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Wermelskirchen: Die Wälder im Bergischen laden zum Wandern ein.

Mit SGV-Wanderern im Wald unterwegs : Der Wald verschluckt die Alltagssorgen

Die Nachfrage nach Wanderungen des Sauerländischen Gebirgsvereins ist groß. In den heimischen Wäldern trifft Geschichte auf Natur, erklären die Wanderer – und erzählen vom großen Betrieb in Zeiten von Corona.

Plötzlich sinken die Temperaturen. Die Sonne sucht sich durch das dichte Blattwerk einen Weg und wirft einzelne Strahlen auf den Waldweg. Franz Abele zieht sich den Pullover über. Er kennt diesen Moment, wenn der heimische Wald an den heißen Sommertagen für eine wohlige Abkühlung sorgt, wenn die Sonne Gelegenheit für ein kleines Naturschauspiel bekommt und der warme, erdige Boden den Weg weist.

„Wir haben hier im Bergischen alles, was ein Wanderer braucht“, sagt er und hält Dackeldame Carry an der Leine. Bäche und vielseitige Wälder, ein Auf und Ab und immer wieder die Spuren der Vergangenheit. „Im Wald treffen Geschichte und Natur aufeinander“, sagt Franz Abele. Das weiß er zu schätzen. Dann trifft er auf uralte Bäume oder Spuren des alten Handwerks, dann beobachtet er die Vegetation und leidet mit den Bäumen an Trockenheit und Borkenkäfern.

Gleichzeitig findet Franz Abele im Wald Geselligkeit: Seit fast 50 Jahren erwandert er mit dem Sauerländischen Gebirgsverein (SGV) die heimischen Wälder – seit er damals der Liebe wegen aus seiner bayerischen Heimat nach Wermelskirchen kam. Mit dabei ist an diesem Vormittag auch Siegfried Schumacher. Er habe sich nach dem plötzlichen Tod seiner Frau erst alleine auf Wanderschaft begeben, bevor er den SGV entdeckt habe. Seit einer Weile macht er sich nun in Gesellschaft auf den Weg – und weiß ein gutes Gespräch auf Waldwegen zu schätzen. Rund 16 Wanderer gehören zu der Gruppe, die strammen Schrittes und in festen Schuhen unterwegs ist. Und egal, wen man hier fragt, jeder von ihnen bekundet die erholsame Wirkung des Waldes. „Die Einsamkeit und die Ruhe hier tun mir gut“, fasst Margarete Kotthaus zusammen, „ich liebe die Natur und diese Atmosphäre.“

Ähnlich muss es den Arbeitern in Zeiten der Industrialisierung gegangen sein, als sie auf Einladung des frisch gegründeten SGV in die Bergischen Wälder kamen. „Heute ist unser Name eigentlich etwas irreführend“, sagt Lothar Werner, Vorsitzender im SGV Wermelskirchen, „aber er hat Tradition.“ Und die Philosophie sei eine ähnliche wie damals, als der Sauerländische Gebirgsverein 1891 gegründet wurde. „Wir finden auch heute noch Erholung im Wald“, sagt Werner. Diese Erfahrung mache er bei seinen Touren mit den Vereinsmitgliedern immer wieder. Dann würden sich Gedanken neu ordnen, Alltagssorgen würden für eine Weile vom Wald verschluckt, man lerne loszulassen. „Der Vorteil einer geführten Wanderung ist der, dass man auch die Möglichkeit für neue Perspektiven bekommt“, sagt Werner. Dann lasse sich der Wald neu erkunden. Bäume, Gedenksteine, geschichtliche Spuren würden häufig übersehen. Der SGV will beim Entdecken helfen – nicht umsonst arbeiten die Wanderer gerne mit dem Geschichtsverein zusammen.

In den vergangenen Monaten häufte sich das Interesse am Verein und an Wanderungen. „Die Menschen konnten plötzlich nicht mehr in kurzer Zeit riesige Flugstrecke hinter sich legen“, sagt Werner, „viele besannen sich auf ihre nahe Umgebung.“ Familien erkunden den Wald, Radfahrer, Mountainbiker, Reiter, Gruppen auf der Suche nach psychischer Gesundheit. In die Quere seien sie sich nicht gekommen, sagt Werner. „Es ist eine Frage des Anstandes, wie wir miteinander umgehen“, erklärt er. Ein kurzer Gruß, ein freundliches Lächeln, manchmal sogar ein schnelles Gespräch: Wenn man sich im Wald gegenseitig respektiere, gebe es keine Probleme. Es sei Platz für alle da.

Wenn er einen Wald-Wunsch frei hätte, dann würde sich Lothar Werner eine noch bessere touristische Erschließung im Bergischen wünschen. „Früher hatten wir wirklich Probleme, auf unseren Wanderungen Orte zur Einkehr zu finden“, sagt Werner. Die Situation sei bereits etwas besser geworden, aber immer noch sehe er großes Entwicklungspotenzial. Andere Wanderregionen in Deutschland seien da schon viel weiter.

Inzwischen steht die Wandergruppe unter einem jahrhundertealten Baum. Die Blicke richten sich in die verschlungene Krone. Und hier verweilen die Wanderer für eine Weile und spekulieren darüber, was dieser Baum wohl schon alles gesehen hat.