Carpe Diem in Wermelskirchen als Vorreiter in der Region Wie eine App Freiräume in der Pflege schafft

Wermelskirchen · Seit Anfang Mai erfolgt im Senioren-Park in Dabringhausen die Pflegedokumentation mit einem digitalen Sprachassistenten. Die Erfahrungen zeigen: Die Pflegekräfte gewinnen Zeit für Bewohner, Angehörige und sich selbst.

Noch auf dem Flur spricht Wohnbereichsleiterin Cynthia Parkoz alle wichtigen Informationen zu den gerade erfolgten Pflegemaßnahmen per Smartphone ein.

Noch auf dem Flur spricht Wohnbereichsleiterin Cynthia Parkoz alle wichtigen Informationen zu den gerade erfolgten Pflegemaßnahmen per Smartphone ein.

Foto: Guido Radtke

Im Senioren-Park Carpe Diem in Dabringhausen haben sämtliche Pflegekräfte seit einigen Wochen bei der Arbeit ein Smartphone immer griffbereit an der Frau oder am Mann. In der Regel nehmen sie es sofort in die Hand, wenn sie die Tür eines Bewohnerzimmers schließen und sprechen Informationen ein, die notwendig sind für die gesetzlich geforderte Pflegedokumentation.

Ayten Saltik gibt offen zu, dass sie Neuerungen in der Pflege bislang immer skeptisch betrachtet habe. Zum ersten Mal sei die Leiterin des Altenzentrums aber begeistert, „weil hier Zeit für den Menschen geschaffen wird“. Nach einer Testphase in zwei Carpe Diem-Einrichtungen in Ostwestfalen wurde vor wenigen Wochen auch in Dabringhausen die Pflegedokumentation per Spracherkennung mittels künstlicher Intelligenz (KI) eingeführt.

Der bisherige Alltag

Bis vor Kurzem war es Praxis, dass Notizen über Pflegemaßnahmen auf Papier, dem Arm oder der Hand erfasst wurden. „Im Arbeitsalltag gab es kaum die Möglichkeit, die Infos zeitnah in den PC zu bringen“, berichtet Ayten Saltik. Der Übertrag der Notizen erfolgte in den Pausen oder nach Schichtende – deutschlandweit in tausenden von Pflegeeinrichtungen immer noch der Regelfall.

App-Entwickler Marcel Schmidberger, Einrichtungsleiterin Ayten Saltik, IT-Chef Marc Urban, Pflegedienstleiterin Jasmin Pröscholdt sowie die Wohnbereichsleiterinnen Cynthia Parkoz und Sarah Tews stellte die Pflegedokumentation per Sprachsteuerung vor.

App-Entwickler Marcel Schmidberger, Einrichtungsleiterin Ayten Saltik, IT-Chef Marc Urban, Pflegedienstleiterin Jasmin Pröscholdt sowie die Wohnbereichsleiterinnen Cynthia Parkoz und Sarah Tews stellte die Pflegedokumentation per Sprachsteuerung vor.

Foto: Guido Radtke

Als sich Marc Urban vor zwölf Jahren als Prokurist bei der Carpe Diem-Gruppe beworben hatte, sei ihm die Stelle „mit einem voll digitalen Pflegeheim“ schmackhaft gemacht worden. „Kein Papier, wenig Bürokratie – davon war man zu diesem Zeitpunkt jedoch meilenweit entfernt“, blickt der IT-Leiter zurück. Der Versuch, seitdem die Prozesse im Arbeitsalltag zu optimieren, sei bei einem Versuch geblieben: „Die Pflegedaten zeitnah am Smartphone einzutippen, scheiterten am zu kleinen Display. Und Tablets erwiesen sich für die tägliche Pflege als zu unhandlich.“

Die Pflegedokumentation

Pflege-Einrichtungen sind gesetzlich verpflichtet, alle notwendigen Informationen zu dokumentieren. Dazu gehören Vitalwerte, Berichte zum Wohlbefinden, Diagnosen, Medikamente oder Arzt-Visiten. „Eine gute Dokumentation nahm bisher viel Zeit in Anspruch“, sagt Ayten Saltik. „Im Durchschnitt zehn bis 13 Minuten pro Bewohner.“ Je nach Pflegegrad betreut in Dabringhausen eine Fachkraft zwischen sechs und zehn Personen.

Die App „Voize“

Mit seinem Zwillingsbruder und einem Freund von der Universität entwickelte Marcel Schmidberger vor vier Jahren die App „Voize“. Er habe oft seinen Großvater im Pflegeheim besucht und beobachtet, wie viel Zeit für Bürokratie verloren gegangen ist. „Wir haben uns gesagt: Das muss auch einfacher gehen.“

 Die App dokumentiert mit KI-Hilfe sofort alle eingesprochenen Informationen zu Vitalwerten, Flüssigkeitsaufnahmen, Diagnosen oder Pflegemaßnahmen.

Die App dokumentiert mit KI-Hilfe sofort alle eingesprochenen Informationen zu Vitalwerten, Flüssigkeitsaufnahmen, Diagnosen oder Pflegemaßnahmen.

Foto: Voize

Bundesweit in 400 Einrichtungen wird die App inzwischen genutzt, um zeit- und bewohnernah sämtliche Pflegemaßnahmen zu dokumentieren. Mit Hilfe von KI werden unter anderem Akzente und Dialekte erkannt sowie Rechtschreibung oder Grammatik automatisch korrigiert. Die eingesprochenen Angaben werden lokal auf dem Smartphone sofort bearbeitet und in den Bewohner-Profilen zentral auf einem lokalen Server abgespeichert.

Der neue Alltag

Was bei der Dokumentation bislang zehn bis 13 Minuten pro Bewohner gedauert hat, nimmt jetzt im Durchschnitt nur noch 25 Sekunden in Anspruch. Für Ayten Saltik ist nicht nur die Zeitersparnis ein großer Pluspunkt, sondern auch der sofortige Zugriff auf die Pflegeakte. „Die Wege zwischen Bewohnerzimmer und Büro entfallen, wenn zum Beispiel Angehörige etwas wissen wollen“, sagt die Einrichtungsleiterin. Jedes Mitglied aus dem Team können mit Hilfe der App direkt vor Ort eine konkrete Aussage leisten.

„Es läuft gut“, lautet die einstimmige Meinung einiger Carpe Diem-Mitarbeiterinnen in Dabringhausen. „Die jüngeren Kollegen kommen mit der App sofort klar“, hat Wohnbereichsleiterin Cynthia Parkoz beobachtet. „Und auch die Älteren, die kaum ein Handy benutzen, haben keine Schwierigkeiten.“ Antrieb und Motivation bei Jedem im Team sei allein die Aussicht auf eine Reduzierung der Überstunden gewesen.

Ihre Chefin unterstreicht: „Es ist wieder Zeit für den Menschen – und auch für Pausen“. Ayten Saltik erlebe, dass die Mitarbeiter eine neue Freude in ihrem Job erleben. „Zugleich erleben die Angehörigen aber auch eine andere Grundstimmung im Haus.“

Vom App-Entwickler selbst kommt ein großes Lob für die Pflegekräfte in Dabringhausen: „Die Bereitschaft, den Arbeitsalltag umzustellen, ist nicht selbstverständlich“, erklärt Marcel Schmidberger. In Kürze soll im Übrigen auch das Team im Carpe Diem-Haus an der Adolf-Flöring-Straße in Wermelskirchen auf das Arbeiten mit der App „Voize“ vorbereitet werden.

Die Investition

Die Einführung der Pflegedokumentation per Sprachsteuerung finanziert Carpe Diem als Gesellschaft für den Betrieb von Sozialeinrichtung ohne Zuschüsse oder Fördermittel. „Die Investitionen werden nicht refinanziert“, sagt IT-Experte Marc Urban. Den größten Kostenfaktor stelle die Infrastruktur und die Anschaffung von Diensthandys für jede Pflegefachkraft dar.

Vorbild in der Region

Marion Lück verfolgte die Vorstellung der KI-gestützten Prozesse mit großem Interesse. Wermelskirchens Bürgermeisterin wolle für die sprachgesteuerte Dokumentation in der stationären Pflege im Rheinisch-Bergischen Kreis werben. „Der Invest ist hoch, der Ertrag im Arbeitsalltag aber umso größer“, ist sie nach den positiven Erfahrungsberichten von Ayten Saltik und ihren Kolleginnen überzeugt.

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