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Wermelskirchen: Frauen in der Politik sind keine Mauerblümchen

Kommunalwahl 2020 : Alles andere als „Mauerblümchen“

Christel Reetz (SPD) und Monika Müller (CDU) gehören zu den wenigen Frauen im Wermelskirchener Rat. Von Stempeln und Schubladen wollen sie nichts wissen – stattdessen definiert jede ihre Rolle in der Politik selbst.

Wenn es bei den Christdemokraten Grund zum Feiern gibt, dann schmieren die Damen der Frauenunion Schnittchen. Da müssen sie nicht lange gebeten oder gefragt werden: Dann sind die Frauen im Einsatz. „Na und?“ sagt Monika Müller. Sie backe auch mal einen Kuchen oder mache Waffelteig. „Das kann ich gut und das mache ich gerne“, sagt die 72-Jährige. Dann verbittet sie sich freundlich, sie aus diesem Grund in eine Schublade zu stecken. „Es bleibt ja nicht beim Schnittchen schmieren“, sagt Monika Müller. Sie sei nie in der Politik gewesen, um nur still dabei zu sitzen. „Wer mich einlädt, der muss damit rechnen, dass ich auch was sage“, erklärt sie.

Im Wermelskirchener Rat sitzen aktuell 54 gewählte Mitglieder – zwölf von ihnen sind Frauen. Aber wer aufgrund des auffälligen Ungleichgewichts meint, da könnten die Kommunapolitikerinnen von ihren männlichen Kollegen schnell als schmückendes Beiwerk gehandelt werden, wird von Monika Müller (CDU) und Christel Reetz (SPD) vehement eines Besseren belehrt. „Ich hatte nie den Eindruck, als Frau abgestempelt zu werden“, sagt Christel Reetz, „das war immer eine Begegnung auf Augenhöhe.“ Das habe sie damals in den 1970er Jahren so erlebt, als sie zum ersten Mal für den Rat kandidierte – und das empfinde sie auch heute so.

„Es ist unser Wesen, das uns ausmacht, nicht eine Geschlechterrolle“, sagt Christel Reetz. Und dann erzählt sie von den vielen Momenten, in denen sie emotional das politische Geschäft in Wermelskirchen begleitete. „Ich handle auch mal aus dem Bauch heraus“, sagt sie, „und manchmal kann ich mir auch Zwischenrufe nicht verkneifen.“ Sie bietet Paroli, wenn die Situation das erfordert. Sie bleibt fair, wird mal laut und weiß auch, wenn sie zu weit geht. „Dann ist eine Entschuldigung fällig“, sagt sie, „aber auch das ist mein Wesen, nicht meine Rolle als Frau. So bin ich und so werde ich auch angenommen.“ Das gilt für die Ratsmitglieder und erst Recht für die Genossen in der Partei. „Bei uns in der SPD ist das kein Thema, vielleicht sehen die Konservativen das noch mal anders“, sagt sie mit einem Fragezeichen.

Monika Müller lächelt: „Nein. Kein Stempel“, sagt sie, „ich hatte nie das Gefühl, dass man uns als Frauen in der CDU festlegt.“ Und dann spricht die 72-Jährige über Rollenbilder: Sie sei in einer Zeit aufgewachsen und in die Politik gegangen, als die Männer das Geld verdienten und die Frauen sich um die Familien kümmerten. „Heute kann jeder jede Aufgabe übernehmen“, sagt sie. Dann backen die Männer in der CDU die Waffeln.

Monika Müller (CDU) gehört zum Stadtrat in Wermelskirchen, sagt: „Frauen bringen einen anderen Ton in die Politik.“ Foto: Moll, Jürgen (jumo)

„Aber lügen wir uns doch nicht in die Tasche: So gleich, wie das Grundgesetz sagt, sind Männer und Frauen nicht“, ergänzt sie. Sie hätten unterschiedliche Stärken. „Und wenn wir sie zusammenbringen, dann sind wir richtig gut“, sagt Monika Müller. Auch deswegen schmiert sie weiter Schnittchen und freut sich, wenn die Männer die Zelte aufbauen. Trotzdem würde man ihr bei Diskussionen und in Ausschüssen zuhören. Ihre Meinung sei nie abgetan worden, ihre Themen nie einfach in Ordnern verschwunden. „Früher war es so, dass die Männer einen Wahlkreis bekamen und wenn für die Frauen noch was übrig blieb, erhielten sie auch einen“, sagt Monika Müller. Als sie 1982 in die Politik zurückkehrte – der jüngste ihrer drei Söhne hatte damals gerade auf die weiterführende Schule gewechselt – da seien diese Probleme bereits überwunden gewesen.

Das waren auch die Zeiten, als Christel Reetz zum ersten Mal zur stellvertretenden Bürgermeisterin gewählt wurde. „Ich war nie wild auf Ämter“, sagt sie, „aber dieses Amt habe ich gerne übernommen.“ Dann stand sie plötzlich vor Haustüren von Jubilaren, die eigentlichen den Bürgermeister erwarteten. „Die Verwunderung galt dann nie meiner Rolle als Frau, sondern eher meiner Parteizugehörigkeit“, erzählt sie lachend. Eine Sozialdemokratin vertrat den Bürgermeister – in einer Region, „in der sogar ein schwarzer Zaunpfahl gewählt worden wäre, wenn er sich aufgestellt hätte“. Aber es war wie so oft: Im persönlichen Gespräch wurden Parteien- und erst recht Geschlechterrollen unwichtig. „Diese Erfahrung haben wir auch unter den Kollegen in der Politik gemacht“, sagt Monika Müller, „wir kennen uns und wir wissen uns zu nehmen.“

Gibt es denn klare Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Politik? Da sind Monika Müller und Christel Reetz vorsichtig, um Schubladen zu vermeiden. „Aber ja“, sagen beide dann, „Frauen bringen noch einen anderen Ton in die Politik.“ Monika Müller spricht von einer anderen Diplomatie, Christel Reetz nennt das Mitgefühl. Klassische Frauenthemen gebe es wahrscheinlich nicht, aber beide haben sich vor allem in sozialen und kulturellen Themen immer Zuhause gefühlt. „Wir haben uns ausgesucht, was uns interessierte. Wir hätten auch anderes gekonnt.“

Beide Frauen treten im September nochmal für die Wahl zum Stadtrat an. Und beide machen anderen Frauen Mut, in die Politik zu gehen. „Ich weiß nicht, warum der Anteil im Stadtrat so gering ist“, sagt Christel Reetz. Vielleicht seien es zeitliche Gründe, oder weil viele Frauen nicht nach politischen Ämtern streben wollen. Aber beide Politikerinnen sind sich einig: „Wir können etwas bewirken.“ Schnittchen hin oder her.