Wermelskirchen Fußball-Jugendwart über Einfluss der WM

Interview mit Walter Böse : „Vereine investieren in die Trainerausbildung“

Der kommissarische Jugendobmann im Fußballkreis Remscheid spricht im BM-Interview über Jugendarbeit, Vorbilder und den Einfluss der Fußball-WM.

Herr Böse, was haben Sie beim Abpfiff im Spiel Deutschland – Südkorea gefühlt?

Walter Böse Endlich raus! Wenn man sich nicht anstrengt, hat man es auch nicht verdient, weiter zu kommen.

Ist die deutsche Elf also berechtigt aus dem Turnier geschieden?

Böse Ja, absolut. Ich bin der Meinung, dass da kein wirkliches Team auf dem Platz stand. Es sind bestimmt intern Dinge vorgefallen, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß. Aber es war einfach kein Zusammenhalt spürbar, es war kein Teamgeist zu sehen. Vielleicht war es einfach nicht richtig, so lange verletzte Spieler wie Manuel Neuer mitzunehmen. Marc-André ter Stegen hat beispielsweise eine hervorragende Saison gespielt.

Hat die Mannschaft bei den Jugendlichen noch Vorbildcharakter?

Böse Das auf jeden Fall, auch losgelöst von Jogis Elf. Die Kinder sind interessiert und machen sich Gedanken dazu. Man muss jetzt zusehen, was davon hängenbleibt und wie man das dem Nachwuchs rüberbringen kann. Vielleicht kann man das aber über die guten Leistungen der anderen Mannschaften im weiteren Verlauf des Turniers deutlich machen.

2014 gab es einen regelrechten Fußball-Boom. Bleibt der jetzt aus?

Böse Klar fehlt das Identifikationsmoment mit der eigenen Mannschaft, wenn man so früh ausscheidet. Das ist was ganz Anderes, wenn man Weltmeister wird. Da denken sich vor allem die kleineren Spieler: Ich werde der Fußball-Star der Zukunft!

Walter Böse ist kommissarischer Jugendobmann im Fußballkreis Remscheid. Foto: Walter Böse

Wurde das frühe Ausscheiden unter den Jugendlichen diskutiert?

Böse Ja, das bekommt man mit. Die Jugendlichen sind durchaus nicht damit einverstanden gewesen, dass die Mannschaft sich auf dem Platz nicht angestrengt hat. Denn ab der D- und E-Jugend wissen sie selbst, dass ihre Trainer von ihnen Leistung erwarten. Es gibt ja das schöne Sprichwort: „Einer für alle, alle für einen“ – und das war in Russland nicht zu sehen.

Wurde auch über die politische Ebene der WM gesprochen?

Böse Der eine oder andere Jugendliche hat das schon diskutiert. Bestimmt auch, weil sie es von zu Hause mitbekommen haben. Sehen Sie, früher wurden Spieler wie Uli Stein oder Stefan Effenberg nach Hause geschickt, weil sie sich nicht entsprechend verhalten haben. Ich muss sagen, der DFB hätte im Falle Özil oder Gündogan im Vorfeld anders reagieren müssen und ein wichtiges Zeichen setzen können.

Wie wichtig sind solche großen Turniere für die lokalen Vereine?

Böse Ich würde das recht hoch ansetzen. Vor allem dann, wenn Deutschland gut abschneidet und ins Halbfinale oder Finale kommt. Dann wird schon im Kindergarten gekickt, und es heißt bei Mädchen und Jungs gleichermaßen: Ich will Fußball spielen!

Wie sieht heutzutage die Jugendförderung im Fußballverein aus?

Böse Die Vereine haben deutlich dazugelernt. Sie investieren in die Ausbildung ihrer Trainer. Gut ausgebildete Trainer können Kinder motivieren und ihnen viel beibringen. Es ist nicht mehr so, dass der Papa gerne kickt und dann zum Trainer gemacht wird. Da gehört mehr dazu. Vor allem, je nach Alter unterschiedliches Training anbieten. Bei den Bambini geht es noch um Spaß am Ballspiel. Die Jugendlichen werden dann auf die Position hin trainiert. Der Fußballkreis bietet jede Menge Lehrgänge an. Mittlerweile sind wir sehr gut aufgestellt, das weiß man auch beim Landesverband in Duisburg. Das zeigt den Eltern, dass ihre Kinder von gut ausgebildeten Trainern ausgebildet werden.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Zulauf der Jugendabteilung im Fußballkreis Remscheid?

Böse Das ist leider überall rückläufig. Wir haben beispielsweise für die laufende Saison 26 Mannschaften weniger als im Vorjahr. Seit mehreren Jahren ist der Abwärtstrend zu bemerken. Ich hoffe aber, dass er bald gestoppt wird.

Wie groß ist die Jugendabteilung denn und wie ist sie strukturiert?

Böse Es gibt derzeit knapp 20 Vereine im Fußballkreis Remscheid, die Jugendmannschaften haben. Der Kreis reicht dabei von Burscheid bis Radevormwald-Dahlhausen.

Woher kommt ihr talentierter Nachwuchs?

Böse Das kristallisiert sich schon im Alter von vier oder fünf Jahren heraus. Da merkt man als Trainer: Ja, das könnte mal was werden! Manchmal ist es aber auch nicht so offensichtlich. Etwa dann, wenn ein Kind in diesem Alter noch über die eigenen Beine stolpert oder ganz andere Spielinteressen hat und dann urplötzlich den Fußball für sich entdeckt und richtiges Talent entwickelt. Wir fördern aber grundsätzlich alle Kinder, die in den Verein kommen. Ich trainiere selbst eine Bambini-Mannschaft und da gibt es keinen, der der Star ist.

Geht man auch aktiv auf die Suche nach talentierten Jugendlichen?

Böse Das ist ein Thema, bei dem mir die Nackenhaare steil stehen. Ich finde, abwerben innerhalb der eigenen Klasse geht gar nicht. Wenn einer Talent hat und dann nach Düsseldorf, Dortmund oder Schalke wechseln will, dann kann ich das verstehen. Aber ob einer bei uns im Kreis im Verein A oder B spielt, das kann man von Jugendleiter zu Jugendleiter absprechen. Ein offener Umgang mit dem Thema ist wichtig.

Hat Fußball bei der Jugend nach wie vor einen hohen Stellenwert?

Böse Der ist auch heute noch sehr hoch. Bei den Jungs und auch bei den Mädchen wird überall und gerne gekickt. Ein Problem sind eher die besorgten Eltern, die sich sorgen, dass ihre Kinder sich beim Fußballspielen Schrammen holen könnten.

Welche sind denn die beliebtesten Mannschaften bei ihren Jugendlichen?

Böse Klar, viele sind auf Jogis Jungs fixiert, aber es gibt einige andere Teams, die attraktiven Fußball spielen. Und in der Bundesliga sind es die Favoriten – Dortmund, Schalke, die Bayern oder Leverkusen. Es gibt aber auch Fans von Hoffenheim oder Werder Bremen – weiß der Kuckuck, warum. Die Jugendlichen sind auf jeden Fall interessiert und bilden sich ihre Meinung. Wenn aber der Trainer einen Lieblingsverein hat, färbt das natürlich ein bisschen ab.

Die WM ist seit gestern vorbei. Die Frage vor dem Finale zwischen Kroatien und Frankreich – wer wird Ihrer Meinung nach Weltmeister 2018?

Böse Ich glaube, Frankreich macht das Rennen.

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