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Wermelskirchen: „Für Jugendliche gibt es hier zu wenig Raum“

Wermelskirchener im Interview : „Für Jugendliche gibt es hier zu wenig Raum“

Anlässlich des Weltjugendtags sprechen der 20-jährige Nico Golz und die 19-jährige Aylin Hamann über Politik, Wermelskirchen und darüber, wie es ist, heutzutage jung zu sein.

Am 12. August ist Weltjugendtag – haben Sie diesen Tag im Blick?

Nico Golz Tatsächlich gar nicht.

Aylin Hamann Ich schon, habe da aber auch nur in den Medien mitbekommen, dass es ihn gibt. Weiter beschäftigt damit habe ich mich allerdings nicht.

Denkt man überhaupt darüber nach, wie es ist, jung zu sein?

Golz Teils teils würde ich sagen. In vielen Momenten denke ich nicht darüber nach, sondern lebe einfach. Dann aber gibt es Situationen, in denen ich mir schon denke – ich bin noch jung, das kann ich jetzt machen. Das geht vielleicht später – mit Job oder Familie – einfach nicht mehr.

Wie ist es denn, heute jung zu sein?

Golz Oft finde ich, dass es sehr einfach ist – man steht morgens auf, geht zur Schule, kommt nach Hause, trifft sich mit Freunden. Dann wiederum gibt es Momente, in denen der Ernst des Lebens deutlich wird. Etwa, wenn man sich fragen muss, was man später mal machen will – Beruf, Studium, Ausbildung… Viele ältere Menschen haben auch ein Bild von Jugendlichen, das verallgemeinert wird, und mit dem umzugehen es für die Jugendlichen auch nicht ganz einfach ist.

Hamann Gerade aktuell, mit Corona, finde ich es schwer. Ich habe jetzt mein Fachabitur gemacht und ich weiß nicht genau, wie es weitergehen soll. Die Ausbildungssuche ist schwerer geworden, ich habe im Moment schon Sorgen wegen meiner Zukunft. Ich bin mir nicht sicher, ob alles so klappt, wie ich mir das wünsche.

Ist Wermelskirchen ein guter Ort, um jung zu sein?

Hamann Nein, ganz klar nicht. Für Jugendliche gibt es hier zu wenig Raum. Egal, wo wir uns aufhalten – zum Rumhängen, zum Musikhören, zum Spaßhaben -, wir werden weggescheucht. Hier an der Katt kann man tagsüber sein, aber wenn man im Sommer abends länger draußen bleiben möchte, kommt direkt das Ordnungsamt, weil es zu laut ist. Ich verstehe das ja auch, die Anwohner müssen teils früh raus. Aber für uns ist es eben schwer, uns irgendwo aufhalten zu können. Und durch Corona ist das nicht besser geworden. In Dhünn gibt es zwar eine Hütte, dort sind die Dhünner Jugendlichen, aber wir aus Wermelskirchen kommen da am Abend ja nicht mehr weg – ohne eigenes Auto.

Golz Als ich noch kein Auto hatte, fand ich das schwer. Es gibt das CVJM, das Yuca und die Katt – aber sonst gibt es hier wenig. Der Stadtpark ist jetzt auch kein Ort, an dem man sich gerne aufhalten möchte. Mit Auto kann man dann doch auch mal an den See fahren oder zu Freunden, die sturmfrei haben.

Vielen Erwachsenen erscheint die Welt heute unübersichtlich und schnell – ist das eine Generationenfrage?

Golz Wir sind damit großgeworden, wir leben damit. Ich glaube, dass wir eher manchmal davon überrascht sind, aber überfordert würde ich nicht sagen.

Hamann Junge Menschen lernen schneller als ältere Menschen. Das merkt man ja ganz deutlich, wenn man etwa der Oma die Funktionen des Handys erklären muss.

Kann die moderne Welt einen überfordern?

Golz In technischer Hinsicht nicht. Im politischen Sinne schon eher, auch wenn uns das ja, bis wir wählen dürfen, nicht so direkt betrifft. Ich bin mittlerweile im Alter, dass ich das darf. Ich finde aber dennoch, dass es eine leichte Überforderung ist, weil es uns in der Schule nie so wirklich erklärt wurde.

Sprechen Sie auch mit Gleichaltrigen über Politik?

Hamann Eigentlich nicht. Unser Interesse liegt eher im sozialen Bereich. Politik war noch nie mein Thema, ich finde es sehr kompliziert und deswegen ist das bei uns eher kein Thema.

Golz Doch, es kommt schon vor bei uns, dass wir über gewisse politische Themen sprechen – und uns dann auch mal an den Kopf fassen über manche Dinge.

Nimmt man die Welt als gegeben hin – oder glaubt man, Dinge auch verändern zu können?

Hamann Ich habe durchaus vor, was aus mir zu machen, möchte zum Beispiel studieren. Aber ich glaube nicht, dass ich dadurch in der Gesellschaft etwas verändern kann. Ich bin nur eine von 83 Millionen. Wenn viele mitziehen, kann man was verändern, klar. Aber wer hört bitteschön auf ein 19-jähriges Mädchen? Ich glaube nicht, dass ich alleine etwas bewirken kann.

Golz Natürlich gibt es Paradebeispiele von Jugendlichen, die etwas verändern können – Stichwort: Greta. Aber dazu braucht man Reichweite. Ich arbeite für mich und mein Leben, um glücklich zu sein. Ich kann durch Wählen meine Meinung abgeben, aber was die Politik daraus macht, darauf habe ich keinen Einfluss mehr.

Sind Sie gesellschaftlich oder politisch aktiv?

Golz Ich bin in der Katt aktiv, etwa beim Couchgeflüster oder bei der Kinderstadt. Aber ich bin in keinen Vereinen dabei. Hamann Ich habe mich am Charity-Konzert in der Katt im vergangenen Winter bei der Organisation beteiligt, weil ich die Idee toll fand.

Glauben Sie, dass es genügend Möglichkeiten für Jugendliche gibt, aktiv zu sein?

Golz Es gibt viele Vereine, gerade im sportlichen Bereich, die Jugendtreffs bieten viel an, man muss aber eben dort präsent sein, um es mitzubekommen. Das CVJM bietet Jugendfreizeiten an, das Yuca macht Tagesfahrten

Hamann Wenn man in einem Jugendtreff ist, bekommt man eben nicht unbedingt mit, was in den anderen so los ist.

Golz Es gibt schon eine ganze Menge, aber es könnte auch noch mehr sein.

Was halten Sie davon, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken?

Golz Das ist absolut vernünftig, meiner Meinung nach. Wir dürfen ja mit 16 den Bürgermeister mitwählen, warum also auch nicht den Rest? Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen in den zwei Jahren noch so viel an Reife zulegen, als dass es rechtfertigen würde, nicht wählen zu dürfen.

Hamann Man hat mit 16 Jahren in der Regel die zehn Schuljahre absolviert – und hat dann auch entsprechend viel mitbekommen. Es gibt auch viele Jugendliche, die sich schon mit 16 stark engagieren. Denen gegenüber ist es nicht fair, dass sie erst mit 18 wählen dürfen.

Golz Wenn wir erst mit 18 wählen dürfen, sind wir aus der Jugend schon fast wieder raus – daher wäre es schon schön, wenn wir möglichst früh über Dinge, die auch Jugendliche betreffen, mitentscheiden dürften.

Wolfgang Weitzdörfer führte das Interview