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Wermelskirchen: Corona erschwert Hilfe zur Selbsthilfe

Wermelskirchen : Ohne Kontakte Selbsthilfe kaum möglich

In der Corona-Krise fehlt Betroffenen der Austausch von Angesicht zu Angesicht. Darunter leiden besonders Menschen, die Unterstützung in Selbsthilfegruppen suchen. Einen Ersatz für diese Treffen zu finden, gestaltet sich schwierig.

Wenn Farouk Martini über das vergangene Jahr spricht, spiegelt sich vor allem Sorge um seine Mitmenschen in seinen Erzählungen wider. Der 46-Jährige leitet den Kontaktreis für an Multiple Sklerose (MS) Erkrankte und Angehörige in Wermelskirchen. Normalerweise treffen sich die Mitglieder einmal im Monat, um gemeinsam zu reden, zu lachen, sich zu unterstützen. Seit März 2020 hat es aber keine Treffen mehr geben können – wie in den meisten Selbsthilfegruppen. Das hat vieles verändert, sagt Martini: „Die Mitglieder wurden immer ruhiger. Der anfängliche Schreck darüber, was wir denn jetzt ohne persönliche Treffen machen, ist irgendwann umgeschlagen in eine sehr tiefe, fast schon gruselige Stille.“

Er selbst hat seine Diagnose 2016 erhalten, mit 42 Jahren. Da war auf einmal alles anders. „Das hat mir psychische Probleme bereitet“, erinnert er sich. Probleme, mit denen er sich an eine Psychotherapeutin wandte – und an den Kontaktkreis in Wermelskirchen. Obwohl die MS keine psychische Erkrankung sei, spiele das Thema generell eine große Rolle bei Erkrankten. „Das hat mit vielen Dingen zu tun – vor allem aber damit, dass die Teilhabe am Leben nicht mehr so einfach ist“, sagt Martini. Für Betroffene sei alles durch und durch von der Krankheit geprägt. Die Treffen seien eine „heilsame Erfahrung“ und regelrechte Erholung, denn dort gehe es weniger um die Krankheit an sich: „Wir sprechen und lachen über alles – außer über MS.“

Die Pandemie verhindert diese Erfahrung. „Wir sind alle Hochrisikopatienten. Einerseits durch die Krankheit, andererseits durch die Medikamente“, sagt er und spricht von Immunsuppressiva – Medikamente, die das körpereigene Immunsystem blockieren und daran hindern, das zentrale Nervensystem irrtümlicherweise anzugreifen. „Gegen sämtliche Viren bin ich also völlig schutzlos“, sagt Martini. Für ihn bedeutet ein Leben in der Pandemie: Zu Hause bleiben, niemanden sehen, vielleicht mal mit dem Hund spazieren gehen, keine Hobbies, kein persönlicher Austausch, Therapie höchstens über Videokonferenzen. Und das seit März 2020.

Die Tendenz zu Depressionen sei bei ihm, aber auch bei anderen Betroffenen generell hoch. Martini versucht deshalb, die Mitglieder durch eine Online-Gruppe, Telefonate und Videokonferenzen in Kontakt zu halten. Gleichwertigen Ersatz bietet das aber nicht. „Die Mitglieder wollen sich gegenübersitzen, sich die Hand geben, sich umarmen“, sagt Martini. Gerade Videokonferenzen seien außerdem wegen technischer Hürden oft zu kompliziert. Eine Lösung, die simpel zu handhaben ist und gleichzeitig ausreichend Datenschutz gewährleistet, existiert nicht.

Das Problem ist auch in anderen Selbsthilfegruppen bekannt. Die Wermelskirchener Gruppe der Anonymen Alkoholiker hat sich im Sommer noch wöchentlich im Freien und mit Abstand getroffen. Doch seit dem zweiten Lockdown halte man den Kontakt über WhatsApp und Telefonate, sagt Gerd, Sprecher und Mitglied der Gruppe. Deutschlandweit biete die Selbshilfeorganisation auch Online-Meetings an, dort könne man sich schriftlich melden und erhalte innerhalb von 24 Stunden eine Antwort. Videokonferenz gebe es nicht. Zu groß sind auch dort die technischen Herausforderungen. „Wir möchten auch niemanden benachteiligen“, sagt Gerd. Weniger Angebot, mehr Bedürfnis nach Selbsthilfe – das ist die Realität, mit der viele Betroffene sich seit fast einem Jahr arrangieren müssen. Auch in der Selbsthilfegruppe „delfin“ für Eltern, die ein Kind verloren haben, ist der Kontakt zwischen den Mitgliedern auf E-Mails, WhatsApp-Nachrichten oder Telefonate reduziert, Videochats werden nicht genutzt. „In den Arm nehmen kann ich die Leute sowie nicht, dann nützt mir das wenig“, sagt Beate Haldenwang, die mit ihrem Mann Udo die Trauergruppe initiiert hat. Bis auf zwei Treffen im Sommer hat es seit April kein Beisammensein mehr gegeben. „Der Kontakt ist eher untereinander und nicht in der gesamten Gruppe“, sagt Haldenwang. Sie blickt dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft. „Manche leiden schon darunter, dass der unbekümmerte Austausch fehlt. Aber das geht ja allen so. Ob Herzinfarkt, ein verstorbenes Kind oder eine Sucht, es ist überall dasselbe“, sagt sie.

Gerd merkt hingegen, dass die Situation zunehmend schwieriger wird. Der Bedarf nach Gesprächen habe deutlich zugenommen. „Sowohl bei Abhängigen als auch bei trockenen, die einfach manchmal nicht wissen, was sie machen sollen“, sagt er. Betroffene könnten sich aber jederzeit an den Telefondienst wenden, „falls es mal kritisch wird.“ Doch das ersetzt nicht die Wirkung regelmäßiger Treffen. „Bei AA werden grundsätzlich keine Fragen gestellt, jeder erzählt von sich und hilft so anderen. Wenn sich jemand bei Problemen also nicht meldet und reden will, dann können wir schlecht helfen.“ Für Gerd und seine Gruppe bleibt nur: Durchhalten und weiter auf Abstand unterstützen. „Wir haben gelernt, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind“, sagt er.

Auch Martini versucht, die Mitglieder zu regelmäßigen Treffen zu ermutigen. Mittlerweile habe auch die Bereitschaft für Videochats zugenommen. „Ein Mitglied hat sich sogar extra einen PC gekauft“, sagt er. „Bei vielen ist die Einsicht angekommen, dass es noch länger dauern wird und dass wir jetzt eine Alternative finden müssen.“

Kontakt DMSG-Kontaktkreis in Wermelskirchen, Farouk Martini, Tel. 0178 6106182; Telefondienst der Anonymen Alkoholiker Wermelskirchen, Tel. 0151 20569603 oder Tel. 0151 20569584; Initiative „delfin“, Beate und Udo Haldenwang, Tel. 02193 3304.