Wermelskirchen: Einser-Schülern steht die Welt offen

Abitur in Wermelskirchen : Einser-Schülern steht die Welt offen

Leonie Burghoff und Aaron Klaus haben ihr Abitur mit 1,0 bestanden. Die beiden Jahrgangsbesten nehmen sich nun beide eine Auszeit – um die eigene Freiheit zu genießen und um ihren Glauben zu leben.

Vor einer Woche haben sie ihre Noten bekommen. Dass es gut für sie ausgehen würde, hatten beide im Gefühl. Aber dass es die Null hinter dem Komma werden würde, den Gedanken hatten sich Leonie Burghoff (18) und Aaron Klaus (17) nur selten erlaubt. Eine Woche nach der Notenbekanntgabe sitzen die beiden Abiturienten nun noch mal in der Schule – um sich zu erinnern und von ihren Plänen zu erzählen.

Beide sind G8-Schüler, beide sind offenbar mit dem verkürzten System gut klar gekommen und haben doch ihre eigene Sicht auf die Dinge. Und noch etwas verbindet die beiden Abiturienten, die in der übernächsten Woche ihre Zeugnisse bekommen und dann in die große weite Welt aufbrechen. Wer sie nach dem Grund ihres Erfolgs fragt, der bekommt eine klare Antwort. Bei Aaron Klaus klingt das so: „Ich danke Christus dafür.“ Schule sei ihm nie schwer gefallen, er habe dem Unterricht gut folgen können, gerne mitgearbeitet und wenig für Klausuren und Prüfungen lernen müssen. „Diese Begabung habe ich geschenkt bekommen“, sagt Aaron. Und auch Leonie ist sich sicher, dass sie diesen Weg in den vergangenen zwölf Schuljahren nicht alleine gegangen ist: „Und am Ende hat es auch einfach gepasst“, sagt die 18-Jährige. Sie erzählt vom Hollandurlaub kurz vor den Prüfungen, als sie auf dem Rad saß und die Inhalte ihrer Lernkarten aufsagte. „Schon in der Grundschule und später auch auf dem Gymnasium haben mir meine Lehrer gezeigt, wie ich selbstständig und strukturiert lernen kann“, sagt sie. Dafür sei sie dankbar. Und als die Abiprüfungen nähergekommen seien, da habe sie die 1,4 angestrebt, um Psychologie studieren zu können. Nun steht beiden die Welt offen.

Aber Leonie Burghoff und Aaron Klaus sind G8-Schüler. Sie ist gerade 18 geworden, er wird erst im Oktober volljährig. „Für unser Wissen hatten wir genug Zeit“, sagt Aaron, „aber was Verantwortung und Persönlichkeit angeht, ist es gut, wenn wir uns noch etwas Zeit nehmen können.“ Und deswegen gehen beide erst im nächsten Jahr an die Universität. Sie reist fürs erste mit einer Freundin durch Skandinavien, er begleitet ein christliches Kidscamp. „Und dann mache ich ein freiwilliges soziales Jahr beim CVJM in Mannheim“, erzählt sie. Christliche Sozialarbeit, Bandmusik. Ohnehin, wirft sie ein, das sei ihr die ganze Zeit wichtig gewesen: Musik, Sport und die Gemeinde seien immer ein Ausgleich gewesen – selbst als es während der G8-Jahre mal stressig geworden sei. Und auch Aaron stellt sich für das nächste Jahr in den Dienst der Allgemeinheit: Er arbeitet in einer christlichen Jugendherberge in Amsterdam. „Da hab ich Bock drauf“, sagt er und hofft auf ein außergewöhnliches Jahr.

Und dann? Leonie bewirbt sich für ein Psychologiestudium. Das interessiere sie seit Jahren und nun dürfe eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Und Aaron? „Ich habe mich gefragt, was will Gott damit anfangen? Mit dieser 1,0?“, sagt er. Eine Antwort hat er gefunden: Und deswegen studiert er nach der Zeit in Amsterdam Englisch und Sport auf Lehramt. Irgendwo – vermutlich eher nicht auf einem Gymnasium – wolle er dann am richtigen Ort für Jugendliche da sein. So haben Aaron und Leonie ihre eigene Schulzeit erlebt: Lehrer und Mitschüler, die für sie da waren. Und deswegen verlassen sie das Gymnasium nun auch mit Wehmut. „Vor allem die Stufe habe ich liebgewonnen“, sagen beide unisono.

Und doch, wenn sie Politikern Tipps für das Schulsystem der Zukunft geben dürften, dann würden sie nicht zögern: „Schule braucht Zeit für Beziehung“, sagt Leonie, „und die hat sie oft nicht.“ Schule sei nicht nur ein Ort, um Wissen anzuhäufen, sondern auch um die Persönlichkeit zu schärfen. Diese Zeit wünscht sich auch Aaron für die Zukunft der Schule: „Die Klassen sind zu groß, jeder Schüler hat seinen eigenen Ansatz, um sich den Aufgaben zu stellen“, sagt er, „aber dafür braucht ein Lehrer Zeit.“

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