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Wermelskirchen: Ehemaliger Bürgermeister Heinz Voetmann feiert 90. Geburtstag

Heinz Voetmann wird heute 90 Jahre alt : Als Bürgermeister zur Arbeit spaziert

Heinz Voetmann feiert heute seinen 90. Geburtstag. 25 Jahre setzte er sich als Bürgermeister für die Geschicke seiner Stadt ein – und veränderte sie. Ein Besuch beim Jubilar.

Er liebt die Berge, den Blick zum Gipfel, den Weg, der dorthin führt. Vor vier Jahren, da war Heinz Voetmann 86, klettert er in Zermatt auf 4200 Meter Höhe. Als er mit Ehefrau Elisabeth in den späten 1960er Jahren mal eine Reise nach Sylt macht, sei er vor lauter Verzweiflung gleich mehrmals um die Insel gewandert. „Danach sind wir nie wieder ans Meer gefahren. Es waren immer die Berge.“ Warum? Heinz Voetmann zögert nicht: „Die Anstrengung, der Gipfel, das unbedingte Wollen, auf den Berg zu kommen.“

Er sagt das wie die meisten Sätze. Entschlossen, verbindlich und ein bisschen heiter. Und er weiß, dass diese Sätze wie eine Metapher klingen, wie ein Lebensmotto. „Ja, das sei wohl auch im Leben so gewesen“, ergänzt er. Der Wille, die Anstrengung, das Ziel – schon damals, 1942, als er mit seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher beginnt. Danach macht sich Heinz Voetmann auf den Weg nach Köln zur Klöckner-Humboldt-Deutz AG.

Er heiratet seine Elisabeth, die er schon aus seiner Kindheit in jenem Dorf im Kreis Kleve kennt, schafft ohne Abitur aber mit Sonderreifeprüfung die Zulassung zum Studium und wird Berufsschullehrer. Am schwarzen Brett in der Uni findet er die Ausschreibung für die Stelle in Wermelskirchen – und tritt sie 1955 an. Was ehemalige Schüler heute über ihn sagen? „Ich war ein verdammt strenger Hund, aber sehr gerecht und man hat viel gelernt“, sagt er.

Pünktlichkeit und Ordnung bleiben Voetmann auch wichtig, als er auf Bitten des katholischen Vikars 1964 in die Wermelskirchener CDU eintritt, zwei Jahre später ihr Vorsitzender und 1969 Bürgermeister wird. „Ganz oder gar nicht“, sagt er lachend. Er habe die Möglichkeit genutzt, zu gestalten. Das sei die stärkste Motivation gewesen. „Ich hatte allerdings drei Handicaps“, sagt er – und es funkelt in seinen Augen, „ich war Hergelopener, Kathole und Beamter.“ Aber das vergessen die Wermelskirchener schnell.

Als Voetmann in die CDU eintritt, zählt die Partei 67 Mitglieder, als er 1994 seinen Hut als Bürgermeister nimmt, sind es 760 Mitglieder. Die CDU gewinnt eine unglaubliche Mehrheit, holt über Jahre 22 auch mal alle 23 Bezirke bei Wahlen. Was den Erfolg ausmacht? „Das Vertrauen der Bürger“, sagt Heinz Voetmann. Dann erinnert er sich, als sei es gestern gewesen. Damals, als er zum ersten Mal mit der CDU um Stimmen wirbt, um den Bürgermeister stellen zu können, habe er einen Fragebogen an alle 13.000 Haushalte geschickt. 1600 kamen zurück. Ganz oben auf der Liste platzieren die Wermelskirchener ein Hallenbad. „Frech wie wir waren, versprachen wir, innerhalb von drei Jahren ein Hallenbad zu bauen“, sagt Voetmann, „und wir hielten das Versprechen“. 1974 wird das Quellenbad eröffnet.

Er erzählt von dem Kampf um die Selbstständigkeit der Stadt. „Wir wollten nicht Remscheid 13 werden“, sagt er. Also nutzt er seine Kontakte, hält eine flammende Rede. Und Wermelskirchen bleibt selbstständig. Immer an seiner Seite: Stadtdirektor Siegfried Störtte. „Wir hatten einfach eine Wellenlänge“, sagt Voetmann, „er machte die Verwaltung, ich die Politik. Und wir wollten das Beste für die Stadt.“

Ja, Politik sei ein Knochenjob, ergänzt er dann. Er habe anfangs weiter als Berufsschullehrer gearbeitet, weil die Pauschale von 400 Mark, die er im Monat als ehrenamtlicher Bürgermeister bekam, zum Leben nicht reichte. Erst als er 1975 Landtagsabgeordneter wird, gibt er den Lehrerjob auf. Fortan wird er noch sichtbarer für die Wermelskirchener. Sprechstunden habe er nicht gebraucht. „Ich bin immer zu Fuß zur Arbeit gegangen“, erzählt er, „damit die Menschen mich ansprechen konnten.“ Und das taten sie.

Einmal habe ein verzweifelter Mann mitten in der Nacht bei ihm angerufen. Sein Ausweis sei abgelaufen, aber er müsse am nächsten Tag in ein Flugzeug steigen. Also ruft Voetmann Ordnungsamtsleiter Fröhlich an. Der setzt seinen Stempel auf den Ausweis.

Aber die Welt habe sich geändert, sagt der 90-Jährige. Heute würden sich nur schwerlich Mehrheiten finden, politischer Streit würde breitgetreten. „Wenn es bei uns Schwierigkeiten gab, dann hat meine Frau gekocht und ich habe alle zum Abendessen eingeladen“, sagt er, „dann haben wir die Probleme aus der Welt geräumt.“ Ohnehin sei seine Frau seine große Stütze gewesen. Als sie 2005 stirbt, ändert sich für Heinz Voetmann alles. „Ich habe die Bedienungsanleitungen des Backofens, der Waschmaschine und der Spülmaschine gelesen und mir alles beigebracht“, erzählt er. Heute backt er jede Woche einen Kuchen, zu Weihnachten 14 verschiedene Plätzchensorten.

Aus der Politik hat er sich zurückgezogen. „Das ist alles weit weg“, befindet er. Als er 1995 nicht mehr zur Wahl antritt, da sei ihm der Schritt nicht schwer gefallen. Stattdessen wird er Rentner, freut sich über die gemeinsame Zeit mit seiner Frau, den beiden Töchtern, Enkeln und inzwischen auch Urenkeln. Manchmal ärgere er sich über Entwicklungen in der Stadt. „Aber die muss ich schlucken“, sagt er, „ich kann nichts mehr beeinflussen und ich will es auch gar nicht.“ Dann zögert er kurz, setzt neu an und klingt ein bisschen wie damals: „Aber wir sollten alle miteinander stolz sein, dass wir seit 70 Jahren im Frieden in Europa leben, dass wir reisen können, das alleine ist schon Europa wert. Und das sollten wir nicht leichtfertig verspielen.“