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Solingen nach Hochwasser: Kirche Unterburg soll Lebens-Raum werden

Nach dem Hochwasser kommen viele Ideen : Kirche Unterburg soll Lebens-Raum werden

Erst kam das Hochwasser, dann eröffneten sich die Möglichkeiten: Einige Ehrenamtlicher setzen sich für einen besonderen Kulturort ein.

Das Wasser floss langsam zurück ins Bett der Wupper – und in der Kirche in Unterburg offenbarten sich die Schäden. Den dicken Wänden hatte das Wasser zugesetzt, die alten Bänke aus Holz waren nicht wieder zu erkennen, der Boden hob sich, und der Schlamm hatte sich bis in die letzten Ecken des Gotteshauses gedrängt.

„Und plötzlich sahen wir die Möglichkeiten“, sagt Birgit Siekmann aus Unterburg. Als die Helfer den Putz von den Wänden der Kirche geschlagen hatten, die Möbel auf dem Kirchhof lagen und Helfer aus Halle einen Holzboden in das leere Gotteshaus eingezogen hatten, da begannen die Ideen zu sprudeln. „Wir merkten: Hier geht etwas, was vorher nicht ging“, sagt Birgit Siekmann. Und so wie sie selbst, erkannten das auch andere. Pfarrerin Almuth Conrad etwa: Sie befand wenige Tage nach dem Hochwasser, dass man an einer Art Weggabelung angekommen war. „Wir wussten, es geht nicht mehr weiter und waren bereit, es zu nehmen, wie es ist.“ Aufgeben oder neu denken.

Die Pandemie hatte die Zahlen der Gottesdienstbesucher weiter zurückgehen lassen. Das Gemeindeleben in Unterburg, für das die Evangelische Kirchengemeinde in Wermelskirchen verantwortlich zeichnet, war beinahe zum Erliegen gekommen. Und dann das Hochwasser. „Aber plötzlich entstand der Raum für Möglichkeiten“, sagt Regina Brabender aus Unterburg. Im vergangenen Jahr lud die Kirchengemeinde Anwohner und Interessierte zu einem ersten Perspektivgespräch ein. Das Interesse war groß. „In unserer Situation diese geschlagene und geschundene Kirche zu sehen, das hat etwas mit uns gemacht“, sagt Birgit Siekmann. Auf irgendeine Weise seien viele Unterburger mit der alten Kirche verbunden. „Das ist mein Heimatort. Wir können diesen Augenblick nutzen, um einen Sozialraum entstehen zu lassen“, sagt Birgit Siekmann. Viele haben ihren Kontakt zur Gemeinde nach dem Hochwasser und der Spendenaktion neu definiert.

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Und bald stand ein Plan: Die Gemeinde würde nicht erst bauen und dann über Nutzungsmöglichkeiten nachdenken, fasst Pfarrerin Conrad zusammen. Stattdessen sollen die Ideen jetzt Raum finden. Sanierung und Kirchenbau stehen dann später auf der Agenda – je nachdem, wie sich die Kirche entwickelt. Ohnehin müssen die Mauern mindestens ein Jahr trocknen, bevor an bauliche Maßnahmen gedacht werden kann. Seit jenem Tag also, an dem Birgit Siekmann und Regina Brabender in der leeren Kirche standen und ihre Ideen zu sprudeln begannen, ist viel passiert. „Es ist wie ein Puzzle, das sich mehr und mehr zusammensetzt“, sagt Birgit Siekmann.

Für dieses Jahr sind zahlreiche Konzerte und eine Ausstellung geplant, ein musikalisches Picknick im Kirchgarten ist vorgesehen. „So bunt wie möglich“, sagt Birgit Siekmann, „wir wollen sehen, was hier alles denkbar ist.“ Bands mit Rockmusik gastieren in der Kirche genauso wie Chöre mit geistlicher Musik. Künstler haben sich gemeldet, als sie von der neuen, besonderen Bühne im Bergischen hörten. Mit dabei sind etwa „The Juicy Souls“ und ARTonale, „Jazz im Ohr“ und Xciting, die Brasshoppers, Dr. Mojo und „Whisper not“. Es ist ein Logo entstanden, dass die Kirche in vielen bunten Bausteinen zeigt. „So wollen wir sein“, sagt Regina Brabender, „ein Ort für Einheimische, Spaziergänger und Besucher, die einen Raum der Stille suchen und ein Veranstaltungsort für Besucher, die feiern wollen.“ Beides soll möglich sein.

Und was sagt die Pfarrerin zu den Ideen? „Wir freuen uns sehr über das ehrenamtliche Engagement“, sagt Almuth Conrad, „und wir wollen diesen Raum bieten.“ Im Grunde sei die Kirche von ihrem Ursprungsgedanken her ein Sozialraum. Und dahin kehre man nun zurück. „Das ist kein Gegensatz, sondern ein Miteinander“, sagt die Pfarrerin. Sie wünsche sich, dass die Unterburger die Kirche als ihren Raum wahrnehmen – zum Feiern, zur Begegnung und zur Stille. Es sollen auch Gottesdienste stattfinden.

Die Perspektivgruppe arbeitet unterdessen weiter, mit zwei Gemeindeberatern der Landeskirche. Vieles sei möglich, sagt die Pfarrerin, viele Fragen seien auch noch offen – etwa nach neuen Trägerstrukturen, einer möglichen Vereinsgründung, nach Fördergeldern für Sanierung oder Kulturprogramm. „Jetzt geben wir dem Ganzen erst mal Zeit“, sagt Pfarrerin Conrad. Im Sommer 2023 wolle man dann sehen, wie sich die Ideen entwickelt haben. „Wir hoffen, dass dann bereits viele Menschen das gefunden haben, was wir hier sehen“, sagt Birgit Siekmann, „einen ganz besonderen Ort.“