Wermelskirchen: Tafel: Niemand wird abgelehnt

Wermelskirchen: Tafel: Niemand wird abgelehnt

Der Aufnahmestopp für Migranten bei der Essener Tafel sorgt für Diskussionen. In Wermelskirchen gibt es keinen Verdrängungsprozess zu Lasten von Rentnern und Alleinerziehenden. Ausgabesystem und Regeln haben sich bewährt.

Lebensmittelausgabe nur noch für deutsche Neukunden? Die Essener Tafel ist in die öffentliche Diskussion geraten, nachdem deren Vorstand entschieden hatte, dass die Tafel bis auf weiteres nur noch Bedürftige mit deutschem Pass aufnimmt. Sie hat dafür sowohl Zustimmung erhalten als auch einen Sturm der Entrüstung geweckt, weil einige befürchten, dass dieser Schritt Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten sei. Ist auch bei der Wermelskirchener Tafel solch ein Verdrängungsprozess bei der Ausgabe beobachtet worden? Wie regelt sie einen geordneten Ablauf? Die BM fragte nach.

Ein Aufnahmestopp für Migranten gebe es nicht. Sie würden genauso aufgenommen wie Deutsche. "Die Anzahl der Kunden hat sich auf hohem Niveau stabilisiert", zieht Tafel-Vorsitzende Brigitte Krips Bilanz. Allerdings sei das immer eine Momentaufnahme. Der Anteil deutscher Kunden einerseits und Migranten andererseits halte sich derzeit in etwa die Waage. Als die Sammelunterkünfte für Flüchtlinge aufgelöst wurden, habe es allerdings eine Welle von Neukunden gegeben, weil sie nicht mehr voll versorgt wurden, sondern in der neuen Bleibe ihre Mahlzeiten selbst zubereiteten. "Der Ansturm war für uns eine Herausforderung", räumt die Vorsitzende ein.

In Essen hatten Migranten zuletzt 75 Prozent der Tafel-Kundschaft ausgemacht. Dort seien Alleinerziehende sowie Rentner kaum noch zur Lebensmittelausgabe gekommen, beklagte deren Vorsitzender. Medienberichten zufolge war es bei der Ausgabe teilweise zu tumultartigen Szenen gekommen. Derlei Kämpfe um Lebensmittel haben sich hier noch nie abgespielt.

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In der Wermelskirchener Tafel gibt es für die Kunden ein festgelegtes Ausgabe-System, das den neuen Kunden genau erklärt wird. "Bei ausländischen Neukunden ohne deutsche Sprachkenntnisse helfen Landsleute beim Übersetzen, die schon länger hier sind", sagt Brigitte Krips. "Und wir achten darauf, dass die Regeln auch eingehalten werden. Dabei hilft eine freundliche, aber auch bestimmte Ansprache."

Bei der Ausgabe geht es darum, dass niemand bevorzugt oder benachteiligt wird. "Ist aber mal die Milch knapp, achten wir darauf, dass sie vorrangig Kunden mit Kindern bekommen", nennt die Vorsitzende ein Beispiel für die Aufteilung der teilweise begrenzten Mengen an gespendeten Lebensmitteln bestimmter Art. Zurzeit gebe es weniger Obst und Gemüse.

Jeder Tafel-Besucher hat eine Kundenkarte, die er vor der Ausgabe vorweist. Dienstags gebe es halbstündige Zeitfenster für bestimmte Kundengruppen, die zeitlich eingeschränkt sind wie beispielsweise Rentner, die darauf angewiesen sind, dass sie jemand zur Essensausgabe fährt. Mittwochs werden die Lebensmittel ebenfalls in halbstündigen Zeitfenstern nach Kundennummern verteilt - in einem rollierenden Verfahren: Jeder ist einen Monat in Gruppe eins, wandert dann in Gruppe zwei, drei und so weiter. Fünf solcher Gruppen gibt es. Krips: "Somit kommt jeder einmal in den Genuss, die volle Auswahl zu haben." Das heißt aber nicht, dass die letzte Gruppe leer ausgeht. Vor der Ausgabe treffen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter, um die gespendeten Waren aufzuteilen. "Bei uns wird jeder bedient, wir können noch angemessen ausgeben", sagt Brigitte Krips und erinnert daran, dass die Tafel "nur" unterstützend hilft und kein Ersatz für armutsmindernde, staatliche Maßnahmen darstellt.

(pd)