Wermelskirchen: „Dann ist Platz für Osterfreude“

Interview : „Dann ist Platz für Osterfreude“

Almuth Conrad ist evangelische Pfarrerin im Bezirk Burg-Hünger. Sie spricht über die Bedeutung des Fastens.

Frau Conrad, was bedeutet die Fastenzeit für Sie persönlich?

Conrad Ich bevorzuge die wohl eher evangelische Bezeichnung Passionszeit. Passion bedeutet soviel wie Leiden: Wir erinnern uns in den Wochen vor Ostern des Leidensweges Jesu Christi und fragen uns, was und wie wir glauben können angesichts von Leid und Tod. Diese Fokussierung führt dazu, sich auf das Wesentliche des Glaubenslebens zu besinnen und Unwesentliches oder Überflüssiges abzustreifen. Und weil Glauben und Leben natürlich untrennbar zusammengehören, stellt sich die Frage, was für mein Leben wesentlich ist – und was verzichtbar.

Was planen Sie für die nächsten Wochen?

Conrad Um diese Wochen zu gestalten, verantworte ich – zusammen mit unterschiedlich zusammengesetzten Teams – jedes Jahr mehrere Passionsandachten, die der Besinnung dienen. In den vergangenen Jahren haben wir uns oft an den Themen der evangelischen „Sieben-Wochen-ohne-Aktion“ orientiert, im vergangenen Jahr hieß das Motto: „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“. Da ging es unter anderem darum, das eigene Mitgefühl und die eigene Fehlbarkeit zu zeigen und das, wofür man steht – sich also nicht zu verstecken. In diesem Jahr sprach uns die Fastenaktion „Sieben Wochen anders leben“ des Vereins „Andere Zeiten“ besonders an. Darin geht es um die Bedeutung der sieben Todsünden in unseren modernen Lebenszusammenhängen. Wovon sollte man sich um seines Seelenheils Willen fernhalten? Und worauf sollte man sich entsprechend konzentrieren?

Haben Sie einen konkreten Vorsatz?

Conrad Ich habe mir vorgenommen, genauer in den Blick zu nehmen, wodurch ich mich von Gott fernhalten lasse. Dazu lese ich den wöchentlichen Fastenbrief, den ich bestellt habe und besinne mich wie eben beschrieben.

Welchen Sinn hat die Fastenzeit aus christlicher Sicht?

Conrad Sie dient in erster Linie der Besinnung auf das Wesentliche im Glaubensleben jeder und jedes Einzelnen – und damit der Vorbereitung auf das Fest der Überwindung des Todes, sprich: auf Ostern.

Würde Ostern ohne vorherige Fastenzeit gehen?

Conrad Vielleicht, aber für mich ergibt das schlicht keinen Sinn. An Ostern verwandelt Gott Tod in Leben, da ist also Verschwendung vor allem an Zuwendung angesagt. Dafür hilft es, sich vorher bewusst zu machen, wo es zwischen einem selbst und Gott und zwischen uns Menschen genau daran mangelt.

Was sagen sie zu Menschen, die fasten, ohne mit der Kirche viel am Hut zu haben?

Conrad Für das Fasten im medizinischen Sinne fühle ich mich nicht zuständig.

Muss das Fasten eigentlich weh tun?

Conrad Ich denke nicht. Aber Schmerz – im Sinne von Erkenntnis – kann etwas Heilsames sein. Solchem Schmerz folgt schnell die Erkenntnis, wie schön es ist, wenn der Schmerz nachlässt. Außerdem gibt es eine recht neue Entwicklung, die „fasten plus“ heißt. Da nehmen Menschen sich vor, in der Passions- und Fastenzeit täglich eine feste Zeit für Gott einzuplanen – also nicht im Alltag darauf zu verzichten, sondern ihn eben darum zu bereichern.

Wer ist genau zum Fasten eingeladen?

Conrad Das ergibt sich, denke ich, aus dem schon Gesagten: Alle Menschen sind eingeladen zu fasten, die ihrer Beziehung zu Gott und damit dem Wesentlichen im Leben anders, neu, bewusster auf die Spur kommen möchten.

Gibt es hierbei konfessionelle Unterschiede oder fasten katholische und evangelische Christen gleich?

Conrad Heutzutage nähern wir uns meiner Einschätzung nach da ziemlich an. In beiden Konfessionen verzichten Menschen auf Unwesentliches und Überflüssiges, um Raum zu gewinnen für das Wichtige.

Gibt es  kirchliche Angebote rund um die Fastenzeit?

Conrad Ja, wir bieten wieder die Passionsandachten an. In diesem Jahr finden sie in der Stadtkirche statt, jeweils donnerstags von 19 bis 19.30 Uhr. Ich empfehle zum einen und vor allem die eigene Überlegung: Was brauche ich, um diese Zeit für mich zu gestalten? Ansprechpartnerinnen gibt es dafür in allen Gemeinden. Zum anderen empfehle ich die unterschiedlichen Fastenforen, etwa des ökumenischen Vereins „Andere Zeiten“. Vieles läuft ja heute digital, und man ist dort nicht auf feste Zeiten angewiesen, sondern kann sich Anregungen und Unterstützung holen, wann es in den eigenen Zeitplan passt.

Welches ist der schönste Moment in der Fastenzeit?

Conrad Wenn etwas Überflüssiges wirklich weg ist. Dann ist Platz für Osterfreude.