Wermelskirchen: Adriane Seidel darüber was Poststelle und Autowerkstatt gemeinsam haben

Rathaus Wermelskirchen : Von der Autowerkstatt in die Poststelle

Adriane Seidel schraubt gerne an Autos. Überraschenderweise lässt sich diese Leidenschaft hervorragend mit ihrem neuen Job in der Poststelle des Rathauses kombinieren. Eine Frau zwischen Reifenwechsel und Büroklammern.

In der Poststelle im Rathaus geht es gerade zu wie im Taubenschlag. Vor der Tür stapeln sich die Pakete, mit der Post am Morgen kam ein großer Schwung Umschläge mit wichtigen Unterlagen, und immer mal wieder taucht ein Mitarbeiter auf, der auf der Suche nach Büroklammern, Aktenordnern oder Ablagen ist. Adriane Seidel sitzt kaum mal zehn Minuten auf ihrem Bürostuhl, es gibt immer etwas zu tun. Und genau dann ist die 42-Jährige in ihrem Element. „Vieles geschieht hier zwischen Tür und Angel“, sagt sie, „dafür muss man gemacht sein.“ Und dann eilt sie wieder aus dem Zimmer, um die nächste Aufgabe zu lösen.

Als Adriane Seidel sich im vergangenen Jahr auf den freigewordenen Platz in der Poststelle bewarb, da wusste sie, was auf sie zukommt. Sie kannte das Rathaus bereits in- und auswendig. Denn schon 2015 hatte Adriane Seidel an der Telegrafenstraße angeheuert – und zwar als Hausmeisterin. „Damals gab es 76 Bewerbungen, ich war die einzige Frau“, erzählt sie heute. Und sie bekam den Job. Nicht ohne Grund: Denn ihr Profil passte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Sie sei das fünfte Kind in der Großfamilie gewesen, handwerkliches Arbeiten habe ihr immer gelegen. Niemand habe sich also gewundert, als sie nach der Schule eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin und Elektrikerin antrat – und mit Bravour bestand. Sieben Jahre arbeitete sie unter Motorhauben, im Blaumann, mit schmutzigen Fingern. „Ich habe das immer unheimlich gerne gemacht“, sagt sie. Aber dann lernte sie ihren Mann kennen, sie verließ Gießen, und in Leverkusen fand sich keine Werkstatt, in der es auch Umkleiden für Frauen gab. „Aussichtslos“, erklärt sie. Also gab sie sich mit dem Kundendienst eines Autoherstellers zufrieden, arbeitete nebenbei in einem Autorestaurierungsbetrieb. Nach der Elternzeit kehrte sie trotzdem nicht zurück, sondern orientierte sich neu. Damals entdeckte sie die freie Stelle des Hausmeisters im Wermelskirchener Rathaus: Schleppen, Planen – und vor allem der Fuhrpark. Wieder war sie in ihrem Element.

„Und deswegen ist der Fuhrpark des Rathauses inzwischen auch bei der Poststelle angesiedelt“, sagt sie lachend, „den wollte ich nicht aufgeben.“ Also durfte sie ihn mitnehmen. Und so springt sie nun zwischen all den Aufgaben, die ein kleines Postamt zu erledigen hat, der Beschaffung, der Druckerei und dem Fuhrpark. „Wunderbar“, sagt Adriane Seidel. Jeden Morgen kommt die Kiste mit der Eingangspost in dem Büro an, das sie mit ihren beiden Kolleginnen teilt, dazu sammeln sie die Briefe aus den Hauskästen. Die meisten werden geöffnet, bekommen einen Stempel und sind damit im System. „Das ist vor allem bei Fristsachen wichtig“, erklärt Adriane Seidel. Weil die Kollegen im Haus wissen, dass die Post gegen 10.30 Uhr fertig ist, kommen die Beauftragten der verschiedenen Etagen dann nach und nach, um ihre Fächer in der Poststelle zu überprüfen. „Nachmittags sehen wir sie dann meistens nochmal, wenn sie Post bringen, die das Haus verlässt“, sagt Adriane Seidel. Kuvertier- und Brieföffnungsmaschine helfen, nehmen ihnen die Arbeit aber nicht ab. „Weil die Wahlpost zu dick ist, nimmt die Öffnungsmaschine sie auch gar nicht“, erklärt Mitarbeiterin Ute Weichert und ergänzt: „Ausnahmesituation.“

Zum Alltag allerdings gehört auch, Büros auszustatten – vom Kugelschreiber bis zum neuen Stuhl, von der Büroklammer bis zum Schreibtisch. Das ist vor allem wegen der vielen Umzüge innerhalb des Rathauses aktuell ein großes Thema. Auch die Maschinen in der Hausdruckerei werden von den Damen in der Poststelle angeworfen – sie drucken Broschüren, Flyer und Plakate und einmal im Jahr auch den umfangreichen Haushaltsplan. Und dann ist da eben noch der Fuhrpark: Terminbuchungen, Verwaltung und Herausgabe, Reifenwechsel. „Und wenn es etwas zu schrauben gibt, dann schraube ich“, sagt Adriane Seidel lachend, bevor sie wieder davonsaust.

Mehr von RP ONLINE