Wermelskirchen: Ben Musaeus fährt zur EM nach England

Ben Musaeus will in England punkten : Der „Judo-Bär“ greift nach dem EM-Titel

Ben Musaeus, Wermelskirchener Sportler mit Down-Syndrom fährt zur Europameisterschaft nach England. Die Familie stärkt dem 18-Jährigen den Rücken und will zeigen, wie viel Elan von Menschen mit Handicap ausgeht.

Auf NRW-Ebene sicherte er sich bereits die Landesmeisterschaften, zuletzt sogar bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften den Vizemeistertitel, wobei er sich im Endkampf nur knapp dem Sieger geschlagen geben musste: Jetzt greift der Wermelskirchener Ben Musaeus nach der Europameisterschaft. Für den liebevoll als „Judo-Bär“ bezeichneten Sportler des Jahres der Stadt Wermelskirchen und seine Familie geht es nach England, wo am Donnerstag, 23. August, in London sein Kampf ansteht. Der Judoka mit Down-Syndrom tritt in der G-Klasse für Menschen mit Behinderung an, sein Heimatverein ist Mifune Hückeswagen. Das sportliche Engagement ist ein prägendes Element in Ben Musaeus‘ Leben, genauso trägt der familiäre Zusammenhalt die unbändige Leistungsbereitschaft des jungen Sportlers – dass Eltern und Schwester ihn zur Europameisterschaft begleiten versteht sich für Familie Musaeus von selbst, Vater Jörg ist Betreuer und persönlicher Trainer zugleich.

„Ich bin stolz, dass ich zur Europameisterschaft fahren darf – nervös bin ich überhaupt nicht“, blickt Ben Musaeus, der in diesem Frühjahr seinen 18. Geburtstag feierte, fast lässig auf den Wettkampf aus. Gemeinsam mit 17 Judoka aus Nordrhein-Westfalen und deren Begleitern geht es mit einem Reisebus nach London. Dort trifft sich der NRW-Kader mit Judoka aus anderen Bundesländern und bilden dann in Englands Hauptstadt das deutsche Team der Europameisterschaft – die meisten Sportler stammen aus NRW.

Die Deutsche Vizemeisterschaft in der Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm reichte Ben Musaeus für die Berufung. „Das ist für Ben ein großes Glück“, weiß Jörg Musaeus, der täglich mit seinem Sohn trainiert. Kraftübungen standen an, auch in den privaten Urlaubstagen vor dem EM-Wettkampf wurde im hoteleigenen Gymnastikraum trainiert. „Wir müssen auf das Gewicht achten. Ben darf die 73 Kilogramm nicht überschreiten, aber auch nicht weit darunter liegen, um dem Gegner noch Paroli bieten zu können“, erzählt Jörg Musaeus vom morgendlichen Gang zur Waage.

Den Spitznamen „Bär“ trägt Ben Musaeus, weil er in Sachen Kraft und Technik sehr gut aufgestellt aus. „Ich muss ihn teilweise bremsen, damit er seine Kondition nicht völlig verausgabt. Ben gibt immer Vollgas, kämpft noch nicht sehr strategisch“, erkennt Jörg Musaeus auch Schwächen beim Kampfstil seines Sohnes: „Wir haben erfolgreich daran gearbeitet, dass Ben, sobald er die Wettkampfmatte betritt, sehr konzentriert ist – er hört mich, ohne sich nach mir umzudrehen. Er weiß, dass er ein starker Judoka ist, meist bleibt es beim guten Zureden als Motivator vor dem Kampf.“ In London sei die Unterbringung „optimal“ auf dem Campus eines Judo-Kaderstützpunktes.

Für Jörg Musaeus und seine Ehefrau Sylvia, die sagt: „Das Leben geht auch nach einem verlorenen Kampf weiter“, ist ein Aspekt neben dem Sport wichtig: „Wir wollen ein motivierendes Beispiel sein und zeigen, was in Menschen mit Handicap steckt. Guckt her, wie viel Engagement, Leistungsbereitschaft und Energie da ist.“ Sylvia Musaeus fügt hinzu: „Es ist erschreckend, dass 97 Prozent aller Down-Syndrom-Kinder gar nicht erst zur Welt kommen.“ Menschen mit Behinderung würden viel zu wenig in der Gesellschaft auftauchen. Die Lebenslust von Ben ist unverkennbar: Kaum erzählt seine Mutter vom Lied „Dir gehört mein Herz“ aus dem Tarzan-Musical fängt der junge Sportler auch schon an, es zu singen. Der begeisterte Sportler, er mag auch Schwimmen und Fußballspielen, hat einen Faible für Musik – er spielt Posaune und hat neuerdings das Tanzen mit einer Freundin für sich entdeckt.

„Der Judosport ist bei uns schon tagtägliches Thema und das auch mehrfach am Tag“, lächelt Bens ein Jahr ältere Schwester Mira. Und Vater Jörg ergänzt: „Sportlich sind wir schon ziemlich weit oben. Wir unterstützen es so lange, wie es geht. Aber Bewegung und gesunde Ernährung sind ja auch für die Zukunft pädagogisch sinnvoll.“ Wenn Ben auf der Matte im Wettkampf steht, pocht das Mutterherz von Sylvia Musaeus: „Die ganze Familie ist emotional dabei, ich bin immer schrecklich aufgeregt.“ Das letzte Wort hat „Judo-Bär“ Ben: „Ich bin ein ganz normaler Downi und gerade sehr gut drauf, im Moment läuft es klasse.“

Mehr von RP ONLINE