Wermelskirchener besorgt um Trinkwasser: Wenn die Gülle per Tanklaster kommt

Wermelskirchener besorgt um Trinkwasser : Wenn die Gülle per Tanklaster kommt

Die Düngesaison hat begonnen. Leser wollen wissen, wieso der Landwirt die Gülle auf seinen Acker bringen darf - und was das für die Natur bedeutet.

Es stinkt. Jedes Jahr im Frühjahr düngen die Landwirte ihre Felder. Die Gülle kommt aber nicht von nebenan, sondern im Tanklaster von weit her. Und das stinkt den Anwohnern umso mehr. Erst recht, wenn der Acker nicht weit von der Dhünn-Talsperre und des sie umgebenden Trinkwasser-Schutzgebietes entfernt ist. Aber auch Bewohner abgelegener Häuser, die auf einen eigenen Brunnen angewiesen sind, sorgen sich um die Qualität ihres Trinkwassers. "Wir müssen alle auf unsere Natur aufpassen", sagt die Großfrenkhausenerin Irmgard Ulm-Nürnberg.

Die BM-Leserin rief vergangene Woche unsere Redaktion an. Ein großer Tanklaster mit niederländischem Kennzeichen stehe auf Rölscheider Seite an einem Acker und versorge den örtlichen Landwirt mit Gülle. Der Redakteur fuhr hin und konnte die Lage in Bild und Geruch bestätigen. Die Gülle war schon zu riechen, lange bevor der Acker in Sicht kam.

"Es gibt definitiv einen Transport von Gülle aus den Niederlanden", sagt Joachim Tichy, stellvertretender Geschäftsführer der Lindlarer Kreisstelle der Landwirtschaftskammer. Das niederländische Kennzeichen des Tanklasters müsse aber nichts heißen, denn in Grenznähe seien auch niederländische Speditionen in Deutschland unterwegs. Die Gülle könne auch aus den viehstarken Kreisen Borken oder vom Niederrhein ihren Weg ins Bergische gefunden haben. "Gülle von außerhalb ist sehr günstig, teilweise gratis", sagt Tichy. Jeder Betrieb dürfe aber nur eine bestimmte Menge ausbringen.

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Die Landwirte reichen bei der Landwirtschaftskammer einen Nährstoffvergleich ein. In diesem bilanzieren sie, wie viel Nährstoffe sie einer Fläche entziehen und zuführen. Entzug entsteht durch Ernte oder im Falle von Grünflächen durch Mähen. Zufuhr entsteht in der Regel durch Düngung. Landwirte, die selbst keine Tiere halten, können entweder mineralischen Dünger oder Gülle hinzukaufen, um ihre Bilanz auszugleichen. Durch stichprobenartige Kontrollen stelle die Landwirtschaftskammer sicher, dass sich alle Landwirte an die Regeln halten.

Die Qualität des Trinkwassers in der Dhünn sei in den vergangenen Jahren stetig besser geworden. "Wir haben deutlich bessere Nitrat-Gehalte als noch vor zehn Jahren", sagt Benjamin Jacob, Berater der Wasserkooperation der Landwirtschaftskammer. Die Arbeit mit den Landwirten funktioniere gut. Um den Geruch weiter zu verringern werden die Verfahren zunehmend verschärft.

Ab 2020 dürfen Landwirte Gülle auf dem Acker nur noch direkt in den Boden ausbringen, ab 2025 gilt dies auch auf Grünland. Auch wenn Gülle keinen guten Geruch habe, sei sie doch umweltfreundlicher als mineralischer Dünger. "Um ein Kilo Mineraldünger herzustellen, wird 1,5 Liter Erdöl verbraucht", sagt Jacob.

Der Handel mit Gülle ist wirtschaftlich sinnvoll, dessen ist sich auch Josef Tumbrinck bewusst, Landesvorsitzender des Nabu NRW. "Der Gülletourismus erreicht zunehmend abgelegene Gegenden", sagt Tumbrinck. Bilanztechnisch seien diese Flächen noch aufnahmefähig. "Das ist alles legal", sagt Tumbrinck. Auf dem Markt herrsche ein massiver Druck. Hätte der Landwirt früher für Gülle zahlen müssen, bekomme er heute Geld für die Abnahme. Ob die erhöhte Gülleausfuhr negative Auswirkungen auf das Grundwasser habe, könne man erst in einigen Jahren sagen.

Für die Artenvielfalt sei das intensive Güllen von Grünland verheerend. Zwischen Frühjahr und Herbst düngten und mähten die Landwirte eine Fläche bis zu vier Mal. Das sei höchster Stress für alles, was dort wachse. "Die stärkste Pflanze setzt sich durch", sagt er. "Innerhalb eines Jahres wachsen dort nur noch ein bis zwei Gräser, aber nichts Blühendes mehr."

(cha)
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