1. NRW
  2. Städte
  3. Wermelskirchen

Vorsitzender des Naturschutzvereins spricht er über die Situation der Vögel

Montagsinterview für Wermelskirchen : „Das ist dann nur noch eine grüne Wüste“

Ulrich Schott spricht über die Situation der Vögel in Wermelskirchen

Herr Schott, wie ist es um die Vögel in Wermelskirchen bestellt?

Ulrich Schott Sicherlich besser als in manch anderer Gegend. In Wermelskirchen haben wir einen recht vielseitigen Lebensraum – eine enge Verzahnung von bebauten Gebieten und Naturlandschaften. Hier sind vor allem das Eifgen- und das Eschbachtal zu nennen. Dort können viele Vogelarten Lebensraum finden, die etwa in stark von Landwirtschaft geprägten Gegenden keine Chance mehr hätten.

Was sind die größten Gefahren für sie?

Schott Landwirtschaftliche Flächen werden sehr intensiv bis an den Wegesrand genutzt und sind freigeräumt von Sträuchern, Gehölzen und anderen flurbegleitenden Biotopen. Dazu kommt der Nahrungsmangel, vor allem weil die Insektenzahl von der reinen Masse her stark abgenommen hat in den vergangenen Jahren. Die Ursachen sind noch nicht ganz geklärt, aber vermutlich spielen hier auch Pestizide eine Rolle.

Welche Vögel sind denn besonders bedroht?

Schott Das geht eigentlich querbeet durch alle Arten. Zumal auch ganz häufig vorkommende Arten wie die Amsel, die durch eine aus Afrika eingeschleppte Viruserkrankung gefährdet ist, stark betroffen sind.

Welche Aufgaben übernehmen Vögel im Ökosystem?

Schott Jedes Tier hat seinen Platz im Ökosystem. Alle Arten, die darin vorkommen, haben eine Rolle in diesem Gesamtmosaik. Auf der einen Seite sind Vögel Nahrungsverwerter. Sie leben von Insekten und halten deren Zahl in Schach. Auf der anderen Seite sind sie auch Nahrung für andere Tiere. Und wenn in diesem Ökosystem zu viele Arten ausfallen oder reduziert sind, führt das zu einem Ungleichgewicht. Das Ökosystem ist ein komplexes System, dessen Gleichgewicht von vielen verschiedenen Bereichen abhängt – von lokalen bis zu weltweiten.

Was kann der Einzelne den Vögeln denn im Alltag Gutes tun?

Schott Ganz wesentlich ist eine möglichst große Artenvielfalt im Rahmen der Vegetation zu bieten. In Wermelskirchen gibt es eine große Anzahl von privaten Gärten rund um Einfamilienhäuser. Das ergibt eine sehr große Fläche. Allerdings setzt sich leider immer mehr durch, die Vorgärten etwa mit Thujen oder Kirschlorbeer zu bepflanzen, die pflegeleicht und immergrün sind. Aber für die einheimische Tierwelt sind diese Pflanzen eben völlig wertlos. Wenn dazu dann noch Mähroboter zum Einsatz kommen, die jede Blüte bereits sehr früh abschneiden, das ist dann nur noch eine grüne Wüste.

Wie sieht ein vogelfreundlicher Garten aus?

Schott Man sollte einheimische Sträucher pflanzen, etwa Weißdorn, Schlehe, Eberesche und ähnliche Bäume und Sträucher, in möglichst großer Zahl. Dann sollte man sehen, dass viele Blüten vorhanden sind, damit Insekten in ausreichender Zahl als Nahrung für Vögel vorkommen.

Ein Streitthema ist die Winterfütterung. Wie sehen Sie das Thema?

Schott Ja, das wird kontrovers diskutiert. Aber mittlerweile hat sich die Meinung durchgesetzt, dass man den häufig vorkommenden Arten wie Meisen oder Dompfaffen eine Hilfe geben kann, indem man ganzjährig füttert. Denn die Anzahl der Insekten ist mittlerweile so stark geschrumpft, dass die Vögel häufig nur noch für den eigenen Nachwuchs Futter finden. Das bedeutet dann, dass sie so stark entkräftet sind, weil sie selbst nichts zu fressen finden. Das führt dann dazu, dass die Lebenszeit verkürzt ist und gegebenenfalls auch nicht mehrfach gebrütet werden kann, wie das eigentlich üblich ist. Insofern ist eine ganzjährige Fütterung, wenn man sie richtig macht, durchaus sinnvoll. Sie löst aber nicht die grundsätzliche Problematik.

Wie füttert man denn richtig?

Schott Das fängt bei der Hygiene an. Ein normales Häuschen mit Dach und Sitzfläche ist etwa nicht sinnvoll, da sich die Vögel durch ihren Kot gegenseitig anstecken können, etwa mit Salmonellen. Wichtig ist also, dass das Futter immer trocken ist und keine Verunreinigung durch Kot stattfinden kann. Ideal sind dafür etwa Futtersäulen geeignet, die wie ein Spender funktionieren. Aber auch die Futterqualität ist wichtig. Viele Produkte aus dem Supermarkt sind nicht gut geeignet, da sie sehr viel gehärtete Fette enthalten. Dann bekommen Vögel die gleichen Probleme wie der Mensch: Arterienverkalkung, Herzverfettung, Herzinfarkt. Die Vogelschutzverbände zertifizieren unterschiedliches Futter, darauf sollte man achten. Das ist auch einfach auf der Verpackung zu erkennen. Wichtig ist zudem auch, dass man ambrosiafreies Futter kauft, denn diese hochallergene und problematische Pflanze will man sich nicht in den Garten holen. Es gibt hier eben Futter, dass auch mit Ambrosiasamen verunreinigt ist.

Was sind denn die natürlichen Feinde der Singvögel?

Schott Raubvögel leben etwa von kleineren Vogelarten, etwa Habicht oder Falke. Der kleinere Vogel ist hier Bestandteil der Nahrungskette.

Wie lautet Ihr Appell an Katzenbesitzer?

Schott Es gibt eine zunehmende Zahl von Hauskatzen, die auch frei herumlaufen. Und eine Katze hat einen Jagdinstinkt, selbst wenn sie von der Nahrungsbeschaffung her nicht darauf angewiesen ist, weil sie vom Menschen versorgt wird. Sie jagt dennoch Vögel, da es ihre Natur ist. Wenn man nun Nisthilfen im Garten aufhängt, sollte man darauf achten, dass sie nicht von Katzen erreicht werden können. Das gleiche gilt für Futterquellen. Wenn eine Futtersäule so hängt, dass eine Katze sie mit einem Sprung erreichen kann und vom Vogel, der auf das Futter konzentriert ist, gar nicht bemerkt wird, ist das kontraproduktiv. Es gibt tatsächlich auch Futtersäulen, die mit einem Käfig versehen sind, durch dessen Öffnung nur kleine Vögel passen. Man darf dabei etwa auch die Elster nicht vergessen, die ebenfalls von kleineren Singvögeln leben.

Wie kann man verhindern, dass Vögel gegen große Fensterflächen fliegen?

Schott Es gibt mittlerweile ganz feine Netze, die man kaum sieht, die aber so reflektieren, dass Vögel erkennen, dass hier keine freie Fläche ist. Das wird mittlerweile bei großen Gebäuden mit viel Fensterfläche standardmäßig verbaut. Gerade bei Wintergärten sollte man das machen. Die einfachen Vogelaufkleber helfen aber nicht viel.

Haben Sie einen Lieblingsvogel?

Schott Vögel sind jetzt zwar nicht mein persönlicher Schwerpunkt, aber ich freue mich grundsätzlich über eine große Vielfalt an Vögeln. Die sind sehr schön anzusehen, aber ich weiß eben auch um den großen ökologischen Nutzen, den die Tiere haben. In meinem Garten steht ein großer Nussbaum, direkt hinter dem Haus, und da tummeln sich immer ganz viele Vogelarten. Da bin ich jedes Mal froh, wenn ich eine große Vielfalt entdecken kann.