Wermelskirchen: Diakonie schränkt Pflege wegen Überlastung ein

Mitarbeiter überlastet : Diakonie schränkt ambulante Pflege in Wermelskirchen ein

Der Pflegenotstand erreicht Wermelskirchen: Die Mitarbeiter des größten Pflegedienstes arbeiten am Limit. Es fehlt an zusätzlichen Kräften. Die Diakonie zieht die Reißleine – mit spürbaren Konsequenzen für die ambulante Betreuung.

Die Diakonie kann nicht mehr. In dieser Woche veröffentlichte der größte Pflegedienst in Stadt und Kreis eine alarmierende Botschaft: „Auch bei uns ist der Pflegenotstand angekommen. Die Konsequenzen daraus werden für jeden spürbar sein.“ Das bedeutet, dass in der ambulanten Pflege ab sofort nur noch eine eingeschränkte Versorgung gewährleistet werden kann. Besonders an Wochenenden und Feiertagen können die Mitarbeiter der Diakonie die Arbeit nicht mehr stemmen. „Es ist eine prekäre Situation“, sagt Peter Siebel, Geschäftsführer der Diakoniestation Wermelskirchen.

Das Dilemma: Immer mehr Pflegebedürftige brauchen zu Hause Unterstützung – und damit Pflegekräfte. Diese Pflegekräfte werden aber zusehends rar, es gibt immer weniger. „Es ist fast unmöglich geworden, neue Mitarbeiter für die ambulante Pflege zu finden“, sagt Siebel. Die Diakonie könne sofort drei bis vier neue Mitarbeiter einstellen – es gebe nur keine Bewerber. Und so müssen die insgesamt 35 Voll- und Teilzeitkräfte die Arbeit mit 350 Pflegebedürftigen auf ihren Schultern verteilen. „Unsere Pflegekräfte arbeiten bereits seit Wochen am Limit. Mehr geht einfach nicht“, sagt Siebel verzweifelt. Mit der aktuellen Arbeitsbelastung sei die Gesundheit der Diakonie-Mitarbeiter auf Dauer gefährdet. Deshalb zieht Siebel jetzt die Reißleine.

Für Pflegebedürftige und deren Angehörige hat das weitreichende Folgen. Die Diakonie wird künftig nur noch eine eingeschränkte pflegerische Versorgung anbieten – und zwar an Wochenenden, Feiertagen und abends. „Wir müssen Angehörige bitten, die Versorgung an diesen Tagen zu übernehmen“, sagt Siebel. Denn zu diesen Zeiten sei nur ein Teil der Belegschaft im Dienst, die Arbeit sei dann nicht mehr zu stemmen. „Natürlich wecke ich da Sorgen, das ist mir bewusst“, sagt Siebel. „Aber, wenn ich dieses Niveau dauerhaft halten würde, werden meine Mitarbeiter krank.“

Wenn Angehörige nicht aushelfen können oder der Umzug in ein Altenheim keine Option ist, lasse die Diakonie natürlich niemanden im Stich. „Kein Klient muss jetzt Angst haben, dass wir montags kommen und am Dienstag auf einmal nicht mehr“, sagt Siebel. Zugesagte Einsätze werden selbstverständlich eingehalten, die Verlässlichkeit bleibe bestehen. Einzige Einschränkung: Wünsche können nicht mehr erfüllt werden – etwa die Uhrzeit betreffend. Es könne trotz Terminabsprachen zu Verschiebungen kommen. Klienten müssten ihre Gewohnheiten dementsprechend umstellen. „Nur so können wir die Grundversorgung sicherstellen“, sagt Siebel.

Noch schlechter sind die Nachrichten für Menschen, die eine ambulante Pflege jetzt neu beantragen wollen. „Es tut uns leid, wir haben momentan keine Kapazitäten“, bekommt man als Anrufer unter Umständen zu hören. Wenn doch ein Angebot seitens der Diakonie gemacht werden kann, gilt dieses voraussichtlich nicht für Wochenenden und Feiertage. „Manche haben das Glück, dass am Wochenende die Familie Zeit für die Pflege hat“, sagt Siebel. Wer dieses Glück nicht hat, dem bleibt nur noch das Altenheim.

Schon jetzt findet laut Siebel eine Verschiebung der Pflege statt. „Menschen müssen früher als notwendig ins Altenheim oder ins Krankenhaus“, sagt Siebel. Denn es gebe viele Menschen, die dringend eine Versorgung zu Hause bräuchten, sie aber nicht bekommen. Diakonie-Chef Siebel sieht die Politik in der Verantwortung. Die Diakonie schreibe seit Jahren Briefe an Landes- und Bundespolitiker – darunter Gesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die kennen die Problematik seit Jahren. Aber haben bis heute keine Maßnahmen dagegen ergriffen“, kritisiert Siebel. Hier in Wermelskirchen könne man die Probleme des Pflegenotstands nicht lösen.

Siebel schmerzt es, dass die Diakonie nun diesen drastischen Schritt gehen muss. Doch andernfalls bestehe das Risiko, dass Pflegebedürftige irgendwann ganz ohne Unterstützung dastehen. „Wir müssen versuchen, aus dieser Notlage das Beste zu machen, für den Klienten eine Versorgung zu gewährleisten und unsere Mitarbeiter nicht zu überlasten.“

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