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Rheinisch-Bergischer-Kreis: Corona verschärft die persönliche Krise

Rheinisch-Bergischer Kreis : Corona verschärft die persönliche Krise

Senioren, Opfer von Gewalt oder pflegende Angehörige: Auch sie geraten in Corona-Zeiten an neue Grenzen. Neun Arbeitsgruppen im Kreishaus sind für diese Menschen seit Ausbruch der Pandemie im Einsatz.

Von einem auf den anderen Tag herrschte Ausnahmezustand: Risikogruppen sollten das Haus nicht mehr verlassen. Pflegeeinrichtungen wurden für die Öffentlichkeit geschlossen. Schutzmaterial wurde knapp. Im Kreishaus entstanden unter dem Dach des „Amts für Soziales und Inklusion“ mit dem Beginn der Coronakrise neun Arbeitsgruppen mit 50 Mitarbeitern, die sich im Rahmen des Krisenstabs genau diesen Fragen annehmen.

Welche Menschen brauchen in dieser Krise besondere Unterstützung? „Wir kümmern uns um die Menschen, die sich auch ohne Infektionsgeschehen in besonderen Lebenslagen befinden“, sagt Claudia Materne, Leiterin des „Amtes für Soziales und Inklusion“. Die Coronakrise habe gezeigt, dass die bestehenden Rahmenbedingungen und Angebote an ihre Grenzen stoßen. „Das gilt etwa in der Seniorenarbeit“, sagt Annika Möller von der Arbeitsgruppe „Niedrigschwellige Angebote“. Die Bedeutung dieser Arbeitsfelder sei durch die Krise besonders deutlich geworden. „Da werden Themen wie Einsamkeit im Alter oder fehlende soziale Teilhabe ein Thema“, sagt sie. Wo die Digitalisierung nicht bis ins Wohnzimmer und an Pflegebetten reiche, habe die Krise Menschen erst einmal alleine zurückgelassen.

Welche Hilfe gibt es für Menschen in besonderen Lebenslagen? „Die Menschen haben sich selbst am meisten geholfen“, lobt Möller. Innerhalb weniger Wochen gründeten sich im Kreisgebiet mehr als 80 Initiativen, die sich für die Unterstützung ihrer Mitmenschen einsetzen. „Das Engagement ist bewundernswert und zeigt die Solidarität zwischen den Generationen“, befindet Möller.

Welche Unterstützung gibt es für stationäre Einrichtungen und pflegende Angehörige? Das „Amt für Soziales und Inklusion“ richtete für die ambulanten Dienste, stationären Einrichtungen und pflegende Angehörige eine Hotline ein. Zusätzlich wurden Sondereinrichtungen für die zusätzlichen Pflegebedarfe aufgebaut. „Wir haben Dienstleister aus der ambulanten und stationären Versorgung, Immobilienbesitzer und Tagungsstätten, Rehakliniken, Hotels sowie Träger und Verbände an einen Tisch gebracht“, erklärt Gabi Schmidt von der Arbeitsgruppe „Sonderplätze“. In Corona-Zeiten sei es schwierig, Menschen, die plötzlich pflegebedürftig würden, risikofrei in einem Pflegeheim aufzunehmen – ohne die dortigen Bewohner oder Mitarbeiter zu gefährden. Es seien also alternative Versorgungsformen entwickelt worden.

Wie sehen diese alternativen Versorgungsformen aus? Dazu gehören auch spezielle Quarantäneeinrichtungen. „Die Sonderplätze werden vom Team der Quarantänepflege zugewiesen“, erklärt Teamleiter Thomas Beier. Es habe Fälle gegeben, in denen Menschen auf der Straße standen – weil sie weder Zuhause noch in einer Einrichtung unterkommen konnten. „Bisher wurden immer Lösungen gefunden“, sagt Beier.

Wie werden die Sondereinrichtungen personell versorgt? Das Problem des Pflegefachkraftmangels in sozialen Berufen verstärkt sich in Corona-Zeiten weiter. Über das Helferportal auf der Webseite des Rheinisch-Bergischen Kreises können sich Personen melden, die in medizinischen, pflegerischen oder sozialen Berufen ausgebildet sind. „Die Freiwilligen vermitteln wir an Einrichtungen, die Personalbedarf anmelden“, erklärt Dirk Osadnik von der Arbeitsgruppe „Personal“. Außerdem haben die Bundeswehr und örtliche Initiativen ausgeholfen.

Nehmen die Anfragen für finanzielle Unterstützung für Pflegeplätze zu? „Diese Unterstützungsanfragen nehmen generell zu, wenn aufgrund einer epidemischen Lage die häuslichen Versorgungsstrukturen wegbrechen und vermehrt stationäre Aufenthalte notwendig werden“, sagt Inge Röhrig, Sachgebiet Stationäre Leistungen.

Wie sieht die Versorgung mit Schutzausrüstung im Kreis aus? Trotz des anfänglichen Mangels konnte der Kreis schnell einen Bestand an Schutzausrüstung besorgen und lagern. „Diesen haben wir dann den Einrichtungen bei Bedarf zur Verfügung gestellt“, sagt Bastian Mumme von der „Arbeitsgruppe Sachmittel“. Um schon im Vorfeld Bedarfe abklären zu können, hatte die Arbeitsgruppe Mangelversorgung unter der Leitung von Ralf Oberheim verschiedene Szenarien durchgespielt und Abläufe entwickelt.

Wie bleiben die Akteure im sozialen Bereich trotz kurzfristiger Neuregelungen handlungsfähig? „Die ständigen Veränderungen stellen natürlich die Routine auf den Kopf“, sagt Heimaufsicht Andrea May. Mit Arbeitshilfen und Merkblättern habe man deshalb versucht, den Einrichtungen das Wichtigste kompakt mit auf den Weg zu geben und bei der Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen.