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So sieht der Alltag im Wermelskirchener Tierheim aus

Im Tierheim : Haufen einsammeln statt Hunde streicheln

Reportage Unsere Redaktion begleitet die Mitarbeiter des Wermelskirchener Tierheims und erhält ein ungeschminktes Bild vom Alltag in der Einrichtung mit rund 50 Tieren – und von deren Herkunft aus einer Station in Rumänien, die wohl eine der wenigen Nicht-Tötungsstationen ist.

Das, was sie jeden Morgen hinter der Tür zum Hundehaus erwartet, sei für Larissa Heimchen im Anfang das Schwerste gewesen. Und ich kann es nachempfinden: Als wir in die Herberge der momentan 20 Hunde eintreten, schlägt uns ein strenger Geruch entgegen. Ich bin selbst mit Hunden groß geworden und hielt mich bis dahin geruchstechnisch für abgehärtet. Jetzt muss ich zugeben: Es stinkt wirklich. Und zwar nicht die Hunde selbst, die sind längst in den Außengehegen. Nein, der Grund für das Übel liegt auf dem gefliesten Boden verteilt, in einem der sechs Zimmer besonders gehäuft. „Das ist das Welpenzimmer“, sagt Heimchen.

Mit Schaufel und Eimer macht sich die werdende Tierpflegerin, die vor knapp anderthalb Jahren ihre Ausbildung im Wermelskirchener Tierheim angefangen hat, ans Werk und beseitigt die rund zehn Haufen, ohne mit der Wimper zu zucken. „Im Anfang war das schon heftig, aber man gewöhnt sich ziemlich schnell dran“, erzählt sie. Die meisten Hunde seien stubenrein, aber die Welpen müssten noch lernen, ihr Geschäft draußen zu erledigen. Im Winter sei das morgendliche Übel besonders „gehäuft“, da die Hunde früher reingeholt werden als in den Sommermonaten und dementsprechend mehr in ihren Zimmern hinterlassen.

Kurze Zeit später kann man auf dem Boden wieder treten und dank des großzügigen Lüftens auch wieder durchatmen. Die tägliche Säuberungsaktion ist damit aber noch nicht zu Ende: Die angehende Tierpflegerin kontrolliert die Decken in den Körben, sortiert den größten Teil zum Waschen aus. Die Körbe werden an eine Eisenvorrichtung an die Wand gehängt, damit wir den Boden in Arbeitsteilung wischen, abziehen und trocknen können. Und das sechsmal. „Der größte Teil unserer Arbeit ist definitiv das Saubermachen“, sagt Heimchen. Sie ist eine von acht festen Mitarbeitern im Tierheim, daneben gibt es noch viele ehrenamtliche „Katzenstreichler“ und „Hundeausführer“. Trotz der körperlichen Anstrengung macht sie ihren Job gerne – sie hat sich nach mehreren Jahren im Büro bewusst für ihn entschieden.

Rüde Nicki ist einer der Neuzugänge im Tierheim, auch er kommt aus Rumänien. Foto: Deborah Hohmann

Draußen macht sich Alessa Werner, die fachliche Tierheimleitung, in einem der zehn Außengehege an die Arbeit. Jetzt bin ich diejenige, die, mit Schaufel und Eimer bewaffnet, den Hundekot aufsammelt – an der frischen Luft ist das allerdings weitaus angenehmer. Schnell zeigt sich, welche der vier dort untergebrachten Hunde zutraulich sind: eine kleine Hündin namens Marlene und ein schwarzer Rüde, der erst seit zwei Tagen im Tierheim ist: Nicki. Während Marlene zwischendurch von einem Gassigeher abgeholt wird, verfolgt Nicki uns neugierig bei der Arbeit.

◀ Die auszubildende Tierpflegerin Larissa Heimchen bei der morgendlichen Routine im Hundehaus. Foto: Deborah Hohmann

Wie die meisten anderen Hunde kommt auch er aus Rumänien. Dort ist die Situation für sämtliche Hunde katastrophal: Durch ein 2013 erlassenes Gesetz ist das Töten von herrenlosen Hunden legal – und dank einer verhältnismäßig hohen Prämie für jeden abgegebenen Hund ein lukratives Geschäft. „Statt das Geld in Kastrationsprogramme zu stecken, was das einzig Sinnvolle in dieser Situation wäre, wird mit den Prämien ein verbrecherisches Geschäft angeheizt“, berichtet Günter Leuerer, Leiter des Tierheims. Die Tiere werden in öffentlichen Tierheimen, sogenannte „Public Shelter“, abgegeben – in Deutschland bekannt als Tötungsstation. Das Bild, das diverse Tierschutzorganisationen von deren Zuständen zeichnen, ist grauenvoll: von Mitarbeitern, die das für die Hunde bestimmte Futter auf dem Schwarzmarkt verhökern, die dementsprechend unterernährten und oft kranken Hunden sich selbst überlassen und sie nach Ablauf der Frist erschlagen statt sie einzuschläfern.

Ein Mitarbeiter des Public Shelter in Botosani: Dank des Engagements von Tierschützern ist der Umgang mit den Hunden hier ein anderer als in den öffentlichen Tierheimen Rumäniens üblich. Bleiben können die Tiere hier trotzdem nicht. Foto: Pfötchenhoffnung e.V.

Nicki und die anderen Hunde im Wermelskirchener Tierheim hatten das Glück im Unglück, im Public Shelter in Botoșani gelandet zu sein. In der Stadt im Nordosten Rumäniens vermittelt der Verein Pfötchenhoffnung die Tiere nach Wermelskirchen und an viele weitere Tierheime und Pflegestellen in Deutschland. „Dort wurde seit der Erlassung des Gesetzes kein einziges Tier getötet“, berichtet Leuerer. Der Grund: Der Verein habe es vor Ort mit enormer Aufbauarbeit geschafft, den Bürgermeister von Botoșani, Cătălin Mugurel Flutur, vom Tierschutz zu überzeugen. In der an das Shelter angeschlossenen Tierarztpraxis werden sämtliche abgegebene Hunde untersucht und kastriert. Auch dort sei die Situation noch nicht ideal, aber, so Leuerer, ein Anfang.

Um kurz vor elf Uhr sind wir mit dem Putzen soweit fertig, danach beginnt die Vermittlungszeit, in der Interessenten zu Besuch kommen. Nach meinem Vormittag im Tierheim weiß ich vor allem eins: Die Arbeit von Tierpflegern ist knochenhart und beginnt jeden Tag von vorne. Genau wie die von Tierschützern.