Wermelskirchen: Christina Happ ist Chiropraktikerin für Pferde

Wermelskirchen : Wenn Vierbeiner nicht mehr rundlaufen

Verspannter Nacken, eingeklemmter Wirbel, Hexenschuss: Menschen wissen, wann sie schmerzgebeugt Hilfe beim Therapeuten suchen sollten. Aber was ist, wenn es bei Hund, Katze oder Pferd zwickt und zwackt ?

Irgendetwas stimmte nicht. Da war sich Christina Geike ganz sicher. Wenn sie mit ihrem Polnischen Warmblut Monty, den sie auf dem Reiterhof Jäger in Eipringhausen stehen hat, zu einem entspannten Ausritt im Gelände unterwegs war, kam es immer wieder mal vor, dass ihm die Hinterhand leicht weggeknickt ist. „Vor allem, wenn wir bergab unterwegs waren“, erzählt die Reiterin, die weiß, dass solche Situationen auch mal kritisch sein können.

„Mein Tierarzt meinte, das sei ein muskuläres Problem“, sagt Christina Geike, die daran aber nicht so recht glauben wollte. „Monty ist zwar ein Freizeitpferd, aber er wird dreimal die Woche geritten und dazu noch longiert. Und hier im Bergischen Land haben die Pferde im Gelände viel Training.“ Als der zwölfjährige Wallach dann plötzlich noch schlecht angaloppierte und sich nicht mehr gerne biegen wollte, tippte sie, „dass da was blockiert ist im Rücken.

Eine Vermutung, die Christina Happ, nach einer Gangbildanalyse vor Ort teilt. Den ersten Eindruck verschafft sich die Tierärztin mit Tätigkeitsschwerpunkt Chiropraktik, indem sie das Tier in der Bewegung beobachtet. Für Monty heißt das: Schritt, Trab und Galopp an der Longe, um sehen zu können, ob er flüssig und locker läuft, richtig abfußt, das Becken gerade ist oder ob er Probleme hat, die auf einem Röntgenbild nicht ersichtlich wären. Der braune Wallach zeigt an der linken Hinterhand Auffälligkeiten, tritt nicht richtig und wirkt im Rücken etwas verspannt.

Krank ist Monty deshalb natürlich nicht. Aber selbst kleine Blockaden, die in diesem Fall eine Fehlstellung eines Wirbels oder eine Blockade der Gelenke sind, können ausschlaggebend sein, dass sich ein Tier nicht mehr richtig bewegen kann. „Bei Hunden merkt man das ganz gut, wenn sie schräg laufen, keine Treppen mehr steigen oder ins Auto springen wollen“, erklärt die Ärztin. „Da sollte man als Besitzer schon aufmerksam werden, weil es ein Zeichen sein kann, dass sie Schmerzen haben.“ Bei den kleinen Vierbeinern kann das schnell passieren, wenn sie Bällchen und Stöckchen hinterherjagen und dann abrupt ins Gelenk stoppen, um ihr Spielzeug zu sichern.

Christina Happ bei der Behandlung von Monty. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Da hilft die Chiropraktik, die 1895 eher durch Zufall in den USA entdeckt wurde, 1927 nach Deutschland kam und „Therapie durch Tasten“ bedeutet. „Durch das Abtasten merke ich, ob das Gelenk normalen Bewegungsumfang hat“, sagt Christina Happ, die in der Stallgasse an dem 1,68 Meter großen Monty erstmal vom Boden aus die Halswirbelsäule und den Rücken befühlt. Wie bei vielen anderen Pferden ist auch bei Monty die hintere Lendenwirbelsäule das Problem. Denn: Wenn es am Kreuzdarmbeingelenk hakt, fehlt der Schwung vom Bein auf die Wirbelsäule. So kann sich der Rücken des Pferdes verspannen und für Schmerzen sorgen.

Während sich Menschen in so einem Fall bei dem Arzt auf die Liege legen, damit der die Wirbel wieder sanft in die richtige Position bringen kann, ist das bei Pferden eine schwierigere Aktion. Vor allem die Ärztin muss größer werden, um den Rücken des Tieres von oben zu bearbeiten. Da helfen wuchtige Styroporblöcke, die mit schwarzer LKW-Plane überzogen sind und bei deren Anblick Monty erstmal erschreckt schnaubt. „Er ist ein wenig ängstlich“, weiß seine Besitzerin, die die Taschen voller Leckerlis hat, um ihren Wallach zu besänftigen.

Behutsam und freundlich redend trägt Christina Happ die Blöcke in die Stallgasse, lässt Monty Zeit, sich schnaubend an den Anblick der ungewohnten Objekte zu gewöhnen. Mit langgestrecktem Hals schnuppert der Wallach sichtlich aufgeregt an den Hilfsmitteln der Tierärztin, während beide Frauen ihm mit ihren Stimmen und sanften Worten suggerieren, dass keine Gefahr droht. Christina Happ grinst: „Die wenigsten Pferde finden diese Blöcke cool“, weiß sie.

Es dauert eine Zeit, bis Monty gelassen genug ist, dass Christina Happ den größeren Block neben dem Pferd aufbauen und vorsichtig draufklettern kann. Jetzt untersucht sie jeden einzelnen Wirbel auf seinen Bewegungsspielraum, erstastet Verschiebungen in den Wirbelgelenken und löst durch sanftes Drücken, der Fachmann nennt das „Impulse“, die Blockaden am Lendenwirbel.

Eine Behandlung, die Monty offenbar als angenehm empfindet, weil er gelöst mit den Ohren spielt und sogar entspannt die Zunge rausstreckt. Nur einmal zeigt er einen Schmerzpunkt an, hebt das Hinterbein. „Der dritte Lendenwirbel hat ihm weh getan“, weiß die Ärztin nach der Behandlung, die jeweils ungefähr eine Stunde dauert und auch prophylaktisch eingesetzt werden kann, um die Wirbelsäule gesund zu halten.

Bei Monty wird sich in knapp zwei Wochen zeigen, wie die Therapie angeschlagen hat. Wahrscheinlich hat er die nächsten Tage erstmal Muskelkater. Besitzerin Christina Geike darf ihn zwar longieren, aber drei Tage lang nicht reiten, damit sich der Wallach an sein neues Bewegungsgefühl gewöhnen kann. „Es ist wie beim Menschen“, erklärt die Chiropraktikerin. „Bei lange bestehenden Blockaden braucht es eben etwas Zeit und eventuell auch Folgebehandlungen, bis eine Verbesserung eintritt und die Symptome abklingen.“