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Wermelskirchen: Ein inklusives Sportfest

Gymnasium, Lebenshilfe und Initiative 84 : Ein inklusives Sportfest

Inklusion im schulischen Alltag: Der Abitur-Jahrgang organisierte ein ungewöhnliches Sportfest. Das Fazit aller Beteiligten ist positiv.

Anna Lena Boldt (17) mangelt es nicht an Berührungspunkten, was Menschen mit Behinderung betrifft: Die junge Abiturientin des Gymnasiums hat eine Schwester mit einem Handicap. „Den Umgang mit gewissen Beeinträchtigungen bin ich also gewöhnt“, sagt die Zwölftklässlerin, die im Juli die Schule abschließen wird. Wobei mitten im Abitur zu stehen, ist für die meisten Jugendlichen schon Stress genug ist.

Anders bei Anna Lena und den übrigen Schülern aus ihrer Stufe: „Wir hatten im März die Idee, Menschen mit Behinderung und uns Abiturienten durch ein Turnier zusammenzubringen.“ Eine Idee, die am Donnerstag in einem Sportfest mündete, das es laut Jahrgangsstufenleiterin Anne Stromann „in dieser Form noch nicht gegeben hat“. Gemeinsam mit der Werkstatt Lebenshilfe Bergisches Land und dem Verein Initiative 84 Behinderten- und Rehabilitationssport Wermelskirchen richteten die Abiturienten in der Turnhalle des Gymnasiums über mehrere Stunden einen inklusiven Wettkampf aus, bei dem sich die Mannschaften aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammensetzten.

„Dazu haben wir sechs Teams gebildet, in denen jeweils drei Sportlerinnen oder Sportler aus Anna Lenas Jahrgangsstufe stammen. Die anderen vier Teilnehmer sind Menschen mit Behinderung“, sagte Ursula Kasper, Vorstandsvorsitzende von Initiative 84, nach einem harten Ringen der Teams in der Sportart Sackhüpfen. Mit Sackhüpfen alleine war es jedoch nicht getan: An sechs Stationen mussten die Wettkämpfer sich bewähren. Neben Brennball und Kegeln standen Dosenwerfen und Eierlaufen auf dem Programm. Zudem gab es ein Fußballtor, das mit gekreuzten Bändern in vier Trefferfelder unterteilt war: Je nach Treffer aus einigen Metern Entfernung fielen die Wertungen und der Jubel unterschiedlich aus. Jubel gab es aber nicht nur vor dem Tor, sondern auch auf der Tribüne, wo etliche Angehörige und mehrere Lehrkräfte mitfieberten.

Unter den Lehrern auf der Tribüne befand sich auch Christian Ovelhey, Vorsitzender der Fachschaft Sport. Für den ehemaligen Trainer von Bundesliga-Nachwuchskräften auf der Torwartposition war ein Sportfest dieser Art völliges Neuland. Ovelhey zeigte seinen Respekt vor den organisatorischen Fähigkeiten und der Empathie dieses Jahrgangs: „Das ist in der Tat eine Stufe mit besonderem Engagement.“ So sieht es auch Thomas Göbbels, Mitarbeiter der Lebenshilfe und Übungsleiter bei der Initiative 84. An die sportlichen Fähigkeiten und Talente seiner Schützlinge bereits gewöhnt, wies er auf einen anderen Effekt hin: „Schüler sind wunderbare Multiplikatoren, wenn es darum geht, die Berührungsängste vor Menschen mit Behinderung aufzulösen.“ Weshalb er sich wünsche, dass es nicht bei diesem ersten gemeinsamen Sportfest bleibe, sondern weitere folgen. „Zudem würde ich mich freuen, wenn künftig ab und an Gymnasiasten oder andere Schüler zu unseren Trainingseinheiten kämen.“ Auch das würde helfen, Vorbehalte abzubauen und das bildungspolitische Schlagwort Inklusion mit Leben zu füllen.

Einer, der solche Besuche schätzen würde und ferner auf eine Wiederholung des Sportfests hofft, ist der 20-jährige Wermelskirchener Marco Kottmann. Der ehemalige Absolvent der Martin-Buber-Schule in Leichlingen, in der der Förderschwerpunkt auf der geistigen Entwicklung liegt, zeigte sich begeistert von dem Projekt. Zufrieden sah auch Ramona Zöllner vom Heilpädagogischen Dienst der Lebenshilfe aus, der Hauptinitiatorin Anna Lena Boldt ebenso viel zu verdanken hat wie den tatkräftigen Akteuren von der Initiative 84 und Elvira Persian als Leiterin des Gymnasiums: „Frau Persian hat sich gegenüber diesem Sport-Spaß-Spiel-Event von Anfang an offen gezeigt, auch wenn es vielleicht Zweifel gab, ob wir das Ganze organisatorisch neben unserem Abitur bewältigt kriegen.“

Dass es am Ende so gut gelaufen sei, dafür sei sie ihren Mitschülern und „speziell den Unterstützern aus dem Leistungskursus Sport sehr dankbar“, allen voran ihrem guten Freund Kurt Burkert, der den Nachmittag gekonnt moderierte. Eine Überraschung war das für die Initiatorin indes nicht: „Kurt ist ein echter Hands-on-Typ, der frei von Vorurteilen und Berührungsängsten ist.“ Überraschend seien eher die großen Emotionen gewesen, die sie bei der Siegerehrung mit Medaillen für alle Sportler nicht nur in den Gesichtern der Menschen mit Behinderung sah: „Dass diese Menschen sehr gefühlvoll sind, bin ich gewöhnt. Ich hätte aber nicht gedacht, dass auch einige meiner Mitschüler fast schon zu Tränen gerührt sein würden.“

Und sie hatte nicht mit einer so großen Spendenbereitschaft gerechnet: „Am Ende wollten meine Mitschüler nicht nur alle Einnahmen aus der Spendenbox zu gleichen Teilen der Lebenshilfe und dem Förderverein des Gymnasiums zugutekommen lassen. Jetzt ist es sogar ihr Wunsch, dass auch alle Überschüsse aus früheren Partys unserer Stufe an die Lebenshilfe fließen“, sagte sie überrascht und überwältigt.