Wermelskirchen: Alfred Erz zeichnete und schrieb aus dem Weltkrieg

Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg : „Für uns wird auch die schöne Zeit kommen“

Als Soldat schickte Alfred Erz seiner Familie Briefe, die er mit Zeichnungen verzierte. Seine Tochter Anne-Rose Esser lebt heute in Dabringhausen.

Hinter der Klarsichtfolie lagert ein Stück Zeitgeschichte. Herbert Esser hat dort zwei besonders schöne Briefe seines Schwiegervaters aufbewahrt. Alfred Erz kämpfte als Soldat im Zweiten Weltkrieg und schrieb regelmäßig seiner Frau Käthe. „Mein Schwiegervater wurde nach Kriegsbeginn zunächst an der Westfront eingesetzt und später nach Russland an die Ostfront versetzt“, erzählt Esser. Der ältere der beiden erhaltenen Briefe stammt aus dem Mai 1940. Erz hat die vier Seiten mit Zeichnungen von seiner Familie verziert.

Auf der ersten Seite hat Alfred Erz seine damals sieben Monate alte Tochter Anne-Rose verewigt, die heutige Ehefrau von Herbert Esser. Auch seinen zweijährigen Sohn Rudi, seine Frau Käthe und sich selbst zeichnete er. Die zweite Tochter Karin war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren. Wir veröffentlichen im folgenden teilweise gekürzte Ausschnitte aus dem Brief. Orthographie und Zeichensetzung haben wir, wenn nötig, angepasst.

Westfront, den 16.5. 40

Meine liebe Mutti! Heute wie immer denke ich an den ehrenvollen Tag der Deutschen Mutter, der am 19. Mai 1940 begangen wird. Heute vor einem Jahre wirst du dieser lieben kleinen Anne-Rose noch nicht gedacht haben. In einigen Jahren aber wird sie deiner gedenken und vor allem an diesem Ehrentage der Deutschen Mutter.

(...)

Wenn auch heute der liebe kleine Rudi dir Freude macht, aber nicht allein dir, sondern auch mir, so wirst du wenn er einmal größer ist und man ihn als Jüngling bezeichnet stolz auf ihn sein. Ebenso aber ist es umgekehrt. Jede Mutter denkt stets an ihren Sohn und vor allen Dingen in der heutigen Zeit. Ich weiß es, dass du mein liebes Schätzchen stets an mich denkst und du weißt ebenso, dass mein einziger Gedanke nur du meine liebe Käthi bist und die lieben Kleinen.

(...)

Meine liebe Käthi, für uns wird auch die schöne Zeit kommen, wo wir ohne Kampf und Ärger zusammen leben können und das wird wohl nicht mehr lange dauern; nach Kriegsende wird es sein. Der Krieg wird wohl hoffentlich bald sein Ende nehmen. Ich brauche dann nicht mehr des Abends zu sitzen und dir schreiben, sondern kann dir alles selbst mündlich erzählen. Es wird auch darum viel schöner werden als je zuvor. Wir werden dann eine andere Wohnung haben, du wirst es uns (...) recht gemütlich machen. Bisher haben wir (...) kämpfen müssen um unser Ziel zu erreichen. Wir haben es geschafft, aber trotzdem hat es uns bisher viel Mühe gekostet, um weiterhin unser Dasein schön zu gestalten. Nicht mehr lange, dann haben wir das Endziel unserer schuldfreien Ehe (...) erreicht und können leben wie wir wollen und haben auch etwas vom Leben. Es wird hoffentlich nicht mehr lange dauern.

(...) 

Seit heute ist ja nun die Briefpostsperre aufgehoben und deshalb hoffe ich, dass ich wohl am Sonntag Post von dir meinem lieben Schätzchen erhalte. Wie geht es dir sonst und wie geht es den beiden lieben Kleinen? Ich hoffe doch, dass es euch allen noch recht gut geht, was ich auch von mir berichten kann. Empfange nun mein liebes Schätzchen für heute die herzlichsten Grüsse und tausend Küsse von deinem Alfred und Vati.

Diesen  Muttertagsbrief schrieb Alfred Erz seiner Frau sechs Tage nach dem Beginn des „Westfeldzugs“ der Deutschen gegen Frankreich. Er erreichte sie im Bergischen Land.

„Aufgrund der befürchteten Ausweitung des Krieges vom Osten auch in den Westen waren Käthes Eltern mit ihren Kindern aus der Eifel nach Witzhelden-Herscheid gezogen“, schreibt Herbert Esser in seinem Erklärungstext zum Brief. „Ihrer ja verheirateten Tochter Käthe nebst ihren zwei Kindern hatten sie eine Wohnung nahebei in Witzhelden-Claasholz besorgt.“ So kam die Familie aus Rheinland-Pfalz in den Rheinisch-Bergischen Kreis. Rudi war 1937 noch in Bitburg, Anne-Rose 1939 in Prüm in der Eifel geboren worden.

In Alfred Erz’ Brief von der Westfront lässt sich noch die Anfangseuphorie im erst sechs Monate zuvor begonnenen Zweiten Weltkrieg erahnen. Die Gebietsgewinne der Deutschen sind groß. Das Kriegsende erscheint nah. Die Planung der weiteren gemeinsamen Zukunft wichtig.

Am Weihnachtsbrief von 1942 lässt sich ein Stimmungsumschwung ablesen. Zwei Jahre später schreibt Erz sehnsüchtiger und weniger hoffnungsvoll. Er muss Weihnachten an der Front in Russland verbringen. Alfred Erz zeichnet und beschreibt ein Weihnachten mit der Familie, wie er es sich erträumt.

Russland, 12.12.42

Meine liebe Mutti und Kinder!

Wie ich sehe, geht es euch, dir mein liebes Schätzchen und unseren lieben Kleinen noch gut, was ich von mir auch berichten kann.

(...)

Du denkst oft an die schöne Zeit, ja ebenso tue ich es auch, aber eine schöne Zeit kommt für uns beide noch. Wenn du mein liebes Frauchen dich des Abends ins Bett legst, gehst du nochmal zu unserem lieben Kleinen und freust Dich, wie alle so süß schlafen.  Ja mein Liebling, könnte ich dabei sein; aber auch das kommt wieder. Ich stelle mir oft vor wie die Kleinen im Bett liegen.

(...)

 Des Abends, wenn ich mich zu Bett lege, eilen meine Gedanken zu dir. Ich habe eine Decke, die ist ganz weich, so schön mollig und auch ein schönes weiches Bett, was ich mir inzwischen besorgt habe. Wenn ich dann so im Bett liege und die mollige Decke an meinen Kopf ziehe, meine ich gerade, ich müsste bei dir sein, aber leider doch nicht. Wie schön wäre es und ich hätte anstatt der molligen Decke etwas anderes molliges (...) und ich könnte mit dir zusammen schlafen und dich selbst im Schlaf umarmen (...) Schön wäre es, aber leider geht es nicht.

(...)

Mein Liebstes, an Weihnachten werde ich ganz besonders an euch (...) denken. Ich werde mir dann vorstellen, wie die Kleinen ihre Spielsachen ansehen und staunen. Du hast ja doch noch allerlei bekommen und die Kleinen werden sich ja mächtig freuen. Ich bin mal gespannt, ob Rudi mit den Rollen fertig wird.

(...)

Ich nehme an, dass du deinen Brief so gerade am Weihnachtstag erhältst. Mein liebes Frauchen ich wünsche dir nochmals fröhliche Weihnachten und ein frohes neues Jahr, in der Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen. Empfangt du meine liebe Käthi und meine lieben Kleinen zum Schluss die herzlichsten Grüße und tausend süße Küsse von eurem Vati und deinem Fred.

Träume süß!

Viele Grüße an alle.

Alfred Erz sah seine Frau und Kinder im Heimaturlaub wieder. Das dauerhafte gemeinsame Glück sollte sich nicht mehr einstellen. „Er fiel in den letzten Kriegstagen, im sogenannten Volkssturm“, sagt Herbert Esser. „Er ist in Norddeutschland bei einem Fliegerangriff ums Leben gekommen.“ Seiner Frau Käthe blieben nur die Briefe, die sie bis zu ihrem Tod aufbewahrte. Sie wurde 93 Jahre alt.