von November bis Mitte März 700 Millimeter Niederschlag. In Durchschnittsjahren sind es pro Jahr 1100 bis 1200 Millimeter Niederschlag. Insofern wurde in den etwa fünf Monaten ein ganz großer Teil des Defizits aus dem Vorjahr wieder aufgeholt. Es wird vielleicht noch nicht die letzte Quelle wieder aufgefüllt sein, aber im Großen und Ganzen kann man damit gut arbeiten.

Derzeit regnet es wieder kaum, ist das schon Grund zur Sorge?

Mühlinghaus Gerade in der vergangenen Woche war zudem ja kräftiger Ostwind, der viel Feuchtigkeit weggenommen hat. Man guckt dann natürlich auf den Wetterbericht, der für die kommenden zwei Wochen auch nicht viel Niederschlag vorhersagt. Das ist dann schon etwas, wo ein wenig Sorge aufkommt. Ein Tag Regen mit etwa 20 Millimetern Niederschlag, das wäre jetzt nicht verkehrt.

Nach zwei extrem trockenen Sommern – kann die Landwirtschaft einen weiteren verkraften?

Mühlinghaus Nun, verkraften können wir das. Es wird aber wohl darauf hinauslaufen, dass die Viehbestände reduziert werden müssen. Sämtliche Futterreserven, die da irgendwo noch gelagert waren, sind mittlerweile aufgebraucht. Das betrifft in einer Gegend, in der es viel Milchviehhaltung gibt, wie es im Bergischen Land der Fall ist, natürlich schon einige Landwirte.

Kann man sich in irgendeiner Weise darauf vorbereiten?

Mühlinghaus Das geht nicht, weil man ja nicht vorher weiß, was für einen Sommer wir haben werden. Wenn jetzt wer spekuliert, dass es ein sehr trockener Sommer ist, dann ist das unseriös. Zum Herbstende im Vorjahr hat mir etwa jemand gesagt, dass wir einen der kältesten Winter seit 30 Jahren mit viel Schneefall bekommen werden – das war nun im Nachhinein nicht wirklich korrekt. Was man aber schon feststellen kann, ist, dass die Wetterphasen insgesamt länger werden – wenn ein Hoch sich aufgebaut hat, dann bleibt das lange. Genau wie im vergangenen Winter, ein Tief ist dem nächsten gefolgt.

Welche Unterstützungen bekommen Sie von staatlicher Seite?

Mühlinghaus Das können Sie vergessen. Von der Dürrehilfe bekamen nur diejenigen etwas, die keine Hosen mehr anhatten. Sobald da irgendwas an Nebeneinkünften da war, etwa eine Wohnung, die vermietet wurde, war man da raus. Da wird meiner Meinung nach in der Politik sehr viel schöngeredet und auch gelogen. Nehmen Sie das Beispiel, als es im Frühjahr hieß, die Landwirte sollten eine Milliarde Euro bekommen. Das Geld war aber nicht für die Landwirte, sondern für die Kontrollmessstellen, die die Brunnen messen und unterhalten. Davon hatte doch die Landwirtschaft gar nichts. Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass man sich nur selbst helfen kann – aus der Politik braucht man nichts zu erwarten.

Wie gut ist man denn in Wermelskirchen auf einen weiteren trockenen Sommer eingestellt?

Mühlinghaus Eigentlich ganz gut – die Talsperren sind mit 62 Millionen Kubikmetern gefüllt, aus dem Winter des Vorjahres sind sie mit 54 Millionen Kubikmetern herausgekommen. Ich mache mir aber um die Waldbestände Sorgen, weil ich mir nicht sicher bin, ob die schon genug Wasser abbekommen haben. Dazu kommt die Bedrohung durch den Borkenkäfer, wenn dann der Sommer heiß wird, dann wird das eng. Was die Landwirtschaft angeht: Wenn ein halbwegs normaler Sommer kommt – also trocken, aber mit Regenperioden –, dann ist das meiner Meinung nach in Ordnung und halb so wild.

Futter für die Tiere ist knapp gewesen im vergangenen Sommer. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Mühlinghaus Wenn der erste Schnitt gut ist, wenn das Frühjahr gut startet – wenn es dann in dieser Woche jetzt warm wird und die Tiere früh auf die Wiesen kommen können –, dann wäre das gut. Ich hoffe, dass die Tiere direkt nach Ostern raus können, weil dann nämlich alle Vorräte so ziemlich aufgebraucht sind.

Was steht auf den Wiesen und Feldern für die Landwirtschaft an?

Mühlinghaus Gerade wurde gedüngt, jetzt wird gepflügt, die Felder werden für die Mais-Aussaat vorbereitet. Dann werden Zäune repariert, Wiesen begradigt, Maulwurfhaufen und Schweinelöcher ausgebessert. Dann kommt die Aussaat des Mais, das wird so um den 20. April starten. Je früher die Frucht aufs Feld kommt, umso besser ist es, weil die Winterfeuchtigkeit im Boden noch genutzt werden kann.

Merken Sie auch die Auswirkungen von Corona?

Mühlinghaus Wir persönlich nicht, weil wir keine ausländischen Facharbeiter beschäftigten. Diejenigen Betriebe aber, die auf Erntehelfer aus dem Ausland angewiesen sind, etwa im Obst- und Gemüsebau, bekommen richtige Probleme. Denn dann bleibt die Ernte auf dem Feld. Ich frage mich, woher wir alleine in Nordrhein-Westfalen etwa 40.000 Arbeitskräfte herbekommen sollen, die dann auch noch so fit sind wie die Polen oder Rumänen, die zur Ernte kommen. Das wird ein Tanz auf der Rasierklinge. Auch Milchbauern haben manchmal ausländische Hilfskräfte, in Wermelskirchen ist das meines Wissens nach aber nicht der Fall.

Kann die Krise das Bewusstsein der Menschen für den Wert landwirtschaftlicher Produkte stärken?

Mühlinghaus In der Krise könnte man meinen, dass das Bewusstsein der Menschen für den Wert von Nahrungsmitteln endlich steigen müsste. Aber wenn die Krise vorbei ist, dann geht das wieder so weiter, wie vorher auch. Man sieht das doch auch an den systemrelevanten Berufen wie Krankenpflege, Einzelhandel und Landwirtschaft – das sind doch sonst diejenigen Berufe, die am wenigsten wertgeschätzt werden. Jetzt werden sie hochgehalten und halten unseren Läden am Laufen. Wenn aber die Krise vorüber ist, dann ist es wieder genau wie vorher. Das ist eine Riesensauerei.

Was macht den Beruf dennoch erstrebenswert?

Mühlinghaus Ganz einfach, weil der Beruf der schönste überhaupt ist. Es ist ein so vielfältiger Beruf, der viele Herausforderungen bietet. Ich kann mit den Tieren arbeiten, mit den Maschinen und auch mit dem Wetter. Das Problem ist nur, dass wir von außen so viel gegängelt werden. Aber ich würde ihn dennoch jederzeit wieder erlernen. Für mich ist es eine Berufung.