1. NRW
  2. Städte
  3. Wermelskirchen

SPD, Grüne und FDP wollen Gesamtschule

Schulpolitik in Wermelskirchen : SPD, Grüne und FDP wollen Gesamtschule

Ein Parteien-Trio startet mit der Entscheidung in der Schulform-Diskussion. Aus deren Sicht sprechen alle Argumente gegen die Neueinrichtung einer Realschule. Hauptschüler dürften nicht „abgeschoben“ werden – das wäre ein „fatales Zeichen“.

Nachdem sich die Grünen bereits zum Jahreswechsel für eine Gesamtschule als zweite weiterführende Schulform neben dem Gymnasium in Wermelskirchen ausgesprochen haben (wir berichteten), beziehen nun auch SPD und FDP diese Stellung. Das verdeutlichten die beiden Fraktionsvorsitzenden Jochen Bilstein (SPD) und Marco Frommenkord (FDP) gemeinsam mit Grünen-Fraktionssprecher Stefan Janosi im Rahmen eines Pressegesprächs. Mit dabei auch der Wermelskirchener Bildungs- und Wissenschaftsjournalist Armin Himmelrath, der 1986 am Gymnasium Wermelskirchen sein Abitur machte und die Entscheidung pro Gesamtschule aus Sicht landes- und bundesweiter Schulpolitik untermauerte.

„Die Sekundarschule ist verbrannt“, konstatierte Jochen Bilstein und verwies auf das Fazit des Fachbüros „Biregio“ im aktuellen Schulentwicklungsplan, der auch die Ergebnisse einer Befragung aller Eltern von Grundschulkindern in Wermelskirchen als Basis hat. Darin heißt es: „Um alle Begabungsspektren zu bedienen und eine Ausgewogenheit der Angebote in der Region beizubehalten, sollte die Stadt Wermelskirchen versuchen, für die Zukunft eine Gesamtschule neben dem Gymnasium zu etablieren.“ Wie der Sozialdemokrat, der auch Vorsitzender des Schulausschusses und Lehrer im Ruhestand ist, betonte, habe das Schulsystem das grundsätzliche Problem, dass sich Eltern zu früh für eine weiterführende Schulform für ihr Kind entscheiden müssten: „Etwa 50 Prozent der Kinder gehen auf das Gymnasium. Die anderen 50 Prozent sollen die Chance haben, sich so spät wie möglich für ihre Perspektiven zu entscheiden.“ Somit wäre die Gründung einer neuen Realschule ein Rückschritt.

  • Im Technikraum konnten die Schüler einen
    Tag der offenen Tür in Hückeswagen : Großes Interesse an der Realschule
  • Der Eingangsbereich des Theodor-Heuss-Gymnasiums im Schulzentrum
    Antrag bewilligt in Radevormwald : Das THG wird ein Bündelungsgymnasium
  • Blick aus der Luft auf das
    Kevelaer : Schul-Anmeldung nur per Termin

Dieser Einschätzung schloss sich Marco Frommenkord an. Die Liberalen hätten zwar noch keinen Beschluss ihrer Ratsfraktion gefällt, es gäbe jedoch eine deutliche Tendenz zur Gesamtschule: „Wir haben hart diskutiert. Stadt und Kommunalpolitik müssen das Feld bereiten, das bestmögliche Bildung garantiert.“ Zukunftsweisend könne es nicht sein, einzelne Gruppen von Kindern zu vergessen oder abzuschieben, wie es bei einer Realschulgründung für Jungen und Mädchen mit Hauptschulempfehlung erscheinen müsse: „Das wäre ein fatales Zeichen.“ Als „schon unmenschlich“ und „unglaublich“ bezeichnete Bilstein diese theoretische Option, die die in der Frage der zukünftigen Schulform noch unentschlossene CDU als Möglichkeit durch Kooperationen mit Schulen in Nachbarstädten nicht ausgeschlossen hatte (wir berichteten).

Die Grünen würden sich „eindeutig“ für eine Gesamtschule aussprechen, bekräftigte Stefan Janosi die Einmütigkeit seiner Fraktion: „Das dreigliedrige Schulsystem war einst bewährt, ist es heute aber nicht mehr. Was das ‚Biregio‘-Büro an Ergebnissen vorgelegt hat, ist eine Chance – demnach bleibt eigentlich nur die Entscheidung für eine Gesamtschule.“ Die Stadt befände sich im Wettbewerb mit anderen Kommunen und dazu gehöre eine gute Schullandschaft: „Wer 40.000 Einwohner erreichen will, muss attraktiv sein - auch bei den Schulen.“

Die Umfrage unter den Eltern wäre wichtig und hätte „eine Art Patt“ zwischen Real- und Gesamtschule ergeben, sagte Jochen Bilstein: „Die Entscheidung empfiehlt der Schulausschuss und fällt der Stadtrat. Und das hoffentlich auf Basis der Daten von ‚Biregio‘.“ Diese würden in einer Realschule eine lediglich „kleine Veränderung“ sehen, zur Gesamtschule als Lösung raten. Auf einen weiteren Aspekt zugunsten der Gesamtschule richtete Stefan Janosi das Augenmerk: „Im Vergleich hat eine Gesamtschule den höheren Personalschlüssel, ist also deutlich besser aufgestellt als eine Realschule.“

Als gewichtigstes Argument für eine Gesamtschule fasste Armin Himmelrath zusammen: „Damit lassen sich möglichst lange, möglichst flexibel, möglichst alle Schülerinnen und Schüler in Wermelskirchen unterrichten.“ Der Experte in Sachen Schul- und Bildungspolitik machte genauso das Lehrermangel-Thema als Begründung aus: „Aktuell legt Klaus Klemm eine Studie vor, wonach bis 2030 ein erheblicher Lehrermangel an allen Schulformen außer den Gymnasien herrscht.“ Wäre also eine Schule zum Sterben verurteilt, würden die Lehrkräfte flüchten und keine neuen kommen. Die bestehende Sekundar- würde hingegen in der neuen Gesamtschule aufgehen, was dem derzeitigen Sekundarschulkollegium sogar zusätzliche Möglichkeiten eröffne.