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Wenn die Ordnungsfee auch der Seele hilft

In Wermelskirchen : Wenn die Ordnungsfee auch der Seele hilft

Silke Mücher unterstützt beim Aufräumen. Inzwischen hat sie auch die Fortbildung zur begleitenden Seelsorgerin gemacht – weil äußere Ordnung auch innere Ordnung braucht.

Es gibt diese Momente am fremden Küchentisch, da beginnen die Menschen plötzlich zu reden. Dann erzählen sie Silke Mücher von ihren Einkaufstouren und Schnäppchenjagden, von ihren Gewohnheiten und kleinen Ritualen. Und dann erlauben sie der Bergischen Ordnungsfee einen Blick in Speisekammern und Küchenschränke. „Wenn Menschen an diesem Punkt sind und mich um Unterstützung bitten, dann haben sie schon viel geschafft“, sagt Silke Mücher. Die 48-Jährige weiß, dass ihre Kunden mit einem Ruf nach der Ordnungsfee bereit sind, einen ganz persönlichen Bereich zu öffnen. „Manchmal braucht es nur eine kleine Unterstützung und ein paar Tipps, um Struktur zu schaffen“, sagt Silke Mücher, die seit sieben Jahren als Ordnungs-Coach im Einsatz ist.
Aber manchmal stecke eben auch mehr dahinter: Dann erlaubt der Blick in die Schränke auch einen Blick in die Seele. Und weil die Wermelskirchenerin während ihrer Arbeit als Ordnungsfee immer wieder diese Momente erlebt hat, in denen innere und äußere Ordnung zusammenhingen, ließ sie sich im vergangenen Jahr zur Begleitenden Seelsorgerin ausbilden. Sie besuchte Seminare der Stiftung „Therapeutische Seelsorge“, bestand die Abschlussprüfungen und darf seit dem das entsprechende Zertifikat tragen. „Ich merke im Alltag als Ordnungsfee, dass mir die Ausbildung hilft“, sagt Silke Mücher.
Das gilt für jenen Moment, in dem sie auf eine alte Dame traf, die vor einigen Jahren ihren Mann verloren hatte. „Sie konnte sich nicht von seinen Sachen trennen“, sagt Silke Mücher. Zu schmerzhaft schien der Abschied von Kleidung und Alltagsgegenständen. Dann erzählt sie von der jungen Mutter, deren Schränke überquollen: „Sie ging zweimal in der Woche einkaufen“, erzählt die Ordnungsfee, „und dann landeten viele Dinge im Einkaufswagen, die sie schon hatte.“ So türmten sich Zuhause Messbecher und Öle, Kräuter und Gläser. Ohnehin treffe sie häufig auf Menschen, die Lebensmittel sammeln würden – trotz kleiner Küchen und wenig Platz. Es gebe Kundinnen, die hätten genug Lebensmittel, um davon zwei Jahre zu überleben. „Ich nehme mir dann Zeit, um zuzuhören“, sagt Silke Mücher. Zuweilen erfährt sie dann von Leere und Einsamkeit – auch trotz großer Familien. Sie hört von Ersatzbefriedigungen, die über Verluste oder Lücken hinweghelfen sollen. Von Einkäufen, die der Seele für einen Augenblick gut tun. Stelle sie pathologische Züge fest, empfehle sie eine professionelle Beratung.
„Das ist ein gesellschaftliches Problem“, sagt Silke Mücher. Und dann fallen Stichworte wie Konsum, Rabattschlachten und die zunehmende Anonymisierung der Gesellschaft. Nicht umsonst gebe es immer mehr Ordnungs-Coaches. „Und immer mehr geht es dann auch um eine Art Lebensberatung“, sagt Silke Mücher. und blickt sich in ihrem eigenen Häuschen um. Gerade hat sie die Weihnachtsdeko abgenommen. „Ich bin wie ich bin“, sagt sie, „ein strukturierter Typ, dem es vielleicht manchmal an Kreativität fehlt.“ Aber sie appelliert dafür, die Leere nach Weihnachten auszuhalten. Wenn Weihnachtsschmuck und Deko verschwunden seien, dann dürfe es auch erstmal leerer werden. „Wir jetten von einem Event zum nächsten“, sagt sie, „und dann haben wir plötzlich im Januar den ersten Strauß Tulpen im Wohnzimmer stehen.“
Während ihrer Ausbildung hat sie gelernt, Persönlichkeitsstrukturen zu erkennen – ihre eigene und die der anderen. Sie hat Gesprächsführung geübt und dabei einen Grundsatz verinnerlicht: „Ich lasse den anderen immer so stehen, wie er ist“, sagt sie. Denn die Bergische Ordnungsfee weiß auch: Was der eine noch als Chaos empfindet, hat für den anderen schon Struktur. „Für jeden fängt Ordnung an einer anderen Stelle an“, sagt sie. Und wer mit seiner Art von Unordnung klar komme, der pflege eben einen Lebensstil.
Wenn Menschen allerdings an den Punkt kommen, an dem sie nicht mehr klarkommen, dann kommt Silke Mücher ins Spiel. Zum Jahresbeginn hätten viele Menschen den Wunsch, Struktur in ihren Haushalt oder ihr Büro zu bringen. Die Herangehensweise, Ordnung zu schaffen, sei immer die gleiche: Aussortieren. Und dabei hilft die Fachfrau – mit Feingefühl. Kleider und Alltagsgegenstände, die nicht mehr gebraucht werden, bringt sie ins Sozialkaufhaus. Überzählige Lebensmittel stellt sie der Aktion „Food Sharing“ zur Verfügung. Bei Bedarf erstellt sie mit den Kunden auch Terminpläne fürs Einkaufen. „Einmal in der Woche reicht völlig“, sagt sie. Und sie empfiehlt Einkaufszettel, damit auch nur die Dinge im Wagen landen, die wirklich gebraucht werden. Silke Mücher bringt auch Ordnungsideen für den Schreibtisch mit – die vor allem auf einer Vierfachablage und verschiedenen Farben basieren. Wenn es dann leere wird in den Speisekammern und Schränken, dann finde auch alles seinen Platz, erklärt sie. Silke Mücher weiß: „Das ist für viele Menschen ein Befreiungsschlag.“