Dhünntalschule in Wermelskirchen Ein ganz normaler Tag

Wermelskirchen · Bei einem Projekttag der Weik-Stiftung erfahren die Schüler der Dhünntalschule auf spielerische Weise, wie es ist, körperlich beeinträchtigt zu sein.

 Gruppenbild mit allen Schülern, die am Projekttag teilgenommen haben.

Gruppenbild mit allen Schülern, die am Projekttag teilgenommen haben.

Foto: Lea Hensen

Robin bleibt stehen und verzieht ratlos das Gesicht. Sachte tastet er sich mit dem Stock in seiner Rechten nach vorne, tippelt auf der Stelle, macht dann zwei, drei vorsichtige Schritte nach links. Mit einem Rums schlägt der Stock gegen einen Stuhl. Der Sechsjährige zuckt zusammen und hält inne.

Wenige Minuten später nimmt er seine Augenbinde ab. Und sieht wieder den Klassenraum, in dem er sich befindet, mitten unter den anderen Schülern der Dhünntalschule in Dabringhausen, die an diesem Vormittag einen besonderen Tag erleben, der ein „ganz normaler Tag“ heißt. Ehrenamtliche Mitarbeiter der Elisabeth & Bernhard Weik-Stiftung aus Langenfeld besuchen die Schule und sensibilisieren die Kinder für ein Leben mit körperlicher Beeinträchtigung. Die Schüler durchlaufen mehrere Stationen: Sie bewegen sich mit einem Blindenstock und mit Gehhilfen, fahren mit dem Rollstuhl und bekommen Westen mit Gewichten umgeschnallt, um zu spüren, wie sich ein Übergewichtiger fühlt. Und sie treffen auf Menschen, die sich auf Gebärdensprache verständigen oder erblindet sind. Sie zeigen und erklären ihnen, wie sie ihren Alltag meistern.

 Mit verbundenen Augen als Sozius auf dem Tandem: Luca (6) stellt sich dieser Herausforderung.

Mit verbundenen Augen als Sozius auf dem Tandem: Luca (6) stellt sich dieser Herausforderung.

Foto: Lea Hensen

„Ein aufregender Tag für die Schüler“, sagt Schulleiterin Friederike Kelzenberg-Gerloff, „aber eben ein ganz normaler Tag für die Menschen, die sie heute kennenlernen.“ Genau das sollen die Schüler nämlich lernen: Dass körperlich beeinträchtigte Menschen ganz normale Menschen sind, die einen gleichberechtigten und unverkrampften Umgang verdienen. Das Projekt will die Inklusion vorantreiben und Diskriminierung entgegenwirken. An den beiden Standorten der Dhünntalschule findet es zum dritten Mal statt. Damit jedes Schulkind die Möglichkeit hat, einmal teilzunehmen, besucht die Weik-Stiftung die Schule alle vier Jahre.

 Mit den Rollstühlen müssen die Kinder auch Unebenheiten befahren.

Mit den Rollstühlen müssen die Kinder auch Unebenheiten befahren.

Foto: Lea Hensen

Bei den Übungen geht es nicht nur darum, eine Gehhilfe oder einen Rollstuhl einmal selbst zu benutzen. Die Kinder sollen auch ein Gefühl dafür entwickeln, welchen Herausforderungen Menschen mit Handicap ausgesetzt sind. Draußen auf dem Schulhof drehen zwei Männer auf dem Fahrrad ihre Runden: Sie fahren kein Zweirad, sondern Tandem – hinten sitzt jeweils ein Kind mit verbundenen Augen. Der achtjährige Luka erholt sich auf einer Bank. „Ich dachte manchmal, wir fahren rückwärts, oder wir rutschen ab“, berichtet er von seiner Fahrt. Dem Vordermann vollständig zu vertrauen, sich während der Fahrt sogar mit in die Kurven zu legen, ohne zu sehen, wohin man eigentlich fährt, sei ihm nicht leicht gefallen. Der Zweitklässler hat verstanden, worum es geht. „Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie sich Blinde fühlen. Ich glaube, wenn wir solche Erfahrungen machen, werden wir in Zukunft auch niemanden auslachen, der so etwas hat.“

 Robin (6) geht mit einem Blindenstock.

Robin (6) geht mit einem Blindenstock.

Foto: Lea Hensen

Ein paar Meter weiter wird laut in die Hände geklatscht. Eine Gruppe Schüler macht den Hampelmann-Sprung, danach Kniebeugen, dann joggen alle im Kreis. Sie springen wild herum und haben Spaß. Der Gruppenleiter ruft die Kinder zu sich und gibt ihnen Gewichtswesten und schwere Fesseln für Arme und Füße. Die Übungen fallen ihnen jetzt viel schwerer, kaum berühren sich die Hände beim Hampelmann über dem Kopf.

Gelacht wird trotzdem. Es ist den Kindern anzumerken, dass sie am „ganz normalen Tag“ auch ihren Spaß haben. „Ein Mensch mit Handicap lebt ja auch nicht ohne Spaß“, sagt Kelzenberg-Gerloff. Sie glaubt daran, dass sich die Erfahrung der Projekttage bei den Schülern festsetzt und später abrufen lässt. „Die Kinder nehmen das als Ganzes auf und übertragen das auf körperlich beeinträchtigte Menschen.“ Schüler, die an dem Projekt teilgenommen haben, würden tatsächlich anders auf Menschen mit Handicap reagieren, sagt Regina Lindner-Kaupp, Projektleiterin bei der Weik-Stiftung. „Ein Kind etwa hat später einen Blinden an einer Ampel angesprochen und Hilfe angeboten – ohne ihn direkt am Arm zu fassen, wie viele das leider noch tun.“

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