Schulsport: Lehrer schlagen Alarm in Wermelskirchen

Wermelskirchen: Sportlehrer schlagen Alarm

Immer mehr Kindern, auch in Wermelskirchen, fehlt es an motorischen Grundfähigkeiten. Schuld ist auch der Trend zu bewegungsarmer Freizeit. Der Stadtsportverband setzt da auf Sportfreizeiten im Sommer.

Chiara Vallinis Mutter kann aufatmen: Ihre Tochter läuft keine Gefahr, ein "Couch Potato" zu werden. "Ich muss nicht zum Training, sondern ich will", sagt die durchtrainierte Achtklässlerin, die drei Mal in der Woche mit dem Bus von Wermelskirchen nach Leverkusen fährt, um beim Leichtathletik-Verein TSV Bayer 04 gefördert zu werden.

Weil ihr das nicht genügt, geht sie mittwochs und samstags auch noch zum WTV, wo Trainer Dieter Brischke vor vielen Jahren die Grundlagen für ihren sportlichen Werdegang legte.

Jugendliche wie Chiara sind der Stolz eines jeden Sportvereins, aber alles andere als repräsentativ: Die bewegungsfreudige Gymnasiastin sei "Teil einer kleinen sportlichen Leistungsspitze", erklärt Christian Ovelhey (35), der als Leiter der Fachschaft Sport die Talente dieses Fachbereichs an seiner Schule gut überblickt.

Wer sich ein realistisches Bild von den sportmotorischen Fähigkeiten des Nachwuchses machen wolle, "darf nicht auf die Kinder schauen, die Sport als Leistungskurs in der Oberstufe anstreben, sondern muss die Normalos in den Blick nehmen".

Hier sei festzustellen, "dass Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination innerhalb von wenigen Jahren messbar gesunken sind". So gebe es beispielsweise "immer weniger Kinder, die sich auf einem Barren in einer Streckfunktion halten können". Dass es mit der Stütz- und Haltekraft der Schüler bergab gehe, zeige sich aber auch schon "bei einfacheren Übungen wie Handstand oder Bockspringen, die eigentlich an den Grundschulen einstudiert werden".

Für Ovelhey, der einem Team von einem guten Dutzend Sportlehrerinnen und Sportlehrern vorsteht, sind das besorgniserregende Beobachtungen. Er spricht ein Problem an, das auch die Jugendorganisation des Deutschen Olympischen Sportbundes beschäftigt. "Wir beobachten eine gewisse Polarisierung", sagt Peter Lautenbach, Leiter des Ressorts "Jugendarbeit im Sport" der Deutschen Sportjugend.

In der Tat oft abhängig von der sozialen Schicht, gebe es weiter viele Kinder und Jugendliche, die in Vereinen Sport treiben, was sich "in stabilen Zahlen auf hohem Niveau" widerspiegele. "Auf der anderen Seite gibt es aber auch immer mehr Kinder, die von Haus aus generell nicht gefördert werden. Bei vielen diesen Kindern spielt körperliche Bewegung keine Rolle mehr."

Chiara Vallini sieht das ähnlich: "Ich kenne zwar ein paar Leute, besonders im Differenzierungskurs Sport, die intensiv Sport treiben. Ich denke aber, dass ungefähr die Hälfte der Leute, die ich kenne, eher keine Freude an Bewegung hat." Womit sie etwas kritisiert, was auch Ovelhey besorgt: "Wenn ich in einer fünften Klasse frage, wer in einem Sportverein ist, zeigen 25 von 30 Kindern auf. Doch was heißt das schon, wenn ein Kind einmal in der Woche in einen Sportverein geht? Die Frage ist, was das Kind in der restlichen Zeit macht!"

Vallini muss da nicht lange nachdenken: "Handys und elektronische Geräte spielen eine große Rolle." Kommen noch andere Faktoren hinzu, wie unsportliche Eltern als schlechtes Vorbild oder ein zu großer schulischer Druck, entsteht nach Angaben von Klaus Junge (72), dem Vorsitzenden des Stadtsportverbandes, eine chronische Bewegungsarmut mit teilweise drastischen Folgen: "Am deutlichsten sehen wir das in den Sommerferien, wenn viele berufstätige Eltern ihren Nachwuchs für Sport-Freizeiten anmelden. Das ermöglicht uns Sportfunktionären den Kontakt zu Kindern, die sonst gar keinen Sport mehr treiben. Viele dieser jungen Menschen bewegen sich total unbeholfen. Das ist traurig zu sehen."

Vor allem deshalb, weil laut Lars Rosario Scarpello, einem Experten für Berufsorientierung, das Interesse von Jugendlichen am Sport eigentlich weiter anhält. "Eine der häufigsten Fragen in den Auswertungsgesprächen der Potenzialanalyse ist, wo die Berufe im Sport oder mit Tieren zu finden seien.

Dies hat sich in den vergangenen Jahren nicht verändert", sagt Scarpello, dessen Mitarbeiter auch am Gymnasium in Wermelskirchen eine Potenzialanalyse mit allen Achtklässlern durchführten. Umso bedauerlicher, dass es Ovelhey zufolge immer weniger Kinder gibt, die ihre sportlichen Begabungen bis zum Abitur voll ausschöpfen. Was aber auch an gesunkenen Anforderungen liege: "Als ich hier 2013 anfing, musste ein Schüler in meinem ersten Leistungskurs die 5000 Meter noch in 18 Minuten und höchstens 30 Sekunden laufen, um eine Eins plus zu kriegen. Heute genügen 21 Minuten und 15 Sekunden."

(RP)