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Persönlich: Bewegte Geschichte des Märchenhauses an der Schillerstraße

Persönlich : Bewegte Geschichte des Märchenhauses an der Schillerstraße

Der alte Baum im Garten, blühender Rhododendron, der Stuck an den Decken der alten Villa: Die Besucher im "Haus der Begegnung" ahnten um die lange und tragische Geschichte des markanten Gebäudes. Sie hatten von Familie Kattwinkel gehört, die in der benachbarten Fabrik Industriegeschichte geschrieben hatte. Aber wer einst durch die hohen Räume geflitzt war, wer in der Villa an der Schillerstraße geliebt und gelitten hatte und welche Spuren dieser Geschichte bis heute sichtbar sind, das ahnten die Senioren nur.

Der alte Baum im Garten, blühender Rhododendron, der Stuck an den Decken der alten Villa: Die Besucher im "Haus der Begegnung" ahnten um die lange und tragische Geschichte des markanten Gebäudes. Sie hatten von Familie Kattwinkel gehört, die in der benachbarten Fabrik Industriegeschichte geschrieben hatte. Aber wer einst durch die hohen Räume geflitzt war, wer in der Villa an der Schillerstraße geliebt und gelitten hatte und welche Spuren dieser Geschichte bis heute sichtbar sind, das ahnten die Senioren nur.

Marianne Hürten sorgte mit ihrem lebendigen Vortrag im Haus der Begegnung für Aufklärung. Sie nahm die vielen Besucher mit auf eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Damals entdeckte Eugen Kattwinkel auf der Kirmes die Nähmaschine und veränderte damit die Industriegeschichte der Stadt nachhaltig. 1860 schaffte er für die Weberei Julius Keller die erste Nähmaschine der Stadt an.

"Das war so wichtig für Wermelskirchen, dass später darüber diskutiert wurde, die Nähmaschine ins Wappen der Stadt aufzunehmen", erzählte Marianne Hürten. Mit der fußbetriebenen Nähmaschine begann die große Erfolgsgeschichte der Familie Kattwinkel. 1870 gründeten die Brüder Eugen und Wilhelm ihre erste eigene Fabrik an der Schillerstraße, von der das Kesselhaus bis heute an die aufregende Gründungszeit erinnert.

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"Im gleichen Jahr schmiedeten Eugen Kattwinkel und seine Frau Pläne für ihre Villa", erzählte Marianne Hürten. Die Wohnung in dem alten Fachwerkhaus an der Berliner Straße war für die Familie zu klein und unkomfortabel geworden. Mit dem Erfolg der Firma, in der Stoffschäfte für Schuhe entstanden, nahm die Familie ein neues Zuhause in den Blick. Sonnige, große, luftige Räume habe sich die emanzipierte Jenny Kattwinkel für ihre Kinder gewünscht.

Blumen im Garten und Ziegen, die dort grasen sollten. Das Paar schuf ein Märchenhaus. Marianne Hürten hat dank Werner Kattwinkel, der ihr Briefe seiner Familie überließ, viel gelesen über die Beziehung der Bewohner zu ihrer Villa. Das Gebäude wurde zum Zuhause - und von hier aus war auch der Weg nicht weit zur Fabrik, die 1892 gebaut wurde. Mit sieben Kindern habe das Paar in der Villa gelebt, geliebt, gestritten und das Leben genossen, sagt die Geschichtsexpertin.

1909 starb Eugen Kattwinkel, damit begann auch das Ende der Erfolgsgeschichte - 20 Jahre später übernahmen P. und C. Fritz mit ihrer Schuhproduktion die Fabriken und den Erfolg. "Jenny Kattwinkel ist nach dem Tod ihres Mannes alleine in der Villa geblieben", erzählte Marianne Hürten. Mit dem Ersten Weltkrieg beschlagnahmten die Besatzungssoldaten die stattliche Villa, anschließend beanspruchte die Stadt das Gebäude für Menschen auf der Suche nach Wohnraum.

1920 starb auch Jenny Kattwinkel. "Ihr Herz war gebrochen", schrieb ihre Tochter später. Die Stadt ersteigerte das Gebäude für 150.000 Mark und bot Wohnungssuchenden für 70 Jahre Unterschlupf. "1974 entstand die Altentagesstätte", sagte eine Zuhörerin. Erst die Stadt, dann die Rheinische Gesellschaft: Das Haus wurde zur Begegnungsstätte. Die feiert 2018 unter Leitung der Rheinischen Gesellschaft ihr 25-jähriges Bestehen.

Am 24. Juni soll die jüngere Geschichte des Hauses lebendig werden - dank vieler erzählfreudiger Zeitzeugen.

(resa)