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Wermelskirchen: Das Jugendcafé am Markt feiert 16-jähriges Bestehen

Jugendarbeit in Wermelskirchen : Ein Ort ohne Bedingungen

Das Jugendcafé am Markt feiert am heutigen Freitag seinen 16. Geburtstag. Ein großer Tag für Jugendliche. Pünktlich zum Geburtstag lädt das Team zum Juca-Beach ein – mit Live-Musik und kühlen Getränken.

Gerade hat André Frowein die Glastür im Jugendcafé aufgeschlossen. Der erste Schultag ist für die meisten geschafft und auch das Juca kehrt aus den Sommerferien zurück. Zwei Jungs springen die Stufen zum Café hoch. „Schön, dass ihr da seid“, sagt Frowein, „ihr wollt Billard spielen?“ Die beiden Jungs nicken und bekommen dann die Kugeln ausgehändigt. Bei Birgit Steinheuer, die heute Dienst hinter der Theke hat, bestellen sie noch schnell ein Getränk und verschwinden dann zur Billardplatte.„Heute waren schon sieben oder acht neue Jugendliche hier“, erzählt André Frowein. So hätten etwa Jugendliche aus Hückeswagen, die jetzt ihr Fachabitur am Berufskolleg machen würden, zufällig vorbeigeschaut und das Juca neu für sich entdeckt.

Was sie im Jugencafé erwartet? „Hier werden Menschen bedingungslos angenommen“, sagt André Frowein, „wir Christen nennen das Nächstenliebe.“ Egal, welches Temperament Jugendliche mitbringen, ob sie religiös sind oder mit Kirche nichts am Hut haben, egal welche sexuelle Orientierung, Hobbys oder Probleme sie haben: „Wir nehmen den anderen hier so, wie er ist“, sagt Frowein. Das sei natürlich manchmal eine Herausforderung, aber darauf baue das Konzept des Jugendcafés inzwischen seit 16 Jahren. Damals baute die Stadt ihr eigenes Angebot der offenen Jugendarbeit aus finanziellen Gründen zurück. Die heimischen Kirchen wurden hellhörig und beschlossen, selbst mehr Einsatz zu zeigen – und ein Angebot der offenen Jugendarbeit zu schaffen. Timo Pleuser, Betina Weichbrodt und Annelen Hilverkus entwarfen ein Konzept für ein Jugendcafé. Mit diesem Konzept wurden sie in den Gemeinden vorstellig: Und schließlich bildete sich ein Kreis mit Ehrenamtlichen der freikirchlichen Gemeinden in Dabringhausen, Dhünn, an der Neuschäferhöhe und in der Schillerstraße, um dieses Konzept umzusetzen. Drei Tage in der Woche sollte das Jugendcafé öffnen, mit dem alten Wollladen am Markt hatte sich eine Immobilienmöglichkeit aufgetan. „Zu einem ersten Treffen für Interessierte kamen 120 Freiwillige“, erzählt André Frowein. Und dann ergänzt er mit einem Blick zum Himmel: „Das war kein Zufall, das war vorbereitet.“ Statt drei Tage in der Woche würde das Jugendcafé also sechs Tage in der Woche öffnen können. Und auch die 70.000 Euro schwere Wunschliste, die das Team geschrieben hatte, war dank der großen Spendenbereitschaft schnell erledigt. „Noch bevor der Mietvertrag unterschrieben war“, sagt André Frowein.

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Während Bürgermeister Eric Weik kurzfristig die Zusage für die finanzielle Unterstützung zurücknahm und dem Jugendcafé keine großen Perspektiven voraussagte, stemmten die Gemeinden mit ihren Ehrenamtlichen und Unterstützern das Projekt alleine. Und offensichtlich hatten sie einen Nerv getroffen: Das Juca wurde von Jugendlichen überrannt – zwei Jahre später entschuldige sich Weik für seine düstere Prognose. „Für uns begann damals eine wertvolle Zeit des Lernens“, sagen Birgit Steinheuer und André Frowein, „und wir lernen ja nie aus.“

 Der Andrang war groß, als das Jugendcafé unter der Leitung von Timo Pleuser (mitte mit Kind auf Arm) 2006 eröffnet wurde.
Der Andrang war groß, als das Jugendcafé unter der Leitung von Timo Pleuser (mitte mit Kind auf Arm) 2006 eröffnet wurde. Foto: Dörner, Hans (hdo)

Die wichtigste Philosophie gilt im Juca aber damals wie heute: Junge Menschen zwischen zwölf und 27 können vorbeikommen und haben Raum, um selbst zu gestalten und sich selbst zu entwickeln. Wer Hilfe braucht bei einer Bewerbung, der bekommt sie. Wer sich Raum zum Beten wünscht – ob Moslem oder Christ – der findet ihn im ersten Stock. Wer mal ein ruhiges Zimmer mit Internet, Computer und Drucker braucht, um im Praktikum an einem Online-Meeting teilzunehmen, der wird fündig. Und auch auf der Suche nach kreativen Workshops muss man im Juca nicht lange Ausschau halten. Vor allem aber kommen die Jugendlichen, um sich zu begegnen, um Zeit miteinander zu verbringen – nach ihren eigenen Bedingungen. „Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe“, sagt Dennis Albrecht. Und so entstehe Beziehung: Dann winken die Jugendlichen in der Stadt den Teamern fröhlich zu. Auch in ihrer Not wenden sie an die Menschen hinter dem Tresen. „Wir sind mal großer Bruder und mal Kumpel“, sagt Albrecht. Heute engagieren sich noch 50 Ehrenamtliche – viele von ihnen haben gleich mehrere Schichten übernommen, um den umfangreichen Betrieb weiter führen zu können. Viele Projekte sind in den vergangenen 16 Jahren entstanden – von der Hoffnungswoche bis zum Festival „Youthnited“. Viele Jugendliche sind heute selber Mitarbeitende im Juca.

„Ich war erst als Besucherin hier“, erzählt Anna (19). Damals sei sie 15 gewesen und habe sich sehr über die Offenheit im Juca gefreut. „Man hat einfach immer das Gefühl, wirklich willkommen zu sein“, sagt sie. Und deshalb sei sie geblieben – und bringe sich längst auch als Mitarbeiterin ein. „Ich habe so viele Kontakte gewonnen und hinter die Kulissen geschaut“, sagt sie, „und es ist schön, eine sinnvolle Aufgabe zu haben.“

Sie sitzt in einer gut gelaunten Runde von jungen Juca-Besuchern, die Karten spielen. Zu ihnen gehört auch Marian (19). „Ich wäre heute nicht der gleiche, wenn ich damals nicht zufällig im Juca gelandet wäre“, sagt er. Mit seinem Bruder sei er ins Café gekommen – und geblieben. „Die Leute sind hier einfach cool drauf“, sagt er, „und es hat mir im Leben weitergeholfen, dass ich hier ernst genommen werde und mich einbringen kann.“ Er wurde Klassensprecher, setzt sich in der Schülervertretung ein und hat heute auch keine Probleme mehr, vor Gruppen zu sprechen. „Das ist für mich Juca“, sagt er. Und die anderen nicken zustimmend.